Büchner in Zett

Von Dominik Riedo

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Büchners Grab auf dem Zürcher Germaniahügel: «Von Zürich also in den Himmel? – Hätte die himmlische Instanz, gäbe es sie, ein Gespür und Sinn für Literatur, hätte Büchner nicht mit 23 Jahren sterben müssen, sondern eher wie Ernst Jünger mit fast 103 Jahren. Oder gäbe es den Teufel, hätte er die beiden Lebenslängen zumindest miteinander vertauscht.» (Wikimedia)

«Alles Erreichte ist nichts …»

«Sehet, es kroch so nackt und weich in die Welt, wie ihr, und wird so hart und steif hinausgetragen, wie Ihr.» Von Zürich in den Himmel?

Georg Büchner, geboren am 17. Oktober 1813, also im Jahr der Völkerschlacht bei Leipzig, oder, mag man es harmonischer, im Jahr, in dem auch Friedrich Hebbel geboren wird und Richard Wagner, oder im Jahr, in dem Arthur Schopenhauer seine Dissertation einreicht, ist das Kind revolutionärer Zeiten: Ab 1832 hält er Vorträge über die politischen Verhältnisse in Deutschland, die er als ungerecht für sämtliche Unterschichten erkennt und beklagt. 1834 gründet er mit Gleichgesinnten die ‹Gesellschaft für Menschenrechte› in Giessen. Und er verfasst den sogenannten «Hessischen Landboten», ein flammendes Pamphlet gegen die sozialen Missstände der Zeit mit dem seither fast schon zur Phrase verkommenen Aufruf «Friede den Hütten! Krieg den Palästen!»

Doch als er in der Folge deswegen angeklagt wird, scheint die Welt immer noch gross, «ein ungeheuer weitläufiges Gebäude», und Büchner kann 1835 vor den Schergen des Grossherzogtums Hessens nach Strassburg flüchten. Dort schliesst er das Studium der Medizin ab und wird mit seiner Dissertation «Über das Nervensystem der Fische» ein Jahr später zum Dr. phil. der Universität Zürich promoviert, wo er seine Forschungsarbeit eingereicht hat. Im gleichen Jahr zieht er nach Zürich und hält Vorlesungen.

Schön scheint ihm die Schweiz – und gerecht: «Die Schweiz ist eine Republik, und weil die Leute sich gewöhnlich nicht anders zu helfen wissen, als dass sie sagen, jede Republik sei unmöglich, so erzählen sie den guten Deutschen jeden Tag von Anarchie, Mord und Totschlag. Ihr werdet überrascht sein, wenn Ihr mich besucht; schon unterwegs überall freundliche Dörfer mit schönen Häusern, und dann, je mehr Ihr Euch Zürich nähert und gar am See hin, ein durchgreifender Wohlstand.» Nicht eine Sicht, wie man sie von Georg Büchner zuerst erwarten würde. Aber die Verhältnisse in den 1830er-Jahren sind in der Schweiz tatsächlich gerechter als vielerorts, denn «in den Strassen laufen hier nicht überall Soldaten», die die Menschen unterdrücken. Erst zehn Jahre später, mitten im Sonderbundskrieg, darf dann Friedrich Engels mit einiger Berechtigung sagen: «Endlich also hat es sich herausgestellt, dass die Wiege der Freiheit nichts anders ist als das Zentrum der Barbarei, namentlich die Urschweiz.»

Doch für Büchner scheint das Ziel 1836 erreicht: Er steht am Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere; er wohnt in einem Land, das ihn tatsächlich die Wiege der Freiheit dünkt; er hat sich verlobt; und er schreibt am «Woyzeck». Seltsam nur, dass fast alle seine bis dahin geschrieben Dichtungen den Tod explizit oder implizit irgendwie im Titel tragen: «Dantons Tod» und «Lenz. Eine Reliquie» (der Titel stammt nur indirekt von Büchner). Und auch der letzte überlieferte Brief an die Verlobte von Ende Januar 1837 liest sich im Nachhinein mit ahnungsvollen Vorzeichen: «Mein lieb Kind, Du bist voll zärtlicher Besorgnis und willst krank werden vor Angst; ich glaube gar, Du stirbst – aber ich habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je.»

Wie schnurrt ihm danach nicht bald die Welt zusammen und wird ein enges Spiegelzimmer, in dem man kaum wagen darf, die Hände auszustrecken, aus Furcht, überall anzustossen, sodass «die schönen Figuren in Scherben auf dem Boden lägen und ich vor der kahlen, nackten Wand stünde». Am 2. Februar 1837 zeigen sich nämlich die ersten Symptome von Typhus, die zunächst aber nicht als solche erkannt werden. Vermutlich hatte Büchner sich bei der Arbeit an seinen medizinischen Präparaten infiziert. Am 15. Februar endlich werden alle Anzeichen des ‹Faulfiebers› erkannt, die Gefahr als «sehr gross» bezeichnet. Seine Verlobte eilt von Strassburg nach Zürich, wo sie am 17. Februar eintrifft. Büchner erkennt sie noch, ansonsten ist er vom Tode gezeichnet. Minna Jaegle kann ihm am 19. Februar nur noch «die Augen zuküssen».

Neben Lenz, der nicht wirklich ‹beendet› ist, bleibt auch «Woyzeck»-Fragment.

Von Zürich also in den Himmel? – Hätte die himmlische Instanz, gäbe es sie, ein Gespür und Sinn für Literatur, hätte Büchner nicht mit 23 Jahren sterben müssen, sondern eher wie Ernst Jünger mit fast 103 Jahren. Oder gäbe es den Teufel, hätte er die beiden Lebenslängen zumindest miteinander vertauscht.

Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von «Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie» in Bern. Dreizehn Buchveröffentlichungen. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung direktdemokratisch zum Kulturminister der Schweiz ernannt (2007-2009). Präsident des DeutschSchweizer PEN-Zentrums von 2010-2012.

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