Von der Höhenlust in Berlin – über Till Heins «Der Kreuzberg ruft!»
Von Jan Decker
Zwei ungleiche Welten treffen in «Der Kreuzberg ruft!» aufeinander. Das Cover zeigt bereits an, wohin die Reise geht: Ein Comic-Skifahrer rattert Häusertreppen herunter, in einem großen braunen Alphorn mit Schweizerkreuz stecken unten im Trichter ein kackender Hund, der Berliner Bär und der Funkturm am Alexanderplatz. Was poppig-heiter aufgemacht ist, hat allerdings einigen literarischen Tiefgang.

Man lernt aus Till Heins Buch nicht nur viel über die Schweiz und über Berlin, eine eigenwillige, schöne Doppelfügung. Auch das wird nach 256 kurzweiligen Seiten klar: Man beobachtet einen Autor und Journalisten beim (um ein doppelgefügtes Wort zu gebrauchen) nachhaltigen Ankommen in dieser Stadt. Berlin produktiv unterlaufen, um dort zu leben.
Die «Gratwanderungen durch Berlin», wie Till Heins Buch im Untertitel heisst, sind die reizvolle Umkehrung eines literarischen Topos. Jahrhundertelang, beginnend mit der Zeit der Vorklassik, war dieser allerdings, folgt man Till Hein, auf den Kopf gestellt. Alle Welt, und auch gar nicht wenige Berliner, reisten in die Schweiz und schrieben anschliessend oder gern auch live vor Ort (so konnte mit dem Schreibakt gleich renommiert werden) zahlreiche Reiseberichte, die eifrig gedruckt und gelesen wurden.
Die Schweizreise war der Vorgänger der Italienreise, und vor allem bei den Engländern eine gesellschaftliche Pflicht. Till Hein beweist kreative Gewitztheit, wenn er einen Schweizer, sich selbst, in die Grossstadt Berlin eintauchen und davon berichten lässt. Man kann sagen, er kehrt den Topos der Schweizreise unter popkulturellen Vorzeichen um. Denn während sich der gebildete Engländer in der Schweiz seiner nebligen Heimat entledigen wollte, und das auf den sonnigen Wiesen des Engadin auch schaffte, schleift Till Hein in «Der Kreuzberg ruft!» seine geliebte, durchaus mit Überdruss geliebte Schweiz, immer mit sich im Gepäck. Sie ist das gelobte Land, das er nicht los wird. Und aus dieser komischen Spannung gestaltet Till Hein eine touristische Tour de force durch Berlin, der nichts Menschliches fremd ist. Man denke sich zum Vergleich einen Engländer, der auf einem Schweizer Alpengipfel von seinem Vorortglück in Birmingham träumt.
Die Suche nach ein paar brandenburgischen Alpengipfeln, um der heimatlichen Höhenlust zu frönen, ist der Aufhänger dieser Tour de force. Gerade aus der Enttäuschung entsteht der Gewinn dieses Berichts, eine ironische wie charmante Strategie. Von den Berlinern ist allerlei Absonderliches zu lernen, von den Berggipfeln fehlt, sieht man von den paar Berliner Kriegsschutthalden ab, jede Spur. Dafür werden die Gipfel und Täler des Menschlichen durchschritten und erklommen, von illegalen Partys bis zur schier endlosen kulinarischen und sexuellen Auswahl der Stadt. Appetit muss man im «Schwoobeland» haben, und Schweizer Gelassenheit.

Till Hein kehrt den Topos der Schweizreise unter popkulturellen Vorzeichen um. Denn während sich der gebildete Engländer in der Schweiz seiner nebligen Heimat entledigen wollte, und das auf den sonnigen Wiesen des Engadin auch schaffte, schleift Till Hein in «Der Kreuzberg ruft!» seine geliebte, durchaus mit Überdruss geliebte Schweiz, immer mit sich im Gepäck. Sie ist das gelobte Land, das er nicht los wird. (zVg)
Till Hein führt die Feder mit erzählerischer Vorsicht, und nicht zu seinem Nachteil. Es tut gut, auf seiner Reise durch den preussischen Moloch keine künstliche Handlung aufgepropft zu bekommen, keine ambitionierten Metaphern, keine aufwändige Kapitel- oder Pseudo-Reisekarten-Struktur. Der Ich-Erzähler ist auch in dieser Hinsicht ein Bürger der Schweiz: Sein Erstaunen tritt dosiert auf, es reicht für den Temperamentabgleich mit dem Wohlfühlen. So ist man nach der Lektüre auf seltsame Weise ganz sicher, dass es all diese skurrilen Berliner Gestalten wirklich gibt. Vielleicht eine besonders reizvolle Täuschung!
Man lernt aus Till Heins Buch nicht nur viel über die Schweiz und über Berlin, eine eigenwillige, schöne Doppelfügung. Auch das wird nach 256 kurzweiligen Seiten klar: Man beobachtet einen Autor und Journalisten beim (um ein doppelgefügtes Wort zu gebrauchen) nachhaltigen Ankommen in dieser Stadt. Berlin produktiv unterlaufen, um dort zu leben. Der Schlüssel dafür ist, man höre und staune, und glaube Till Hein, die Schweiz.
Till Hein: Der Kreuzberg ruft! Gratwanderungen durch Berlin. 256 Seiten, Paperback. 21,90 SFr. ISBN 978-3-8148-0194-0
