Analysen II, III, V
An diesem Texttag präsentiert «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» eine dreiteilige Geschichte von Romana Ganzoni, in der die komplexe Beziehung einer Patientin zu ihrem Psychiater ausgebreitet wird. In drei unabhängigen und doch zusammenhängenden Analysen lernen wir die ganze Bandbreite ihrer Hoffnungen und Ängste kennen.
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«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» schätzt sich glücklich, Ihnen an diesem Texttag einen Dreiteiler von Romana Ganzoni zu präsentieren. zVg
Von Romana Ganzoni
Analyse II
Die Patientin öffnete die Tür des Haupteingangs, als ihr die alte Frau mit Krücken und bandagierten Beinen entgegenkam. Die alte Frau sah aus wie die auf Grossmutter getrimmte alte Frau aus der Migros-Werbung, ein altes Müetti, ein Guetmüetti, die Züri-Nonna aus den guten alten Zeiten, als es in Züri noch gar keine Nonnas gab. Der schlohweise Dutt mit einem Kamm fixiert, rote Backen, Lismete in der Umhängetasche, immer ein gutes Wort für die Enkelkinder, zu jeder Jahreszeit selbstgemachte Johannisbeer-Rahm-Glace in der Kühltruhe.
War die Grossmutter auch eine Patientin? War sie s e i n e Patientin? Unmöglich. Grossmütter brauchen keine Analysen, das ist grossmutterunwürdig. Was würden die Enkel zu einer Grossmutter sagen, die in die Analyse geht? Sie würden grübeln, ob es mit der Johannisbeer-Rahm-Glace etwas auf sich habe. Die Grossmutter stellte sie ganzjährig her, obwohl Beeren im Winter keine Saison haben. Eine unnatürliche Sache, Johannisbeer-Rahm-Glace im Winter. Vor allem für eine Grossmutter. Wenn es draussen schneit, sollte eine Grossmutter Gugelhopf mit Rosinen anbieten oder Röschti, keine Glace.
Die Enkel hätten ein schlechtes Gewissen, erführen sie, dass sie in jugendlichem Egoismus alle Zeichen der psychischen Irrwege ihrer Grossmutter ignoriert haben, dass sie nicht da waren für sie, dass sie die Probleme der Grossmutter auf das Wasser in den Beinen reduzierten, auf den wackligen Gang. Weil es praktisch war. Weil sie Johannisbeer-Rahm-Glace schlecken wollten, jahrein, jahraus.
Die Patientin lehnte die Vorstellung ab, die Grossmutter könnte auch eine Patientin sein. Die Vorstellung, sie könnte seine Patientin sein, lehnte sie strikt ab.
Als sie beide Möglichkeiten abgelehnt hatte, gab sie zu, dass sie nicht auschliessen konnte, dass diese Person theoretisch eine, theoretisch seine Patientin sein oder werden könnte. Die Patientin hielt den Schmerz aus, der mit dem Gedanken kam, dass diese Person eben wegen eines Patientinnen-Vorstellungsgesprächs beim Analytiker gewesen war. Um den grossen Schmerz zu mildern, tröstete sich die Patientin, die auf den intellektuellen Approach schwor, mit grossen Fragen: Sind das nicht alle Menschen: Patienten. Das Leben, ein einziges Bewerbungsgespräch.
Die Patientin beschäftigte sich gerne mit grossen Fragen. Sie war für Redlichkeit sich selbst gegenüber, vor a l l e m sich selbst gegenüber. Sie wollte das Thema weiterspinnen, als ihr zuckender Mund das Gesicht aus der Bahn warf. Zum Glück, dachte die Patientin, nicht, dass mir noch ein Lächeln entschlüpft, das diese Person, die sich anmasst, ohne Vorkenntnisse Patientin zu sein, als aufmunternd empfinden könnte, als Geste der Akzeptanz. Zwei Patientinnen hatten nichts gemein, nur weil sie beide auf einer oder im schlimmsten Fall auf der selben Couch lagen.
Eine Analyse-Schleicherin, die mit dem Jumbojet durch die Kinderstube gedonnert war, eine, die sich nicht einmal bedankte für das spontane Aufhalten der Tür, eine unanständige Alte, die lediglich kurz und ohne der Patientin in die Augen zu schauen, genickt hatte. So belohnten Grossmütter heutzutage Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft: Mit einem Dreck. – Wenn das die Enkel wüssten.
