The Love Blackout

Von Andy Strässle

Zum heutigen Texttag präsentiert «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» eine weitere Geschichte von Andy Strässle. Paris ist in «The Love Blackout» für einmal nicht die Stadt der Liebe, sondern der schmerzhaften Erinnerungen und unerfüllten Hoffnungen. Im Zug nach Irgendwohin werden diese noch einmal durchlebt.

«Vielleicht hätte das Rauschen des Vorhangs in der Pariser Dämmerung gereicht.» zVg

«Vielleicht hätte ihm das Rauschen des Vorhangs in der Pariser Dämmerung gereicht.» zVg

Er sagte sich, es müsse doch möglich sein, etwas so Einfaches zu tun. Etwas so Einfaches, wie ein Foto anzusehen, ohne gleich an das Schlimmste zu denken, ohne von der festen Ahnung beschlichen zu werden, es sei nun vorbei; das sei es gewesen. Dabei wünschte er sich nicht viel.

Ganz ehrlich, mag sein, er war es sich nicht bewusst, aber wünschte sich ganz wenig. Vielleicht hätte ihm das Rauschen des Vorhanges in der Pariser Dämmerung im Henri VI gereicht. Vielleicht hätte er sich gewünscht, in ein besseres Hotel gegangen zu sein, aber später hatten sie über die Ratten in der Dusche gelacht, sie hatten über das frühmorgendliche Gepolter an den Türen im dritten Stock gelacht, als der Nachtportier versuchte, das Geld einzutreiben. Jeder Morgen war ein Weltuntergang gewesen. In Paris. Einer für vielleicht dreissig oder vierzig Francs. Trotzdem ein Untergang.

Es war ihm bewusst, dass er auf ihre Beine starrte. Der Zug war auf dem Weg irgendwohin, aber ihm war das Ziel egal. Er sagte sich, es müsste doch möglich sein, nicht auf ihre schwarze Strumpfhose, die bläulich schimmerte, zu starren. Er war sich selbst peinlich. Er versuchte wegzusehen und blieb an ihren schwarzen Haaren hängen. Er sagte sich, so geht es einfach nicht. Und trotzdem. Die Frau bemerkte ihn nicht. Und ihm war es recht. Denn er wünschte sich nur ganz wenig.

Es war nicht viel, was er wollte und sie war der Frau im Zugabteil nebenan auch gar nicht ähnlich. Er dachte daran, dass er es toll finden würde, etwas Händchen zu halten. Im Wald vielleicht. Oder in den Strassen der Stadt. Nicht immer, dachte er, muss man zusammen aufwachen. Zusammen aufzuwachen, war zwar auch nicht schlecht, aber zusammen zu gehen, sich die Hände zu geben, das war doch auch schon etwas.

Er sagte sich, es müsste doch möglich sein. Die Erinnerungen zu vergessen. Doch die schwarzen Strumpfhosen, die schwarzen Haare, sie brachten alles wieder zurück. Dabei wollte er doch nicht viel. Nicht wirklich.

«Hey, wie geht’s?» Die Frau sah ihn an und er riss seinen Blick von ihren Haaren los. Naja, murmelte er, es brauche nicht so viel, dass es einem gut gehe. Genau dies habe sie auch gedacht, antwortete sie und verschränkte die Beine.

«Weisst Du, ich habe mir schon lange gewünscht, dass es nicht so viel braucht. Du siehst ausgehungert aus.»

Er sah die Fotos vor sich. Sah Dinge, an die er sich erinnerte, sagte sich aber, dass er etwas sagen musste. Er hatte nicht mehr viele Fotos. Er hatte nur noch eins. Die anderen, er erzählte niemandem, was er mit den anderen gemacht hatte. Er sagte sich, dass er etwas sagen musste und starrte auf ihren funkelnden bläulich-schwarzen Strumpfhosen.

Er sagte sich, dass er etwas sagen musste, hatte nur ein Foto, von er dem schon lange nicht mehr wusste, was er damit anfangen sollte und er sagte sich, dass es nicht viel brauchen würde. Sie lächelte, schüttelte den Kopf, legte die Beine übereinander und sagte: «Das ist vielleicht schon etwas zu wenig.» Die Frau las weiter und der Zug fuhr irgendwohin und er sagte sich, dass es doch möglich sein müsste.

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