DWVEBDMSBHBEBDS #15

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Fröhlich noch einmal. Wie der Löwe zur Krone kommt. Kapitale Böcke in der Titelei. Ein zeitnahes Kulturmagazin («online surely, print maybe»).

Fröhlich, als die Lifttüre sich öffnet, versperrt dem Widersacher den Weg.

«Sie kommen hier nicht wieder raus!», versetzt er. «Sie Kostentreiber!»

«Gegen mich haben Sie keine Chance!», erwidert Hans Bissegger.

«Und Ihr Scheissvergleich! Ich fass es nicht! Ihr Bild hinkt! Wissen Sie denn gar nicht, dass Löwen, obschon Könige, neunzehn Stunden schlafen den Tag? Wenn die also grade mal nicht schlafen, dösen sie mit Garantie vor sich hin! Das Beachtliche ist, bei Licht betrachtet, dass sie es trotzdem zu ihrer Reputation bringen!»

«Der Löwe kommt nicht trotz, sondern wegen seines Schlafrhythmus’ zu diesem Ruf. Alle anderen Tiere wären gern wie er, all die Opfertiere mit ihren vom Rennen sauren Muskeln, mit ihren von Hektik und Überlebensangst geweiteten Herzbeuteln, die nach und nach den Geist aufgeben, während es nur einen gibt, der stets in alter Frische bleibt. Sie zum Beispiel, Fröhlich, mögen jeden Tag um halb Sechs joggen gehen, sich ausschliesslich von Fruitycinos und Vollwertkost ernähren, dem Rauchen und Saufen Adieu gesagt haben, nur glauben Sie mir, um an meine Stelle zu kommen, sind sie zu unausgeschlafen, zu wenig exzessiv!»

Hans Bissegger schubst Ernst Fröhlich aus dem Weg. Der zetert noch eine geräumige Weile herum und sendet ihm Verwünschungen hintendrein, wird aber von der Erzählung als auch seitens Hans Bisseggers links liegen gelassen.