Die Patientin liess die Tür in dem Moment los, als die Alte die Schwelle überquerte.
Die Alte dachte wohl, die ganze Welt habe Mitleid, weil sie diesen Johannisbeer-Rahm-Glace-Zwang mit sich herumtrug, der sie dazu trieb, auch in den Wintermonaten Johannisbeer-Rahm-Glace zu fabrizieren. Daraus leitete das Subjekt frech ab, dass auch Fremde Rücksicht auf sie zu nehmen hätten, die Kassiererin in der Migros, die glaubt, da komme eine Migros-Werbung zur Kasse, oder der gutmütige Bus-Chauffeur aus dem Thurgauischen.
Sogar echte Patientinnen hätten Rücksicht zu nehmen auf sich aufplusternde Möchtegern-Patientinnen. Die echten Patientinnen mussten gefälligst riechen, dass es dem Krückstock nicht so gut ging, wie man meinen müsste, wüsste man nichts von der Johannisbeer-Rahm-Glace, fiele das Augenmerk auf den Dutt, auf die Umhängetasche mit der Lismete drin und nicht auf dieses tiefgekühlte Lächeln, wie es gewisse Prä- oder Pseudo-Patientinnen aufsetzen.
Eine ambulante Täuschung. Sie täuschte nicht nur ihre Enkel, die Kassiererin und den Bus-Chauffeur, sondern die Welt, die Welt minus die Patientin, die nun wusste, dass die da zur Analyse ging. Ja, das war die Wahrheit, ob die Welt sie kannte oder nicht.
Die auf Frau Harmlos getrimmte Vettel unter der Tür täuschte die Welt, sie täuschte den Analytiker. Die richtige Patientin wusste: Die kam aus der Analyse, die hatte sich aus der regulären Analyse und nicht aus dem Bewerbungsgespräch geschlichen.
Wäre die da eine Patientin wie sie selbst, man könnte sagen: Halb so schlimm. Es wäre etwas anderes. Aber so? Was konnte Hinkebein dem Analytiker bieten? Das kleine, brave Leben war schnell erzählt. Arm geboren, Bauernfamilie im Toggenburg, älteste Tochter, schuften ab acht, nichts gelernt, Heirat mit dem Handlanger vom Nachbardorf, zehn Goofen, fünfzig Enkel. Fertig. – Was sollte e r jetzt davon haben?
Die Patientin, die auf den historischen Approach schwor, sagte immer, früher war es nun einmal härter, die Leute waren das gewohnt, keine Neurosen weit und breit. Depression: unbekannt. Ein härteres Leben für alle, nicht nur für den billigen, dauerlächelnden Grossmutterverschnitt. Die Patientin wusste, was das Lächeln war: eine Kriegserklärung. Die Grossmutter war gekommen, die Patientin von der Couch zu stossen.
Die Patientin hatte bereits beim Aufziehen der Tür geahnt, dass ein falscher Zahn dahinter lauert, der eine dramatische Note in sein Leben schleusen will mit dem Tok-Tok der Krücken, in der Hoffnung, das Tok-Tok würde in der Patientin eine schreckliche Kindheitserinnerung auslösen. Wie der Vater mit den schweren Schuhen gekommen war am Mittag und sich immer zwei Würste nahm, die Patientin bekam nur eine Wurst. Analysebedarf: zwei, drei Stunden, nicht der Rede wert. Aber schlimmer als alles, was dieser selbstgestrickte Jammerlappen mit der entstellenden Couperose erlebt hatte. Die sollte dringend hellen Puder auflegen. Nie zu alt, Puder aufzulegen. Das gehörte doch einfach zu einer gepflegten Frau.
Die Patientin wunderte sich über die verluderte Weiblichkeit in der Schweiz. Praktische Kurzhaarschnitte hinter jeder Strassenecke, in der Coiffeurfarbe Pflaume, Turnschuhe, zu enge Jeans, schlecht sitzende Jacken in Mint und Lila, wo sie hinschaute. Ein Wunder, trug dieses weisshaarige Ärgernis nicht eine solche Jacke. Na, klar, sie wollte sich abheben von der Masse. Den Grossmuttertrick durchgeben. Den Jupe-und-gestärkte-Bluse-Trick. Ob der Analytiker darauf reingefallen war? Es sah so aus. Sonst hätte der Analytiker nicht wöchentlich einen Termin für so Eine. Alt, mit Bauch und ohne Taille, ohne Geschichte. Dieses Leben. In drei Sätzen erzählt. Und dann Leiden heucheln. Keine Fantasie. Kam hierher und stahl dem Analytiker kostbare Zeit.
