Welten vergessen – Daniel Kehlmann an den Zürcher Festspielen 2013

Von Gregor Szyndler

Daniel Kehlmanns Lesung an den Zürcher Festspielen 2013 als Ausgangspunkt einer Distanzen wie Nähen vermessenden Begegnung.

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Daniel Kehlmann (sitzend) und Literaturbetrieb (stehend). Erzählen und Schreiben als eskapistische Absage an eine erfahrene, an eine einem widerfahrene, an eine einem widerfahrende Welt – Welten in Welten vergessen? Gut gebrüllt, Löwe! Kehlmann beherrscht das Spiel der Masken, versteht es, maskenlos Maskenlosigkeit in Zweifel zu ziehen, weiss, wie man Masken vergessen macht. Eine Mischung aus schlaksig zur Schau gestellter Unbeholfenheit und einem gerüttelt Mass an souveränen Auftritt, um nicht zu sagen, kühler Berechnung, eignet ihm. (Wikipedia)

Zürich, 16.6.2013 – Warum geht man an den ersten Sonnentagen des Jahres ins Theater? Weil es dort angenehm heruntergekühlt und klimatisiert ist. Wenn sich dann auch noch der Schriftsteller Daniel Kehlmann die Ehre einer Lesung auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses gibt, ist der Sitzplatz gebucht. Die Aussicht auf das anschliessende Gespräch Kehlmanns mit dem NZZ-Feuilleton-Chef Martin Meyer stimmt ebenfalls neugierig auf diesen Abend.

Daniel Kehlmann ist einer jener Autoren, von denen man lesen kann, so viel man will, ohne ihn zu fassen zu kriegen. Man bewundert ihn für gedankliche und stilistische Brillanz, für den Mut, nach seinem Mega-Bestseller «Die Vermessung der Welt» ein Werk wie «Ruhm» geschrieben zu haben und für die Lakonie von Sätzen wie: «Fallexperimente tendieren zur Ungenauigkeit, wenn ein Fallender sie durchführt.» Zugleich ist nirgendwo der Spruch: «Die alten Sachen mag ich, die Neuen nicht» so angebracht wie bei Daniel Kehlmann. «Ruhm» wurde von Elke Heidenreich nicht zu Unrecht als «Germanistenprosa» apostrophiert, «Die Vermessung der Welt» gefällt, fällt aber deutlich hinter seinen früheren Werken, etwa hinterm gar nicht hoch genug zu lobenden Roman «Beermanns Vorstellung», ab. Neidlos lassen muss man Daniel Kehlmann, dass er ein ungeheuer fleissiger Schriftsteller ist, der neben Romanen und Kurzgeschichtensammlungen auch Theaterstücke publiziert, seine kürzeren Schriften als Sammelband in den Druck bringen lässt, Vor- und Nachworte schreibt, sich in verschiedenen Printmedien äussert und Poetikvorlesungen hält. In Letzterer findet sich der folgende Gedanke.

«Künstlerische Satire ist immer, auf die eine oder andere Art, die Konfrontation eines Tons mit jener Wirklichkeit, die zu verschleiern er erfunden wurde – ein Zusammenprall, an dem der Ton scheitert und die sorgsam einstudierte Haltung bricht.»

Definitiv seinen verschleiernd-entdeckenden Ton gefunden hat Daniel Kehlmann in «Die Vermessung der Welt». In der Einleitung seiner Zürcher Lesung weist er darauf hin, dass er eine geräumige Weile lang schon nicht mehr daraus vorgelesen habe. Umso mehr freut man sich über seinen Vortrag; er liest eine tollkühne Heissluftballon-Fahrt vor. Die im Anschluss daran vorgetragenen Dialoge aus dem Stück «Der Mentor» sind allerdings etwas gar auf Pointen gebürstet. Durch die Gegenüberstellung der Romanpassage und der Ausschnitte aus dem Theater wird mehr deutlich als der Unterschied zwischen einem Herzens- und einem Auftragswerk. Natürlich soll «Der Mentor» eine heitere, unbeschwerte Komödie sein – trotzdem vermisst man die raffinierten, indirekten Reden der «Vermessung der Welt» schmerzhaft. Was in der «Vermessung» geschickt verschleiert wurde, macht, zumindest in den vorgetragenen «Mentor»-Dialogen, greller Zurschaustellung Platz.

