Wir suchen Ihr Manuskript (1)

Von Jan Drees

Selfpublishing ist ein großes Thema, denn jeder kann heutzutage seine Bücher drucken und an den Mann bringen. Amazon ist im dem Bereich besonders umtriebig. Hat es nun ein Ende mit der Abzocke unwissender Nachwuchsautoren, die mehrere tausend Euro bei so genannten Druckkostenzuschussverlagen versenkt haben? Und gibt es einen Zusammenhang zu einigen Schreibschulen, die mit erstaunlich offensiv mit der Eitelkeit ihrer Klientel spielen? Der Beginn einer Recherche.

Vor einigen Jahren traf ich im Leipziger Bahnhofscafé während der Frühjahrsbuchmesse eine Familie, Vater, Mutter, 17-jährige Tochter, die sich am Nebentisch für das erste Treffen mit einem Verlag vorbereiteten. Man hatte die drei aus Süddeutschland in den Osten gerufen. Hotel und Anreise hatten sie selbst bezahlt, denn nun sollte endlich das erste Buch ihrer Tochter vorgestellt werden, 150 Seiten dick, im Buchhandel erhältlich, mit ISBN versehen, alles wie im richtigen Literaturszeneleben.

Aus Neugierde habe ich nach den vereinbarten Konditionen gefragt und erfahren, dass nicht weniger als 9.000 Euro an besagten Verlag gezahlt worden war. «Das wurde ja komplett korrigiert, und Presseexemplare wurden auch gedruckt», sagte der Vater mit immer niedergeschlagener Miene und ich suchte nach einer Formulierung, die gleichermassen erklärte, dass sie betrogen worden waren, dass man ihnen das Blaue vom Himmel versprochen und verschwiegen hatte, dass jeder eine ISBN-Nummer beantragen kann. Zugleich wollte ich dieser Familie nicht die Messetage verderben. Ich glaube, ich habe mich murmelnd verabschiedet.

Seitdem hat sich viel getan: Nachdem der seriöse Anbieter Book on Demand bereits im Jahr 2000 einer Hagakure-Übersetzung grosse Erfolge feiern konntegab es mehr und mehr Autoren, die im Selbstverlag ihre Bestseller veröffentlichten. Zuletzt wurde viel über Hugh Howeys “Silo” geschrieben. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass weiterhin gutgläubige Menschen Ihr Geld in fadenscheinigen Verlags- und Schreibschulangeboten versenken, angelockt von irreführenden Sätzen der Art: «Neue Autoren sind willkommen» wie bei der «R.G. Fischer Verlags- und Imprintgruppe», die selbstverständlich überhaupt nichts mit dem renommierten «S. Fischer-Verlag» gemeinsam hat. Über sogenannte Druckkostenzuschuss (DKZ)-Verlage ist immer wieder geschrieben worden.

Anlässlich des FAZ-Feuilletonartikels «So erlernt man in Leipzig das Schreiben» habe ich die Seiten etlicher seriöser Schreibschulen besucht: Den Studiengang für “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus» aus Hildesheim, die Seite desDeutschen Literaturinstituts, die «Universität für angewandte Kunst Wien». Anschliessend ging es in die Niederungen des Deutschen Schreibschulenwesens, darunter:

1) die «Schule des Schreibens» («Der Weg von der ersten Schreibidee über den druckreifen Text bis zum Autor ist nicht so weit, wie sich manche vorstellen.»)

2) die «Cornelia Goethe Akademie» («Die Frankfurter Cornelia Goethe Akademie füllt die Lücke aus, die die Goethe-Gesellschaften lassen: Ausbildung der lebenden Schriftsteller und damit Förderung der Literatur der Gegenwart.»)

3) die «Hamburger Akademie für Fernstudien» («Sie benötigen keine besonderen Vorkenntnisse, um erfolgreich an diesem Lehrgang teilzunehmen; mindestens ein Hauptschulabschluss ist aber hilfreich.»)

Zu jedem dieser drei Institutionen gibt es unterschiedlich bemerkenswerte Beobachtungen. Etliche «erfolgreiche Teilnehmer» der Schule des Schreibens haben in mikroskopisch kleinen beziehungsweise in DKZ-Verlagen veröffentlicht, bei der Druckerei Söker aus Esens, beim Kater-Verlag, der irritierenderweise damit wirbt, dass jeder Autor die Gestaltung seines Buchs selbst auswählen dürfe, beim «Verlag für Belletristik», beim «Aavaa Verlag», beim «Prinzipal Verlag». Die Cornelia Goethe Akademie ist ein Ableger des Zuschussverlages «August von Goethe Literaturverlag» («Verlag sucht gute Autoren»), der besonders hartnäckig Verwirrung stiftet. So wird aktuell eine Gedichtwettbewerb der zufälligerweise im gleichen Hause ansässigen «Brentano-Gesellschaft» angekündigt, über die man am besten deshalb schweigt, weil ansonsten derartige Texte erscheinen. Gleichzeitig sollte dieser Wettbewerb nicht durcheinandergebracht werden mit dem Heidelberger Clemens-Brentano-Preis.