Wo mochte sie wohnen? Die Patientin erwog, der Alten zu folgen, ausfindig zu machen, wie sie heisst, sie könnte Nachforschungen betreiben. Alte Schachteln waren natürlich nicht mit Google zu erfassen. Es würde schwierig werden – und teuer.
Die Patientin empfand es trotzdem als ihre Pflicht, mit den Enkeln über die Grossmutter zu sprechen, ihnen zu sagen, was ihr geliebtes Groseli hinter ihrem Rücken trieb. Wöchentlich. Sicher mindestens zwei Mal. Vielleicht drei. Heute war Freitag. Dann würde sie am Montag und am Mittwoch auch hier sein und den Analytiker zutexten mit grossmütterlichen Scheisssörgeli. Der verbrannte Gugelhopf, die Röschti, die wegen zu wenig feiner, reiner Alpenbutter missraten war. Nicht so knusprig wie sonst. Keine Sonntagsatmosphäre.
Bestimmt hasste der Analytiker diese Pest, die über ihn einbrach, mindestens drei Mal pro Woche. Aber er brauchte das Geld, weil er neulich einen dunkelblauen Bugatti T 57SC Atlantic gekauft hatte. Niemand wusste davon, die Patientin ahnte es. Vollblut-Patientinnen haben den siebten Sinn. Sie hatte ihn bewiesen. Unter der Tür. Aug in Aug mit der ausgebufften Lügnerin, die es zu stoppen galt. Auch sie könnte von dem Bugatti wissen und den Analytiker erpressen wollen.
Der Analytiker hatte letzte Woche traurig geschaut. Warum? Weil die Schlampe ihn erpresste. Als grundanständige Patientin mit echten, nicht hausgemachten Problemen, hatte sie den Auftrag, die räudige Hündin zu stellen, ihren Arm zu packen, ihn ein bisschen und dann ein bisschen mehr nach oben zu drücken, die Knochenbruchkandidatin würde sofort auspacken. Wenn nicht, könnte sie die heilige Lismete an sich nehmen und die Stricknadeln rausziehen, sie wegwerfen in hohem Bogen, mit ihrem Stöckelschuh auf die Gichtzehen der Erpresserin stehen, dann würde die singen, dass die Engel weinen. Gewalt gegen alte Menschen, das war nicht in Ordnung. Aber wenn es einem guten Zweck diente, dann könnte die Patientin die Frau, die den Analytiker ruinieren wollte, auch härter anpacken. Die Gerechtigkeit wäre auf ihrer Seite.
Er würde ihr das nie vergessen. Dankbar und gerührt würde er ihr die Hand geben. Was sie alles für ihn auf sich genommen habe an diesem Freitag. Sie würde sagen: Schon recht. Das ist doch selbstverständlich. Dazu sind wir Patientinnen da.
Wenn es blutig werden musste: Dann halt. Grosi würde den Zahn ausspucken und der Patientin in die Hand versprechen, nie mehr zu kommen. Weder an Montagen noch an anderen Wochentagen.
Eine andere Patientin würde ihren Platz einnehmen, eine freundliche, hübsche, mit schlanken Beinen, gepudert und gut frisiert, eine, die etwas zu erzählen wusste, eine, die den Analytiker nicht langweilte mit quälenden Wiederholungen unerträglicher Banalitäten. Eine wie die Patientin selbst. Eine Zwillingspatientin, auf die der Analytiker sich freuen würde wie ein kleines Kind, weil sie angenehm war, interessant, kultiviert, umwerfend lustig.
Jetzt hatte die Patientin den Faden verloren.
Plötzlich sagte der siebte Sinn der Patientin, dass diese neue Patientin sie nach zwei, drei Wochen ersetzen würde, die Neue würde eine Wohnung im gleichen Haus mieten und zwei Mal täglich zur Analyse erscheinen.
Der Mund der Patientin zuckte, sie brach in Tränen aus und entschuldigte sich mit gepresster Stimme bei der Grossmutter, die sie verdutzt anschaute.
«Ich wollte Sie vertreiben», sagte die Patientin. «Es tut mir von Herzen leid. Ein schreckliches Missverständnis. Können Sie mir noch verzeihen?»