Kehlmann-Schriftsteller und Kehlmann-Darsteller

Daniel Kehlmanns Entschuldigung, was seinen angeblich zu wenig guten Vortrag der Figurenreden betrifft, kommt deutlich ein paar Mal zu oft. Er muss nicht betonen, dass er kein Schauspieler sei: schliesslich ist er kein Schauspieler und damit basta. Im wiederholten Bedauern seiner zu wenig schauspielerischen Leseleistung ortet man mehr als Koketterie. Warum sollte Daniel Kehlmann nicht Daniel Kehlmann sein können, einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren, der solches aufgesetztes Bedauern nicht nötig hat. Warum dieses Schielen von Kehlmann-Schriftsteller auf Kehlmann-Darsteller? Steckt etwa mehr Darsteller in dem Schriftsteller, als der Vorleser und Gesprächspartner zugibt?

Nicht nur vom Ton her, auch thematisch hat Daniel Kehlmann längst die Rezeptur seiner Satiren gefunden. Sie ist kein Geheimnis, sondern Bestsellerliste gewordene Gegenwartsliteratur. Dass indes auch in seinem Stück «Der Mentor» wieder das mehr und weniger ambitionierte, das mehr und weniger talentierte, das mehr und weniger mit seinem Talent hadernde, das das mehr und weniger vorhandene Talent monierend verplempernde Individuum im Mittelpunkt steht, enttäuscht. Vielleicht gibt es ja auch noch ein anderes Rezept? Natürlich markiert Daniel Kehlmann beim Vorlesen aus dem Stück «Der Mentor» als auch im Gespräch eine grandseigneurale distance, die nur so darauf lauert, einen Unkenruf zu hören zu bekommen, von wegen, da habe er aber mal wieder sehr nahe am eigenen Bauchnabel geschrieben. Solcherlei Einwände pariert er mit Geschick. Kein Wunder, ist er doch ein durchtriebener, mit allen Wassern gewaschener Schriftsteller, dem bereits zu Lebzeiten (da mussten sich die Herren Goethe und Schiller einige Jahrhunderte länger gedulden!) eine Ausgabe der Zeitschrift «Text + Kritik» zugeeignet wurde.

Forschungsdesiderat: Kehlmann-Philologie

Mit Sicherheit gelesen hat diese Sonderausgabe zu Daniel Kehlmann Daniel Kehlmann (gemeint ist: der Kehlmann-Schriftsteller). Wenn Daniel Kehlmann dann auf der Bühne des Zürcher «Pfauen», augenzwinkernd-rollenhaft, lachend, wie es sich versteht, Abschlussarbeiten zur transphilologischen Rezeption gewisser Passagen seines Buches «Ruhm» anregt, ist eine nicht mehr von der grossen Bühne zu plaudernde oder aus dem Gespräch wegzuargumentierende Nähe entstanden zwischen Schriftsteller und Schriftsteller-Darsteller. Das lässt tief blicken. Diese Bedenken weiss Daniel Kehlmann zu zerstreuen. Ein Leuchten flackert in seinen Augen, als er auf die Entstehung der «Vermessung» zu sprechen kommt. Bis hinab in den Schlaf begleiteten ihn damals die Ideen, so dass er manchmal mitten in der Nacht zu Block und Stift griff, um Einfälle festzuhalten. Man glaubt es ihm, dass er diese Zeit vermisst. Es ist einer jener Gesprächsabschnitte, in denen Daniel Kehlmann als Schriftsteller aufscheint, als ein in Schreibleidenschaft entflammter Geist, der sich auch mal verhaspelt, der nicht das ganze Gespräch souverän und routiniert bestreitet.

Ob er Ballon gefahren sei zwecks Recherche der vorgetragenen Romanausschnitte, wird Daniel Kehlmann gefragt. Nein, antwortet er. Vermutlich hätte er Heidenangst vor einem solchen Abenteuer – trotzdem würde er es wahrscheinlich tun: in einem heutigen Heissluftballon, warum nicht. Ob er Whiskey-Kenner sei – in dem vorgelesenen Ausschnitt aus «Der Mentor» kommt schottischer Spitzenwhiskey vor. Nein, antwortet Daniel Kehlmann, das heisst, ein bisschen: im Grunde genommen habe er die Passage eins zu eins aus einer E-Mail seiner amerikanischen Verlegerin übernommen. Verschmitzt lachend lehnt er sich zurück und wendet sich ans Publikum, hinzufügend, dass sie nun einmal so seien, die Schriftsteller. Da schiesst Kehlmann-Darsteller auf Kehlmann-Schriftsteller. Ob er trifft oder nicht, er hat die Lacher auf seiner Seite.

