Der Fleck

Zum heutigen Texttag präsentiert «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» eine weitere Geschichte von Daniel Lüthi. Die Situation ist bekannt: Eine dumme Bewegung, schnell ist es passiert und der Rotwein ist auf dem Teppich statt im Glas. Doch hier ist der entstandene Fleck kein Fleck, und wie es zum Malheur gekommen ist, bleibt unklar.

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» präsentiert zum Texttag die Geschichte «Der Fleck» von Daniel Lüthi. zVg

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» schätzt sich glücklich, Ihnen zum Texttag die Geschichte «Der Fleck» von Daniel Lüthi zu präsentieren. zVg

Natürlich hätte ich gleich wissen müssen, dass der Fleck endgültig war. Es war einfach zu viel Rotwein. Trotzdem stürzte ich in die Küche und holte das Salz, leerte den halben Sack auf den Teppich und trat das Ganze mit den Füssen platt. Für einen Augenblick dachte ich, die Situation gerettet zu haben – da floss wie in einem schlechten Horrorfilm wieder neues Rot unter dem Weiss des Teppichs hervor und breitete sich noch weiter aus. Erneut streute ich Salz darüber und ignorierte den kalten Schauder, der mir nun den Rücken hinunterkroch. In einem Film wäre der Weinfleck nun noch grösser gewachsen und hätte sich blutrot verfärbt, hätte Boden, Wände, Möbel benetzt und mich in einem Meer aus kupfernem Tod ertränkt … ich schüttelte den Kopf und wandte mich zum Tisch. Das Weinglas war ganz geblieben. Ein einzelner Weintropfen hing wie eine Träne am Rand.

Ich blickte wieder auf den Teppich. Das Salz wurde von innen her rosa. Ich seufzte. Der Teppich war kein Erbstück, aber ich hatte ihn lange genug besessen, um wenigstens ein bisschen Frust und Reue zu verspüren. Es war der erste richtige Fleck darauf. Ich lachte ob dem kindischen Gedanken beinahe. Dann wurde mir klar, dass ich gar nicht mehr wusste, wie das Weinglas umgestossen worden war. War ich eingeschlafen? Draussen war immer noch Nacht, kein Anzeichen von Dämmerung. Ich fühlte mich nicht müde, aber beim Aufstehen wurde mir kurz schwindlig. Morgen, dachte ich. Es ist Sonntag, und du kannst den Fleck dann rausschrubben. Morgen.

Mein Magen fühlte sich dumpf an, als ich aufwachte. Ich hatte so tief geschlafen wie schon lange nicht mehr. So tief, dass mein Hunger vermutlich immer noch irgendwo in meinen Träumen verschwunden war. Ich zupfte mein Haar zurecht und stapfte ins Wohnzimmer hinunter. Der Fleck war noch da und schimmerte in der Farbe von leichter Schamesröte. Ich verkniff mir ein weiteres Lachen und schlurfte in die Küche, holte Schaufel und Besen. Das Salz knirschte und brach, als ich es aufschippte. Säuerlicher Rotweinduft. Ich rümpfte die Nase. Zu früh am Morgen dafür. Auf einmal kam etwas Schneeweisses unter dem rosafarbenen Salz hervor. Es war glatt und hatte etwa die Grösse einer Schlaftablette. Dann fand ich eine zweite davon. Eine dritte. Nach der sechsten hörte ich auf zu zählen. Mein Magen schmerzte. Mir wurde kalt, und der saure Geschmack im Mund machte auf einmal Sinn.

Der Fleck war immer noch da.

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