«Ach, beruhigen Sie sich doch», sagte das Grossmütterchen. «Mein Sohn erwartet Sie bereits.»
Analyse III
Die Patientin wartete auf dem Gang vor der Tür. In der rechten Ecke über der Tür hingen Spinnennetze. Die Putzfrau hatte sie übersehen. Der Boden klebte, das Messingschild war nicht poliert. Die Spinnennetze hatten sich seit letzter Woche verdichtet, sie waren zu einer staubigen Aussage über die Liederlichkeit der Putzfrau geworden, zu einem Text mit wild gewobener Gedankenführung. Sie liessen die Patientin an ihre kleine, aber feine Traumageschichte denken, die mit der unerwarteten Pointe, die den Analytiker einst sichtlich ergriffen hatte, obwohl er immer gleichschwebend aufmerksam tat, wie es Vorschrift war.
Spinnweben, Schimmel, Flechten waren auch Vorschrift, Vorschrift im Wortsinn, vorschriftlicher Text, organisch-enigmatische Poesie, Märchengespinst der Natur, Gruselgeschichten im Kühlschrank und hundstraurige Novellen in schummrigen Gängen, die als Brutstätten für die Melancholie gelten konnten, die Melancholie, die bald zu beichten war. Sobald der Gang die Patienten in die Behandlungszimmer spuckte. Und das waren nur die Gangopfer. Wie viele Patienten – von den Patientinnen zu schweigen – hatten ihre depressiven Verstimmungen im Wartezimmer ihres Hausarztes aufgelesen? Das Depressive lauerte in den Mauerritzen, hinter der abgeblätterten Farbe, hinter den in Fichte gerahmten Diplomen, unter dem gut gemeinten Tischchen, das den Geschmack herausforderte. Das kaputte Spielzeug für die kleinsten Patienten: Plastik-Traktore ohne Räder, zwei verdreckte Lego-Palmen, ein Kinderbuch-Fragment.
Die Patienten wollten ein Arztzeugnis wegen der Grippe und gingen als chronische Fälle nach Hause. Suizidal, mit dem Gedanken, sich von der Jugendliebe scheiden zu lassen.
Die Traumageschichte mit der Pointe, von der sie vermutete, dass sie für ihr Werden zentral sei, hatte die Patientin vor ein paar Monaten etwa zum zehnten Mal erzählt, als sie ein Gähnen hinter sich hörte. Der Analytiker hatte gegähnt. Ihre Freundinnen glaubten ihr nicht. Niemals würde er hörbar gähnen. Sie wusste es besser. Er hatte gegähnt, gleich vor dem Höhepunkt der kleinen feinen Traumageschichte. Heute würde sie mit dem Höhepunkt anfangen, der würde Augen machen wie Espressotassen.
Wäre die Patientin Putzfrau, sie hätte es nicht zugelassen, dass sich über der Tür in der Ecke rechts Spinnennetze bilden. Sie hätte den Schmutzfäden den Garaus gemacht, indem sie mit den Straussenfedern zuerst bedrohlich gewedelt und dann alle Netzansätze gnadenlos beseitigt hätte. Mindestens zwei Mal wöchentlich und trotz möglicher (letztlich unbewiesener) Poesie oder knapp verpasster Metaphern.
Die Patientin trat von einem Bein auf das andere. Was war das? Links über der Tür prangte neu ein Loch. Durchmesser: etwa zehn Centimeter. Das war letzte Woche nicht da gewesen. Oder doch? Hatte die Patientin die Tendenz, eher nach rechts zu schauen? In einem Restaurant neigte sie dazu, immer in der rechten Hälfte sitzen zu wollen. Vor allem in der Kunsthalle in Basel, wegen des pompösen Dessertwagens, der einen Mord wert war, oder mindestens eine depressive Verstimmung beim Heimfahren.
Weil sie dazu neigte, nach rechts zu schauen und nach rechts zu wollen, mochte sie dieses Loch, so es denn schon länger existierte, bisher nicht bemerkt haben. Egal. Die Frage lautete: Wozu diente es? Trug sich der Analytiker mit dem Gedanken, eine Kamera zu installieren, um die Patientin bereits vor ihrem Eintritt zu beobachten, in freier Wildbahn? Wollte er ihr natürliches Verhalten studieren, um sich ein faires Bild zu machen?