Lesen, Schreiben, Arbeitsethos

Seine Produktivität gründet bei Daniel Kehlmann, das wird an diesem Abend deutlich, auf Lesen, Schreiben, Arbeitsethos. Was das Handwerk betrifft: Daniel Kehlmann sei wieder vermehrt aufs Schreiben von Hand umgestiegen. «Die Vermessung der Welt» sei am PC entstanden. Jedoch sei er auch und gerade bei am PC entstandenen Manuskripten bereit, sie wieder und wieder abzutippen, zu überschreiben, ihrer tippend-abtippend habhaft zu werden. Palimpseste entstehen aus den verschiedenen Versionen. Genau so verhält es sich mit seinen von Hand geschriebenen Manuskripten, etwa jenen zu seinem neuen Roman, die er selbst abtippt. Sein Schreiben ist also bis zu einem Punkt auf das Anfangen und Wiederanfangen ausgerichtet – sei es das Abtippen eines handschriftlichen Manuskripts oder das Wiederabtippen eines PC-Manuskripts. Auf seine ersten Entwürfe, auch auf jene des Bestsellers «Die Vermessung der Welt», ist Daniel Kehlmann nicht gut zu sprechen. Er ist glücklich, wenn sie nie das Licht der Welt erblicken. Sie seien zu wenig kunsthaltig.

Seine Wichtigkeit als Autor von Gegenwart und, erhofftermassen (dem Anschein nach) von Nachwelt, betont Daniel Kehlmann gekonnt und nonchalant. Beispielsweise denkt er seinen geschriebenen wie den noch zu verfassenden Theaterwerken bereits Sammelausgaben zu, die sich jeder weniger weich gebettete, von weniger verkaufsfördernder Aura umgebene Autor der Gegenwart allenfalls erträumen kann. Ist das noch die Rede eines vornehmlich ums Gelingen des eigenen Werkes besorgten Autors? Ist es die etwas überdrehte, schläfrig machende Rede des verlaglich so wohl Gebetteten? Seine flappsige Benennung des eigenen Werkes als transphilologisches Forschungsdesiderat geht auch in diese Richtung. Klar, das alles wird vorgetragen im Ton des Ironikers. Jedoch sei die Frage erlaubt, was höher zu gewichten ist: Daniel Kehlmanns Integrität als zweifellos stupend talentierter als auch von bemerkenswertem Arbeitsethos beseelter Schriftsteller, oder seine Fähigkeit, eine Hundertschaft von Zuschauern mit solchen Sprüchen bei Laune zu halten? Daniel Kehlmann weigert sich laut eigenen Angaben, in Talkshows zu gehen (eine Behauptung, die von Youtube hier, da und dort ad absurdum geführt wird) – warum aber wechselt er bloss so hartnäckig und fugenlos vom Schriftsteller-Ton in just den ebendort so wohl gelittenen Tonfall des geübten Unterhalters? OK, man will nicht kleinlich sein. Dann war die Anregung germanistischer Forschungen zu seinem Werk halt Ironie und nichts als Ironie. Gesetzt aber den Fall, dem war wirklich so, warum weicht er dann den spannendsten Fragen, etwa jener, ob er Moralist sei, auf dieselbe geschmeidig-geschickte Weise aus?

In der imaginierten Wüste

Er könne sich nicht vorstellen, wo und wie die Wahrnehmung seiner Selbst als Moralist, wo und wie die Wahrnehmung seiner Arbeit als von einem Moralisten geschrieben, entstehen könnte. Vielleicht hätte man Daniel Kehlmann an dieser Stelle mit seiner aus einer imaginierten Wüste heraus vorgetragenen Rede zur Eröffnung der Augsburger Brecht-Tage 2008 konfrontieren sollen. In dieser haute er Bert Brecht, ganz der belesene, gebildete Nachgeborene, die erdrückende Evidenz in Sachen Vergleichbarkeit von braunem und rotem Terror um die Ohren, und er wirft die Frage auf, warum es

«bis heute so wenig Glorien [habe], Anhänger der Demokratie zu sein, warum ist es immer noch ein Kavaliersdelikt, etwas Entschuldbares am Gulag zu finden?»