Mausefalle

«Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass weiterhin gutgläubige Menschen Ihr Geld in fadenscheinigen Verlags- und Schreibschulangeboten versenken, angelockt von irreführenden Sätzen der Art: ‚Neue Autoren sind willkommen’» (Foto: Dontworry, Wikimedia Commons)

 

Ich habe vor zirka 15 Jahren als Teenager bei einem ähnlichen Wettbewerb mitgemacht und wurde damals nach Abdruck gebeten, einen der 250-Markt teuren «Gedichtbände» zu erstehen. Ich weiss allerdings nicht, wie das bei der «Brentano Gesellschaft» aussieht und werde dem nachgehen. Ebenso irritiert die «Hamburger Akademie für Fernschulen», deren Vertragsbedingungen nicht für jeden einsehbar sind. Mir ist bislang auch kein einziger erfolgreicher oder literarisch anspruchsvoller Autor begegnet, der an einer dieser Schulen seinen Weg begonnen hat.

Ich habe nun, aus reiner Neugierde, einige der Autoren und Schreibschulen angeschrieben* und nach Druckkostenzuschüssen, nach Mindestexemplar-Abnahmen, nach Probematerial usw. gefragt. Sobald Antworten eingetroffen sind, schreibe ich mehr im Blog. Bis dahin drei kurze Linktipps: Fairlag, das «Aktionsbündnis für faire Verlage» hat eine Liste mit mehreren «Warnsignalen» veröffentlicht: «Woran erkenne ich einen fairen Verlag?» Für SPON hat Carsten Holm vor einigen Jahren ein bewusst schwachsinniges Manuskript an DKZ-Verlage geschickt und über die irritierenden Reaktionen berichtet. Weitreichende Informationen aus der deutschen Literaturszene bietet die sehr verdienstvolle Uschtrin-Seite.

*Krimiautorin Regine Kölpin, die als erfolgreicher Teilnehmerin der «Schule des Schreibens» vorgestellt wird, hat mir bereits geantwortet. Ihre Bücher erscheinen beim Verlag KBV. Sie schreibt:

«Ich habe kein Geld bei KBV bezahlt und auch keine Mindestabnahmen abgenommen. KBV bezahlt seine Autoren für Ihre Arbeit. Ich würde anderes auch nicht tun, da ich hauptberuflich als Autorin arbeite und Geld mit dem Schreiben verdiene, was bei Druckkostenzuschuss oder Mindestabnahme ja nicht gewährleistet wäre. Solche Methoden lehne ich grundsätzlich ab. Für seine Arbeit sollte man auch Geld bekommen. Die Schule des Schreibens ist für Neulinge sicher eine gute Methode, sich dem Schreiben zu nähern und seine grundsätzlichen Möglichkeiten auszuloten. Sie ersetzt sicher keine Schreibwerkstätten, ist aber m.E. nach durchaus als Startschuss geeignet. Mir hat es damals die ersten Türen geöffnet.»

Dennoch suche ich Erfahrungsberichte von ehemaligen oder aktiven Schreibschülern, von DKZ-Autoren, Brentano-Preisträgern und so weiter, denn ich möchte diesen Teil der Literaturszene verstehen. Ich habe keine Ahnung, ob meine eigenen Erfahrungen mit einem damals obskuren Preis und die der dreiköpfigen Familie in Leipzig singulärer Natur sind. Möglicherweise sind auch Schreibschulen, die Geld verlangen und mit BOD-Veröffentlichungen werben durchaus sinnvolle Einrichtungen (wie es Regine Kölpin bestätigt). Nur: kann ich mir das bislang überhaupt nicht vorstellen.


 

Jan Drees arbeitet als Rezensent und Autor für Radio, Zeitschriften und Zeitungen (1LIVE, WDR 5, FAZ, DIE WELT und weitere). Seine Kolumnen erscheinen unter www.jandrees.de sowie unter dem Namen «Literatur mit Links» als jetzt.de-Kolumne (Community der Süddeutschen Zeitung). Im Jahr 2000 erschien sein Debütroman «Staring at the Sun», 2007 folgte ein Remix des Buchs. Ein Jahr vorher veröffentlichte Eichborn «Letzte Tage, jetzt», als Roman und Hörbuch. 2010 nahm Arco Wien seine Studie «Irre als System» in ihr Programm auf. 2011 legte Drees das illustrierte Sachbuch «Kassettendeck: Soundtrack einer Generation» bei Eichborn vor. Interviewpartner waren unter anderen Benjamin von Stuckrad-Barre, Westbam, Smudo, Hans Nieswandt, Alexa Hennig von Lange und Peter Glaser. Teil des Kassettendecks ist ein 70-seitiger Kurzroman. Er ist erfolgreicher Leichtathlet und studierte in Düsseldorf Neuere deutsche Literaturwissenschaften, Mediävistik und Kommunikationswissenschaften. Er war «Inselleser» von Sylt und ging mehrmals auf Club-Lesetour (mit DJ Christian Vorbau) Aktuell folgt ein Aufbaustudium der Philosophie und die Arbeit an einer Dissertation über «Konzepte der Angst bei Hartmut Lange» an der Universität Münster.

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