Der Patientin leuchtete ein, dass die Verhaltensüberwachung der Patienten in der Warteschlaufe auf dem Gang eine sinnvolle Ergänzung zu den Verhörprotokollen war.
Die Patientin sah vom Nasenbohren ab, hob den Kopf und war bereit, sich auf dem Gang jederzeit korrekt zu benehmen, so dass aufgrund ihres Vorbildes Gesetze zum Verhalten auf Gängen formuliert werden könnten, daraus abgeleitet Maximen zum Verhalten auf Skiliften oder in Warteräumen der SBB, auch in Fussballstadien und Solarien. Sie stand da, gerade wie eine Kerze, dann im Kontrapost, klassisch, den Kopf geneigt, ein Lächeln im Gesicht.
Das wäre nicht nur für den Analytiker, der sie nächste Woche mit der Kamera beobachten würde, angenehm anzuschauen und entspannend für sie, es diente langfristig auch dazu, den Frustrationsfalten im Gesicht entgegenzuwirken. Zusätzlich wollte die Patientin ab nächster Woche auf dem Gang ihre Bauch- und Pomuskulatur anspannen, gefolgt von Beckenboden-Übungen und dem halblauten Aufsagen der ersten beiden Strophen von Goethes Zauberlehrling, auch die geistige Disziplin gehörte in die Gesetzesskizze.
Noch zwei Minuten, dann würde sie klingeln. Der Termin war um 15 Uhr. Sie nahm ein Taschentuch hervor, um sich zu schneuzen, damit sie drinnen nicht zuviel Zeit verlieren würde. Noch eine Minute. Dreissig Sekunden. Drei, zwei, eins: klingeln. Sie zählte auf zehn. Normalerweise öffnete er bei zehn. – Nichts. Der Analytiker kam nicht an die Tür.
Sie hörte Schritte, die auf die Tür zukamen. Sie gingen an der Tür vorbei. Mit den Schritten war ein Song gekommen und gegangen.
Die Patientin kniff sich in die rechte Wange. Hatte sie eben einen Hörsturz erlitten, war das Tinnitus – oder Lady Gaga, ihr Lied Alejandro? Sie hatte gehört, wie der Analytiker, der Hans hiess, «Alejandro» sang. Der Analytiker war ein Bariton, das hätte sie ihm nicht zugetraut, er hatte laut, mit perfekter spanischer Aussprache gesungen. Sie gab die straffe Haltung auf, vergass zu lächeln.
Der machte Witze. Er führte die Patientin an der Nase herum, brachte sie in die peinlichste Situation seit mindestens drei Tagen.
Nein, er machte keine Witze, das war Teil des Experiments, eine elaborierte Taktik, die der Analytiker jetzt einübte, damit die Resultate der Feldstudie ab nächster Woche unverfälscht blieben. Vor allem, wenn die Patienten skeptisch waren wie sie und eine Kamera vermuteten.
Zum Glück war die Kamera noch nicht da, sie wäre doppelt geprellt gewesen.
Das Versagen vor sich im Wissen, dass der Analytiker singend sah, wie sie im Halbdunkeln errötete, wie die Reflexe spielten, wie sie die Beherrschung verlor, das Wissen um seine Befriedigung, es war niederschmetternd.
Der kategorische Gang-, Skilift- und Wartezimmer-Imperativ konnte nicht mehr von ihrem Verhalten abgeleitet werden. Dafür hätte er gesorgt, wäre die Kamera bereits da.
Sang Gaga das Lied im Clip mit nacktem Hintern? Sie konnte sich nicht erinnern. Egal. Der Analytiker hatte ihr – ohne dass er davon wusste – die Hose runtergelassen. Es war wie in dieser Kurzgeschichte, die von der wahren Probe handelt. Der flüchtige Straftäter besteht eine erste Probe, um an der zweiten, an der richtigen Probe, die ihn überrascht, kläglich zu scheitern; er entlarvt sich selbst, liefert sich aus. Oder war das Scheitern des Straftäters die Läuterung.
Der Analytiker würde in wenigen Sekunden die Tür öffnen, nicht ahnend, dass das Experiment, das für die nächste Woche vorgesehen war, ohne Zuschauer geklappt hatte. Er durfte von ihr ab sofort neue Geschichten erwarten. Sie hatte verstanden.