Brecht wird in jener Rede mit ebenso flotter Feder wie Zunge zum «Gegner von Demokratie und Freiheit», dessen Argumente einzig – Achtung, Ironie: ist auch auf Daniel Kehlmanns Brecht-Kritik anwendbar! – durch eine gefälligere Formulierung zu unterscheiden seien von jenen «des nächstbesten Stammtischkrakeelers». Aber eben, nein, selbstverständlich ist er kein Moralist, der Herr Kehlmann. Er hat es ja selbst gesagt. Auf der Bühne des Schauspielhauses wohl, aber immerhin.

Eine Mischung aus schlaksig zur Schau gestellter Unbeholfenheit und einem gerüttelt Mass an souveränen Auftritt, um nicht zu sagen, kühler Berechnung, eignet Daniel Kehlmann. Belustigend ins Leere gehen Daniel Kehlmanns Referenzen auf seine berühmt-berüchtigte «Regietheaterrede». An mehr als einer Stelle des Gesprächs platziert er dieses Stichwort, worauf Martin Meyer jedoch nicht eingeht: Er verwirft die Arme in der Luft und lässt Kehlmann wissen, dass darauf noch zurückzukommen sei. Nicht besser ergeht es Daniel Kehlmanns Marcel-Reich-Ranicki-Lob. Es verpufft zwischen ihm und dem Gesprächsleiter – schade, denn man hätte auf Vertiefung gehofft. Dann aber ist auch wieder so viel Biss und Schmiss in Martin Meyers Verschiebung dieses Gesprächsthemas auf die Zeit nach Abgang des Publikums, dass man es gerne hinnimmt. Man wird den Eindruck nicht los, dass Daniel Kehlmann mehr bezweckte mit seinem Ranicki-Lob als einen schieren Reflextest. Ob da ein Musterschüler seine Hausaufgaben erledigt haben sollte?

Kein Gespräch über «Die Sopranos»

Abermals versucht Daniel Kehlmann, den Verlauf des Gesprächs mitzubestimmen. Er kommt auf die TV-Serie «The Sopranos» zu sprechen (mit dem am 20. Juni 2013 an einem Herzinfarkt gestorbenen, «130 bis 140 Kilogramm Woody Allen» James Gandolfini in der Hauptrolle des allzu menschlichen Paten). Diese lobt er als grosse Erzählung. Man freut sich über diese Anregung und würde gerne hören, wie es weitergeht mit dem Argument. Aber nix passiert. Vielleicht hätte Daniel Kehlmann seine Bewunderung für die US-amerikanische Gangster-Serie deutlicher formulieren sollen. Vielleicht sogar so deutlich, wie vor einigen Jahren im «Spiegel», als er «Die Simpsons» würdigte (Spiegel 23/06), lobend bis übern grünen Klee. Die Verve, mit der er dort den klassischen Witz der Aufklärung, zutage getreten in den Erzählungen Voltaires oder Diderots, «in der trügerischen grafischen Einfachheit und dem souveränen heiteren Pessimismus von Matt Groenings Serie» weiterleben sieht, hätte womöglich ein Eingehen auf «The Sopranos» gezeitigt. So aber bleibt Kehlmanns Hinweis auf «The Sopranos» auf der Ebene des gescheiterten Stichwort-Einwurfs stecken. Was geschieht? Martin Meyer wendet sich ans Publikum, fragt, ob jemand das mit den «Sopranos» auch so sehe, erntet baffes Schweigen – natürlich, was sonst? – und wechselt das Thema. Schade, denn Daniel Kehlmann hat recht, man muss längst auch gewisse zeitnahe TV-Charaktere und -Erzählformen an die Seite arrivierter Figuren und Formen der Weltliteratur stellen.

Schreiben versus WWW?

Darüber wird schnell hinweggegangen. Da ist einer zu sehr Profi, um sich aus der Bahn werfen zu lassen (in einer jener Talkshows, die er nie besucht, reagierte Kehlmann nicht einmal, als der Moderator, di Lorenzo von «Die Zeit» ihn mit dem Stratosphärenspringer Felix Baumgartner verwechselte). Fast beruhigend ist es angesichts von Daniel Kehlmanns Souveränität als Vorleser und Gesprächspartner, dass auch er mit den täglichen Weiterungen und Erschwernissen des Schreibens konfrontiert ist: Nehmen wir das Stichwort «WWW». Ähnlich, wie neulich der Schweizer Autor Jonas Lüscher im «Zeitnah»-Gespräch erzählte, verwendet auch Daniel Kehlmann eine Software, die ihn für eine gewisse Zeit vom WWW fernhält. Unwillens, die Vorzüge von den Nachteilen des WWW zu trennen, berichtet Daniel Kehlmann: Zwar liesse sich der freiwillig auferlegte WWW-Verzicht durch einen System-Neustart umgehen (was übrigens nicht bei allen Softwarelösungen der Fall ist!). Jedoch sei diese Schummelei so demütigend, dass man sie hoffentlich sein lässt. Da hat er sie wieder, Daniel Kehlmann, die Lacher des Publikums.