Bei seiner Vorzimmerdame angekommen, überprüft Hans Bissegger die Termine seines Tages, alles Erstberatungen und Nachkontrollen, bis auf Fedora. Er verschwindet im Büro, klingelt nach Kaffee und der «Neuesten Basler Zeitung» und wuchtet seine Füsse auf den Tisch. Montagschirurgie ist nicht sein Ding. An den Leuten herumschnippeln kann er immer noch später die Woche. In der Zeitung erregt die Sache mit dem gefällten Christbaum seine Aufmerksamkeit. Der Artikel bietet nichts im engeren Sinne Neues. Stattdessen ergehen sie sich, auf den besten Seiten notabene, in einer Auslegeordnung zu den Baumfällereien, die wiederum, wie alle Auslegeordnungen zuvor, keine Sau interessieren, Schreiberling nicht ausgenommen. Wie schon bei dem Geheul im Radio, kommt man über die Schadensmeldung kaum heraus: Der Baum, die Nacht die Säge, wrumm, wrumm, klirr, klirr, das Tramwartehäuschen beim Rathaus et cetera et al pp. Es versteht sich, dass die Inhaltslosigkeit, die im Radio mit «Man fasst es nicht!», «Mit eigenen Augen gesehen» und weiterem rhetorischem Augenrollen in unerträgliche Länglichkeiten gedehnt wurde, hier mit ebenso viel Druckerschwärze und Zeilenfüllern dem Höhepunkt entgegengetrieben wurde. Hans Bissegger überfliegt die Zeilen, schon beinahe angetan von so viel blumiger Umtriebigkeit. Weiter vorwärts, im internationalen Bund, der sich nun seit auch schon wieder ein Paar Jahren als ein auf das diplomatische Parkett verlängerter Wirtschaftsteil liest, stimmen sie im Zusammenhang mit Fatca und Birkenfeld sonore, vom Generalbass «Wirhabenkeinewahl» begleitete Gutenachtlieder auf die Vernunft an. Zwei Schreibfehler, die sich, getreu dem Motto, dass, je dicker die Böcke, desto schwieriger sie loszuwerden seien, in die himmelschreiend fett gedruckte Titelei geschlichen haben, lassen Hans Bissegger aufmerken. «Schweiz in entscheidender Phrase!», brüllen die Lettern, gefolgt von: «Alternaivloser Bankenstaatsvertrag!» – Von der Titelei geht, noch ehe Hans Bissegger die Schreibfehler durchschaut hat, ein Widerstand aus, der es verunmöglicht, weiter zu blättern. Einerlei, wie wenig ihn die in dem Artikel entfaltete Landschaft aus diplomatischen Konferenzen, Hinterzimmerabsprachen und Sündenregister der völlig verkorksten, schreienden, strampelnden, mit den Fäusten auf den Boden trommelnden master of the universe interessiert, es geht von der Titelei ein Taumel aus, die das Weiterblättern undenkbar macht. Bissegger kneift die Augen zusammen, mustert die Titelzeile: noch hat er sein Befremden nicht benannt; unsichtbare Arme greifen nach ihm. Etwas zwingt ihn, innezuhalten, Klopfen an der Tür und Schrillen der Gegensprechanlage hin oder her. Er weiss nicht, was es ist. Die Druckfehler sind so offensichtlich wie subtil, so vielsagend tiefblicken lassend wie nur etwas, wie vielleicht sonst nur Reden im Schlaf. Ein Ablauf von rammdösigem Schreiberling, abgelenkter Produktion, schläfriger Erstlesung, übermüdeter Zweitlesung und einem schlafenden beziehungsweise, vielleicht am ehesten noch, subversiv gestimmten Abschluss: «In der entscheidenden Phrase»; «Alternaivlosigkeit». Sekunden falten sich auf, in denen er die Welt nicht mehr anhand seiner gewohnten Begriffe versteht; Sekunden, die weit über sich hinaus zeigen; Sekunden, in denen liebgewonnene Begriffe einfach so verwelken und vergehn. Als Hans Bissegger die Böcke schliesslich erkennt, lacht er, und er haut auf den Tisch: Die Sache will umgehend interpretiert sein; er tut es, nimmt sich genüsslich die Zeit. Seine Vorzimmerdame meldet sich über die Gegensprechanlage; er schnauzt sie zusammen, von wegen, keine Zeit und wichtige Besprechung. Vom Schreibfehler aufmerksam gemacht, wagt sich Hans Bissegger in die Tiefen oder vielmehr Untiefen des so überschriebenen Artikels. Von links und rechts und aus der Mitte schreien sie «Volk» und «Bevölkerung» und «Bankensektor», auf der einen Seite immer das eine, auf der anderen Seite immer das andere, der reinste Generalbass, verschiedene Begriffe zur Kaschierung ein und derselben Rat- und Wortlosigkeit. Ein Hin und Her aus Volk, Bevölkerung, Bankensektor; immer nur Volk, Bevölkerung, Bankensektor, Volkbevölkerung und Bevölkerungsvolk, ein Denken und Ticken in Marsch- und Tagesbefehlen, da werden ideologische Choreografien abgespult, und dabei sind die Boden-, Reck- und Ringturner in ihren Leggins und kurzen Höschen sich zu fein, das Kind beim Namen zu nennen, und sind auch noch so verklemmt, ihr Tun und, vor allen Dingen, auch ihr Lassen, als Problemlösestrategien zu verbrämen, unbedacht folgen sie den Trillerpfeifen und Kommandos ihrer Vorturner, hüben wie drüben. Überall unterstellen sie alles der Rhetorik, für ihre immer selben Phrasen von Ausweglosigkeit, Alternativlosigkeit und Unabdingbarkeit, für ihre immer selben Zusammenstellungen von Bevölkerung, Volk und Bankensektor gehen sie über denkerische Leichen. Dabei wären sie gewarnt gewesen: Ihre Vorturner nämlich, die Damen und Herren Vorturner, sind keineswegs so nüchtern, wie man es im Turnunterricht von entsprechenden Fachpersonen erwarten dürfte; eine nicht zu verfehlende Fahne umweht sie. Bekanntlich sollte man keine Trampolin-Sprünge oder waghalsigen Flugmanöver auf dem Reck, keine Doppelsalti und dergleichen mehr vollführen, wenn die Vorturner selbst dazu zu besoffen sind, wenn sie die gewünschte Figur selbst nur schweifend umreissen können und als einziges Argument, welches überhaupt dafür spricht, ins Feld führen, dass sie einen sonst so lange in den Schwitzkasten nehmen, bis man tot umfällt: Es hüte sich vor den ersten Sprüngen, wer nicht als Zirkuslöwe enden will …

Hans Bissegger legt die «Neueste Basler Zeitung» zur Seite. Er holt die Halbjahresausgabe von «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» aus der Schublade. Unlängst von online only auf online surely, print maybe umgestiegen, wozu eigens eine wolkenverhangene Trägerschaft mit erstaunlich rigider Subskribenten-Handhabung gegründet worden war, erscheint «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» nun also auch in wertiger Papierausgabe, schlappe vierhundert Seiten die Ausgabe (bei beunruhigend dünner Inseratebelegung), ein Ziegelstein und Wurfgeschoss von Kulturmagazin (Hans Bissegger liebt es, die aktuelle Ausgabe unter dem grössten Gemaule und Gedöns der im Wartezimmer versammelten Patienten abzutransportieren auf Nimmerwiedersehen). Hans Bissegger schlägt das Magazin an x-beliebiger Stelle auf. Schon oft hat er es so gehalten, oft schon hat er das ebenso stattliche wie handliche Magazin mit seinen zwischen Bleiwüsten gesetzten farbigen Bildern genommen und irgendwo aufgeschlagen, und ebenso oft schon hat es ihm geholfen, den mit seiner Arbeit verbundenen Stress zu bewältigen. Das Gedicht eines gewissen Anderss Pyrssinnen liegt obenauf.

 

Die Vorlassstundung

wer stehenbleibt läuft risiken

wer’s aussitzt stehts nicht durch

herabzusinken muss ich wandern

herabgesunken wanderte ich

ich trauere um unsere augenblicke

die stur wir einst uns schweigend ignoriert

und jauchze auf nun über diese stunden

wo du mich endlich hörst und wo du sprichst

wir brechen masken wie einst brot

und hungern uns an gesichtern zum tode

leib aus worten stehen wir da

mensch verbliebene erinnerung tod

wir werden uns worte gebrauchend zu schatten

und löschen uns worte verschweigend das licht

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

Stempel2

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