Der Damm war gebrochen. Sie würde auf der Couch mit Selbsterkenntnis brillieren, und der Analytiker müsste sich am Riemen reissen, um die Contenance nicht zu verlieren, um die Vorschriften nicht über Bord zu werfen. Er würde in gleichschwebender Aufmerksamkeit warten, seine Hände müsste er kontrollieren, damit sie nicht in Applaus durchbrennen würden. Was für eine Erleichterung nach all ihren verstockten Versuchen, nach all dem Gestotter, all den miesen Stories, die er sich Jahr und Tag anhören musste. Jetzt kam die wahre Geschichte der P.
Endlich durfte sie sagen, dass sie Lady Gagas Alejandro auf der teuren Heimanlage auf Repeat gestellt hatte, endlich durfte sie über ihre Musikpräferenzen sprechen. Alle musikalischen und anderen Tabus waren heute, kurz nach 15 Uhr, gefallen. Sie glaubte an den Dominoeffekt, auch im Psychischen.
Bach und Brahms in Ehren, aber ihre Leidenschaft hatten sie nie entfachen können, obwohl sie das in Gesellschaft gelegentlich behauptet und jeweils das entsprechende Referat geliefert hatte, ein Referat, das so eindrücklich war, dass sie selbst staunte und ihre theoretische Vorliebe verstand – bis sie nach Hause kam und sich nach Musik sehnte, die ihr gefiel.
Sie wollte ab sofort (und für immer) zu sich stehen und klingelte zum zweiten Mal. Der Analytiker öffnete die Tür, zog den Stöpsel aus dem Ohr und sagte: «Frau Crasta, hallo!»
«Guten Tag! Wir haben auf heute abgemacht, 15 Uhr.»
«Oh! Es tut mir leid, aber ich habe Sie erst heute in einer Woche eingeschrieben. Lassen Sie mich zur Sicherheit nachschauen. Kommen Sie doch herein! Setzen Sie sich!»
Die Patientin trat ein. Eben war es ihr glänzend gegangen, sie hatte glücklich wie nie zuvor geklingelt. Jetzt, in seinem Wartezimmer sitzend wie an einer verpatzten Premiere, fühlte sie sich schlapp und elend. Sie stellte deprimiert fest: keine Diplome, keine Mauerritzen, kein zerbrochenes Spielzeug, nicht einmal eine winzige Spinnwebe. Letzteres beschäftigte sie: Kein Platz für Organisches, für Gewachsenes, für das Leben, das wahre Leben, das nicht immer clean ist, nicht makellos geputzt, gewienert, glänzend. Eine anal fixierte Putzfrau: Pfui Teufel!
Die Patientin würde der Schlampe Beine machen, wäre sie der Analytiker, sie würde an seiner Stelle eine Kamera einbauen, um zu beobachten, ob die Putzfrau versuchte, die Spinnweben, Sinnbild für Text und Sinn, zu entfernen. Würde sie das wagen, es gäbe Probleme, grosse Probleme. Der Analytiker, den sich die Patientin wünschte, würde das nicht dulden, er würde die Putze fristlos entlassen, sie vor die Tür setzen, ohne Wedel und ohne Geld.
Analyse V
Sie zählte bis zehn, die Tür ging auf, und der Analytiker streckte der Patientin die Hand entgegen, grüsste kauend, entschuldigte sich, sagte, er habe noch kein Mittagessen gehabt. Da kam ihr in den Sinn, dass auch sie noch nichts gegessen und vergessen hatte, die Cola Zero einzupacken, die zu Hause auf dem roten Stuhl bereit lag für die Reise an die Berggasse. Mandeln hatte sie mitnehmen wollen, die ideale Zwischenverpflegung. Sie hatte sich vorgenommen, Mandeln zu kauen, während sie auf der Couch lag, es hätte ihn nicht gestört, er war oft mit sich selbst beschäftigt, wie sie annahm. Sie nahm an, dass er mit seinen sieben schwarzen Füllfederhaltern von Montblanc herumspielte; sie lagen jeweils auf dem Plexiglas-Tischchen, während er hinter ihr sass als ungläubiger Pastor, die Füllfederhalter immerzu neu anordnend, wie die Patientin es mit ihren Geständnissen zu tun pflegte, obwohl alle Geständnisse gleich waren, wie die Plüschschimpansen beim Kinderarzt, die auf ihren flauschigen Hinterteilen in Reih und Glied am Fenster sassen und mit Glasaugen freundlich zu den kleinen Patienten schauten – von der ersten bis zur letzten Impfung.