Vom Aperçu zum Schreibauftrag

Ein witziges Spiel entsteht zwischen Martin Meyer, Daniel Kehlmann und dem Publikum. Die Rede streift eben noch verschiedene Konzeptualisierungen des Schreibens. Die Idee vom Schreiben als Versuch, das Tohuwabohu der Welt in Strukturen zu fassen kommt zur Sprache: Daniel Kehlmanns Vorliebe für Naturwissenschaft (als Erzähl- und Denkfolie) ist ja in verschiedenen seiner Werke virulent. Schreiben sei eher der Versuch einer Ordnungsstiftung im Durcheinander als ein Versuch, Trost zu spenden. Überhaupt solle Literatur, wie sie Daniel Kehlmann versteht, keinesfalls zu tröstlich sein. Die Herabstimmung des Einzelnen durch die Welt will er weder verheimlichen noch beschönigen. Vielmehr gehe es ihm schreibend darum, im Leben Erfahrenes und Widerfahrenes so auszugestalten, dass es in der verschriftlichten Dramaturgie besser funktioniere als im erlebten und widerfahrenen Leben.

«Erzählen heisst, das Leben so zu gestalten, dass es dramaturgisch besser funktioniert als in der Wirklichkeit.»

Erzählen und Schreiben als eskapistische Absage an eine erfahrene, an eine einem widerfahrene, an eine einem widerfahrende Welt – Welten in Welten vergessen? Gut gebrüllt, Löwe! Das findet übrigens auch Daniel Kehlmann, denn nach diesen Worten tritt eine Pause ein. Man meint, gleich zücke er seinen Notizblock, um das Aperçu festzuhalten. Dass es sich um eine ad-hoc-Formulierung handelt, glaubt man ihm gerne – vielleicht zu gerne? Kehlmann-Schriftsteller und Kehlmann-Darsteller sind ununterscheidbar geworden. Prompt bekommt Kehlmann-Schriftsteller die Einladung, sich zu diesem Thema in der NZZ zu äussern, was vom Publikum mit warmem und, wie man kalauern möchte: neugierigem Applaus bedacht wird.

Rückübersetzungen von Kehlmann ins Deutsche

Endlich kommt die Rede doch noch, wenn auch nicht auf Daniel Kehlmanns Initiative, auf Daniel Kehlmanns «Regietheaterrede». Was er dann jedoch zur «Argumentationsstruktur» der teilweise gehässigen Kritiker dieser Rede zum Besten gibt, ist leider kaum mehr als ein zum Besten geben, wenn nicht gar ein zum Besten haben. Es ist ein unheimlich schmalbrüstiges Argument, wenn ein so pointierter Redner wie Daniel Kehlmann seinen Kritikern vorwirft, ihre Kritik an seiner Kritik fusse darauf, ihm Banausentum vorzuwerfen. Das ist zugegebenermassen, in Ermangelung einer Schreibgelegenheit während des Kehlmann-Abends, eine paraphrasierende und kürzende Rückübersetzung von Kehlmann auf gut Deutsch. Zuvor klang es luftiger, wortreicher in Darbietung als auch Rekonstruktion:

Die Argumentationsstruktur meiner Kritiker beruht, wie ich in der Zwischenzeit erkannt habe, darauf, dass man sich im Vollbesitz eines so durchdringenden Wissens in Sachen Theatermachen wähnt, dass man jede von aussen kommende Kritik am eigenen szenischen Aktionismus von vornherein abwertet aufgrund angeblich inadäquaten Wissensstand des Kritikers.

Aha? Nein, nein. Oha? Nö, nö. Martin Meyer wirft zurecht ein: Welche Kritik wird denn bitte nicht unter Hinweis aufs Gefälle zwischen dem Wissen des Kritikers und dem Wissen der Kritisierten abgetan? Muss man das wirklich «Argumentationsstruktur» nennen? Gibt es in der Literatur und ihren Zuliefererbranchen überhaupt auch nur eine einzige Polemik, die nicht reflexhaft unter Verwendung dieses Totschlag-Arguments abgetan wird? Wie spruchhaft Daniel Kehlmanns Argumentarium an dieser Stelle doch anmutet, wie platt, oder, ins Positive gewendet, vertiefenswert. Wozu leider keine Zeit bleibt.

Bahnbrechende rhetorische Gestik

Daniel Kehlmann eignet, an dieser Stelle deutlicher als an anderen, etwas Musterschüler-Oberlehrerhaftes. Er will schauspielerischer sein beim Lesen, zugleich aber, im Gespräch, als Schriftsteller und als nichts anderes als als Schriftsteller, wahrgenommen werden. Zwischendurch lässt er, ganz der Klassenclown, den Schriftsteller-Darsteller von der Leine. Er will harsch kritisieren, aber nicht selbst harsch kritisiert werden. Daniel Kehlmann bedient sich eines Taschenspielertricks: Er bestätigt die weit verbreiteten Diskursgepflogenheiten («Insider stoppen Kritik von Outsidern mit dem Vorwurf des Banausentums!»), gibt sie aber, in einer Anwandlung von akutem «Einsamer Rufer in der Wüste»-Syndrom, aus als einzig ihm widerfahrene Ungerechtigkeit. Da setzt sich der Kehlmann-Darsteller durch, dem das Wort «Argumentationsstruktur» so mundet. Dem Kehlmann-Schriftsteller wäre es – hofft man! – nicht der Mühe wert, eine Banalität so wortreich zu verschwurbeln: dass (angeblich) mangelnde Kompetenzen als Argument gegen von Aussen kommende Kritiken instrumentalisiert werden. Bahnbrechende rhetorische Gestik. Ei, ei.

Der neue Roman

Schliesslich kommt die Rede auf Daniel Kehlmanns diesen Herbst erscheinenden neuen Roman. Er wird heissen, schlicht, ergriffen, reduziert: «F». Der Buchstabe steht für vielerlei; das Meiste verschweigt Daniel Kehlmann. Entlocken lässt er sich lediglich, dass es sich um einen Familienroman handelt. Daher das «F» – wenn auch nur unter anderem, wie er umgehend betont. Es wird um drei Brüder gehen, lässt er sich aus der Nase ziehen, ehe er das Thema beendet, gewinnend lachend, vom Geheimnisausplauderer wieder zum Schriftsteller werdend, der seine Schöpfung vor dem zu frühen Zugriff der Welt beschützen will. Freilich lässt er sich noch die Feststellung entlocken, er hoffe, dass das im Schauspielhaus versammelte Publikum am Erscheinungstag die Buchhandlungen stürmen möge. Ach ja, da ist er wieder, der Erfolgsschriftsteller im Grossformat, der den mehr und automatisch auch weniger gewogenen Betrieb just auf die Messe hin mit gebührender Diskretion und Dezenz auf sein neues Werk hinzuweisen wissen wird.

Die bleibende Persona

Gegen Ende des Gesprächs folgen einige Fragen im Geiste des von Meyer wie Kehlmann verehrten Marcel Proust. Auf die knapp formulierte Frage «Ihre Lieblingsbeschäftigung?» lässt Daniel Kehlmann eine Pause folgen. Sein Nachdenken ist lange und laut, er schlägt Haken, erwähnt, dass er das Schreiben nicht gut als Antwort bringen könne. Nicht, dass das Schreiben nicht ab und zu an erster Stelle figurieren würde, nein. Wie kann man da nicht an Daniel Kehlmanns FAZ-Artikel aus dem Jahr 2005, als er mit «Die Vermessung der Welt» durch die Decke ging, denken? Damals schrieb er, Schriftsteller sein sei kein Beruf, sondern eine Methode, um einem Beruf aus dem Weg zu gehen. Schriftsteller hätten keine Ausbildung, als Lehrmeister nur die Toten der Weltliteratur (bei Schiller heissen sie «die Schriftlichtoden»). In seinem lesenswerten Artikel berichtete Daniel Kehlmann damals augenzwinkernd von seiner Freude, als er auf offiziösen Meldebögen als auch der misstrauisch-besorgt nachfragenden Familie gegenüber erstmals «Schriftsteller» als Beruf angeben konnte. So viel Freude birgt ihm sein Handwerk, so viel mehr ist es ihm als nur ein Auskommen, dass er es fast unanständig findet, es an erster Stelle seiner liebsten Tätigkeiten zu nennen. Also denkt Daniel Kehlmann beherzt weiter und findet eine weniger naheliegende Antwort:

«Schlafen.»