Der Analytiker fuhr wahrscheinlich mit der Fingerbeere des rechten Zeigefingers über den eleganten weissen Montblanc-Stern von Füller 1, der kühl dalag wie eine Schneekappe, um dann zu ertasten, wie es um Füller 2 stand, ob er sich gleich anfühlte oder veränderte, je nachdem, was die Patientin gerade erzählte. Erzählte sie von ihrem Albtraum, der ihre Eltern erhängt an der Hausfassade vorführte, fühlte sich der Stern kühler an, er zog sich schützend in den Kunststoff zurück. Erzählte die Patientin von ihrer ersten Liebe, mit der sie mit zwölf einen Morgen lang in der Gondelbahn Runden fuhr, dehnte sich der Stern aus; er wurde grösser und fülliger, er erwärmte sich.
Der Analytiker mochte die Füller mit geschlossenen Augen austauschen, um unter veränderten neutralen Erzählumständen, zum Beispiel, wenn die Patientin von ihrer aktuellen Diät berichtete, herauszufinden, ob er intuitiv den Albtraumfüller vom Liebesfüller unterscheiden könnte. Er war sich sicher, dass er stets die kalte, introvertierte von der grossen, warmen Kappe unterscheiden konnte, denn da waren Hunderte anderer Patienten gewesen, die von ihren Albträumen erzählt hatten und von der ersten grossen Liebe. Alle schwarzglänzenden Füllfederhalter und ihre weissen Sterne auf den Kappen waren abwechslungsweise kalt geworden und heiss, kleiner und grösser, so dass letztlich jede Füllerwahl die richtige war, denn in den Füllern war alles vorhanden: Er konnte jedem Füller jedes Gefühl und jede Temperatur entlocken. Er mochte kichern bei diesem Gedanken und die Füller-Mannschaft neu mischen, sie wie Geschosse in Position bringen. Bereits im letzten Jahr hatte er über die Füllfederhalter und ihre Bedeutung nachgedacht, einen Text darüber verfasst und sich seines Wortspiels erfreut, das mit Schreib- und Erzählzeugen jonglierte.
Der Analytiker machte unter der Tür eine Handbewegung wie aus einer Kochsendung, sie wirkte wie der Hinweis auf die in der Metallschüssel vorbereitete kleingehackte Zwiebel. Die Patientin kannte den Weg nach hinten ins Behandlungszimmer.
Sie stellte ihr Handtäschchen neben die Couch, legte die Jacke darauf und setzte sich. Dann griff sie nach der Jacke, legte sie zusammen und schob sie unter das Kopfteil der Couch. Sie legte sich auf die Couch und wartete. Der Analytiker schwieg, er schien auch zu warten.
Die Patientin streckte die Beine und überlegte, was sie wohl tun würde, läge der Analytiker auf der Couch, sässe sie hinter ihm als seine wortkarge Pastorin. Sie hätte wohl jederzeit eine Nagelfeile dabei. Nägel konnten immer optimiert werden, entweder, was die Form betraf oder, nun ja, die hygienischen Umstände. Den Dreck an der Feile könnte sie umstandslos am schwarzen Ledersessel abstreifen, so ein Dreckportiönchen würde schnell trocknen und dann diskret auf den Teppich fallen. Dort würde der Staubsauger der Putzfrau den Nageldreck der Patientin gierig aufsaugen. Im Bauch des Staubsaugers würde sich der Nageldreck, der ein sehr persönlicher Dreck war, ein Dreck aus dem Schlafzimmer der Pastorin, aus Küche, Garten, Einkauf, Zug und Liebkosung, vermengen mit allerlei persönlichen Dreckpartikeln der anderen hundert Patienten, alles würde sich vermengen mit dem Dreck des ehemaligen oder zukünftigen Analytikers, der als Patient bockstill auf der Couch läge und nicht bemerken würde, dass sie die Feile längst weggelegt hatte, um sich einen scharlachroten Umhang überzuwerfen und die Lippen in der gleichen Farbe zu schminken. Er würde stöhnen, und sie würde sagen: Schweigen darf sein. Sie würde ihr iPhone aus der Handtasche nehmen, nachschauen, ob auf ihrem Lieblingsblog wieder Streit entbrannt war, und sich dem Status ihrer Facebook-Freunde widmen.