So findet die Lesung samt Gespräch mit dem NZZ-Feuilleton-Chef einen krönenden Abschluss. Schlafen ist also Daniel Kehlmanns liebste Beschäftigung. Er hat Applaus und Lacher auf seiner Seite. Sollte dieser Ton erfunden sein, um Daniel Kehlmanns wahre Prioritäten zu überdecken («Schreiben, schreiben, schreiben und vielleicht ein bisschen Schlaf»)? Aber nein: aus fast gar keinem Wort seiner Lesung und dem Gespräch entsteht dieser Eindruck. Zu oft aber sind an diesem Abend Daniel Kehlmanns locker-flockigen Pointen mit jener strebsamen Seite seiner Person kollidiert, die seinen immensen Erfolg überhaupt erst ermöglicht. Soll er sich halt entscheiden zwischen Kehlmann-Schriftsteller und Kehlmann-Darsteller. Man fragt sich beim Herausgehen, ob er wohl eine durchschlafene Nacht einer Nacht vorzöge, in der ihn die Ideen vom Schlaf abhalten. Der Kehlmann-Darsteller würde nein sagen: das braucht nicht zu wundern, schliesslich weiss der Kehlmann-Darsteller mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. Er kennt auch den Ton, den es braucht, um die viel mehr als auf Inspiration auf Transpiration angewiesene Schriftsteller-Welt zu auratisieren. Kehlmann-Schriftsteller allerdings, und diese Persona bleibt, bei aller Kritik, in Erinnerung, Kehlmann-Schriftsteller würde sagen: ja. Ja, er ziehe eine durchschlafene Nacht einer Nacht vor, in der ihn die Ideen vom Schlaf abhalten. Kehlmann-Schriftsteller weiss, was in seiner Poetikvorlesung steht:

«Ich werde täglich am Schreibtisch sein.»

Das schafft man nicht ohne gescheiten Schlafrhythmus. Genauso, wie ohne Ausdifferenzierung seiner selbst in eine öffentliche und eine private Persona der ganze nach wie vor virulente Rummel um Daniel Kehlmanns Wenigkeit kaum zu meistern sein dürfte. Er beherrscht das Spiel der Masken, versteht es, maskenlos Maskenlosigkeit in Zweifel zu ziehen, weiss, wie man Masken vergessen macht. Vielleicht kann Daniel Kehlmann Daniel Kehlmann auf den Punkt bringen – in «Beerholms Vorstellung» heisst es vom Zauberer Jan van Rode:

«Man hatte niemals das Gefühl, ihn zu kennen, aber er erschien nicht rätselhaft, sondern eher eigenartig geheimnislos.»

Rätselhaft erscheint er nicht. Oder etwa doch? Rätselhaft ist allenfalls die Geschmeidigkeit, mit der er von Kehlmann-Schriftsteller zu Kehlmann-Darsteller wechselt. Aber das ist doch kein Rätsel. Die Gründe dafür sind hinlänglich bekannt: andauernd Weltliteratur schreiben sollen und sein müssen, in einem Fort mit dem letztlich bagatellisierenden Genieverdacht leben müssen, stelle ich mir nicht allzu erspriesslich vor. Wie heisst es noch im Bonmot des WWW-Aphoristikers Anderss Pyrssinnen?

poeta poena/persona poetaeDichter als Strafe/Maske des Dichters

Der Dichter als Strafe des Dichters; der Dichter als Maske des Dichters; Strafe und Maske zwischen Dichter & Dichter. Angewendet auf den Fall Kehlmann, könnte dies heissen: Trüge der Dichter einen Hauch der Leichtigkeit seiner Erzählungen in ein Interview, er würde abgestraft, unterm Vorwurf der Koketterie. Trüge der Dichter einen Hauch der hinter dieser Leichtigkeit stehenden Werkstatt-Schwere ins selbe Interview, er würde auch abgestraft, unterm Vorwurf der Koketterie. Der Dichter steht dem Dichter im Weg, wie er nur kann. Einzig die Verwendung von Masken hilft ab.