Der Rollentausch hätte viel für sich. Sie könnte, während er sich seine ereignislosen Kindheit irgendwo im Osten zusammenreimte, die sie bereits in- und auswendig kennen würde, mit einem der sieben Füllfederhalter Rechnungen schreiben, ohne den weissen Stern zu beachten, ihr wäre seine Temperatur egal. Sie könnte nach Lust sms verfassen und als Mara oder Carla streitbare Kommentare in ihrem Lieblingsblog tippen. Was für ein verschwiegenes Zigeuner-Pastoral-Kardinal-und-Henker-Leben!
Sie nahm in Gedanken den scharlachroten Umhang ab und verschmolz wieder mit der Patientin, die nicht sass, sondern lag. Sie war eine klassische Patientin mit klassischen Problemen, denen klassisch nicht beizukommen war, was wiederum geradezu als klassisch galt. Sie legte die Feile zur Seite, deren dreckige Spitze sie gerade an der Couch abgestreift hatte, auf dass der Staubsauger der Putzfrau den sehr persönlichen Dreck aufsaugen und mit dem Dreck der anderen Patienten und dem des Analytikers zum allgemeinen Menschendreck vermengen möge.
Die Patientin legte die Feile seitlich auf die Couch und kramte so leise wie möglich nach ihrem weissen iPhone in der zerknüllten Jacke, die raschelte; so stellte sie sich die ersten Wochen mit einer Hörapparatur am Ohr vor, alle Nebengeräusche wurden grotesk laut, das Rascheln der Jacke tönte wie ein textiler Bombenangriff. Hitze legte sich auf das Gesicht der Patientin, aber das war nicht schlimm, denn niemand würde sehen, dass sie rot anlief. Der Analytiker hatte sich während der Sitzung noch nie bewegt, sie hatte nur Laute gehört, die von einer Rutschbewegung stammen mussten und solche, die sie nicht zuordnen konnte. Aufgestanden war er nie, er hatte nie einen Kontrollspaziergang im Raum unternommen. Sie hätte das an seiner Stelle getan, aber eben, sie war nicht er.
Endlich lag das iPhone in ihrer Hand, sie streichelte es und sah, dass auf Facebook 28 Freunde im Chat waren. Sie überflog die Liste und sah seinen Namen. Sie sah seinen Namen und schrie auf. Der Analytiker fragte: Was ist? Sie sagte: Mir ist in den Sinn gekommen, dass ich die letzte Rechnung noch nicht bezahlt habe, das ist mir furchtbar peinlich. Der Analytiker sagte: Das macht doch nichts. Die Patientin schwieg. Sie starrte auf den Namen im Chat. Er war online, er war da, er vergnügte sich hinter ihrem Rücken. In diesem Moment seufzte der Analytiker. Was mag er wohl gerade gedacht haben? Er hatte sie ertappt, er hatte gemerkt, dass sie sich in den letzten Sitzungen jeweils die Nägel gefeilt und geputzt hatte. Vielleicht waren die Dreckportiönchen nicht so schnell abgefallen, wie sie sich das vorgestellt hatte, vielleicht beschäftigten sich die anderen Patienten während der Sitzungen anderweitig. Aber womit nur? Er hatte wohl jeweils einen Dreckcheck nach der Sitzung veranstaltet, er wusste alles, sie musste gar nichts erklären. Und jetzt, zu allem Unglück, hatte er sie auch noch im Chat erwischt. Sie überlegte blitzschnell und beschloss, sich sofort zu entschuldigen, sie klickte seinen Namen im Chat an und schrieb: Lieber Herr Keller, ich werde die Feile nicht mehr anrühren. Versprochen. Bitte entschuldigen Sie! Er schrieb umgehend zurück: Dann ist ja alles gut. Wir sprechen in der nächsten Sitzung darüber.
Der Analytiker kam zurück, das iPhone in der Hand. Es tue ihm leid, er habe sich geirrt. Die Sitzung beginne in zwei Minuten.
Romana Ganzoni, geboren vor dem Zvieri. Es war ein Dienstag. Es war April und Scuol. 1967. Der Kopf zwetschgenblau. Später Matura in Ftan et cetera. Fährt Subaru Justy (Grau Metallic). Seit letztem Sommer arbeitet sie an ihrem Roman. Erzählungen gibt es schon.