Zurück auf Feld eins: Künstlerische Satire entsteht aus dem Scheitern eines Tons und dem Bruch sorgsam eingeübter Haltungen. Längst kaufe ich Daniel Kehlmann  seinen Verschleierungston nicht mehr ab. Was verbirgt er? Etwa, wie unspektakulär, wie geheimnislos es ist, täglich am Schreibtisch zu sein? Oder die Interview-untaugliche, etymologische Spitze, dass Kunst von Liefern kommt, nicht von Lafern? Wie dem auch sei: Seine einstudierte Haltung bricht. Kehlmann-Darsteller wird irrelevant. Kehlmann-Schriftsteller behält Überhand.

30.6. Aufgrund eines Einwands aus der Leserschaft wurde die folgende Stelle bearbeitet: «Das ist zugegebenermassen, in Ermangelung einer Schreibgelegenheit während des Kehlmann-Abends, eine paraphrasierende und kürzende Rückübersetzung von Kehlmann auf gut Deutsch. Zuvor klang es luftiger […]» wurde geändert in: «[…] Zuvor klang es luftiger, wortreicher in Darbietung als auch Rekonstruktion.» – Auch wurden die Anführungszeichen bei der darauf folgenden eingerückten Stelle weggelassen, um dem nicht unmöglichen Irrtum eines Zitatcharakters vorzubeugen (obschon die Fiktionalität der rekonstruierenden Passage bereits einleitend betont wurde).

 

4 Gedanken zu “Welten vergessen – Daniel Kehlmann an den Zürcher Festspielen 2013

  1. Henrik

    Ein merkwürdig Ressentiment-geladener Text, gerade weil er gut geschrieben ist. Ich war auch dort. Nur soviel: Den merkwürdigen Satz, der von Kehlmann hier übers Regietheater wiedergegeben wird – unter Anführungszeichen auch noch – hat er nie gesagt. Das ist freie Erfindung. Er hat auch nie gesagt, daß er nicht in Talkshows geht. Man könnte eine ganze Reihe von Beispielen anführen, aber diese sollen genügen, es ist ja nicht so, als hätte man sonst nichts zu tun.

  2. gsz

    Es ist kein Groll in diesem Text; auch keine Auslenkung eines Dralles in irgendeine Richtung. Was da ist: Erstaunen angesichts eines von mir geschätzten Autors aufgrund dargelegter Beobachtungen. Der angesprochene Satz fiel inhaltlich so, nicht wörtlich, richtig. Die feine Ironie mit der Talkshow meinte ich dann doch vernommen zu haben. Gerne gehe ich auf weitere Ungereimtheiten ein. Es ist ja Wochenende.

  3. Stefan

    Ein happiger Vorwurf: Ressentiment. Der Autor hat Glück, dass es nicht den oben dargestellten Kritik-Generalvorwurf “Banausentum” absetzte. Man kann mit einem solchen Vorwurf operieren, sollte ihn aber untermauern anhand des Texts: Zumal man eine ausdifferenzierende Darstellung damit herunterbricht auf eine letzten Endes emotionell determinierte, eine ausfaltende in eine vereinfachende. Kann ich anhand meiner Lektüre nicht nachvollziehen. Jetzt sind schon drei Menschen an diesem Abend gewesen; alle haben sie einen anderen Regietheatersatz gehört. Das Zitat, das keines ist, sondern Rekonstruktion, ist einleitend so bezeichnet; trotzdem kann man über die Anführungen diskutieren. Schade, gibt es neben “/” und ‘/’ keine typografischen Elemente zur Auszeichnung paraphrasierender Rekonstruktionen eines offenkundig nicht gerade mitstenografierten Abends. Aber genau das ist doch der Reiz; kein minutentreues Verlaufsprotokoll, sondern eine literarische Annäherung an ein literarisches Phänomen, an einen literarischen Abend, dargereicht zu bekommen. Das mit den Talkshows hat Herr Kehlmann genau so gesagt, ironisierend, wie oben dargestellt.

  4. ast

    Muss man Daniel Kehlmann verteidigen? Ist eine Auseinandersetzung, eine kritische Würdigung schon ein Ressentiment? Liegt nicht gerade im Hinterfragen und im Nachdenken die Chance unserer Kultur?
    Oder wie es im Text heisst: “Die Gründe dafür sind hinlänglich bekannt: andauernd Weltliteratur schreiben sollen und sein müssen, in einem Fort mit dem letztlich bagatellisierenden Genieverdacht leben müssen, stelle ich mir nicht allzu erspriesslich vor.”
    Am Ende ist es ja Kehlmann selbst, der mit mehr oder weniger gelungenen Ideen (Brecht, Regietheater) zur Auseinandersetzung einlädt. Genau diese Einladung hat Szyndlers Text angenommen.

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