DWVEBDMSBHBEBDS #18

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Eine Kettenreaktion und schon wieder ein Anruf. Ein dubioses WWW-Angebot wird aufgesetzt.

«Verpissen Sie sich», brüllt Hans Bissegger Ernst Fröhlich an, «aber ein bisschen dalli!» – doch sein Widersacher, Morgenluft witternd, bleibt im Büro. Fröhlich kramt einen Notizblock hervor und beginnt, vergnügt pfeifend, summend, glucksend, Notizen zu machen, wobei er Hans Bissegger ab und an des einen und anderen Blickes würdigt, was dessen Rage unfehlbar vergrössert. «Raus hier, Fröhlich!», donnert Hans Bissegger. «Wenn sie nicht nullkommaplötzlich verschwinden, dann …»

Ernst Fröhlich verstaut seine Notizen.

«Was dann?», fragt er, ganz nah an Hans Bissegger herangetreten. «Wenden Sie sich dann an unsre Financiers und verlangen meine Freistellung? Ach kommen Sie: Sie, mit ihrem Handicap? Vergessen Sie’s. Dazu bewegen Sie sich in den ganz falschen Sphären!»

Hans Bissegger, um die passende Entgegnung verlegen, legt den Hörer beiseite und stürmt auf seinen Feind zu. Er packt Ernst Fröhlich am Kragen und schleift ihn aus dem Büro. Fröhlich lässt es über sich ergehen, keine Gegenwehr im engeren Sinne erfolgt, statt dessen strampelt er und wirbelt er nur genau so viel, dass links und rechts von den beiden nach Möglichkeit ein paar Vasen zu Bruch gehen, der Schirmständer umfällt, in einer unsäglichen Verkettung von Zufällen, Pech und angewandter Physik zunächst auf dem Sideboard, gleich neben der Türe, die Reihe von Trophäenbüchern klinischer Natur wie Dominosteine fällt, ihrerseits die Sammlung kostbarer Mineralien, auf die Hans Bissegger so stolz ist, und die er Tag für Tag stundenlang poliert, ins Rollen und Kullern gerät; ein kugelrund geschliffenes Tigerauge prallt, Sekundenbruchteile später, in das am unteren Ende des Sideboards versammelte Putzzeug, haut eine grosse, schlanke Flasche ammoniakhaltigen Glasreinigungsmittels um, welche derart unglücklich gegen eine an die Wand gelehnte, heidenteure afrikanische Maske in Giacomettis Stil und Arbeitsweise fällt, dass diese ihrerseits, und hier wird es garstig, diese jäh gewonnene Bewegung kippend an das lotterige Tischchen abgibt, auf dem Hans Bisseggers Süsswasserkrebse-Aquarium steht – das erste Beinchen des Tischleins bricht, das Wasser im Aquarium beginnt zu schwappen, hin und her, hin und her, rauf und rauf, das Wasser schaukelt sich schwappend hoch, so dass, als auch noch das zweite Beinchen bricht, längst Wasserlachen auf dem Boden entstanden sind. Mit riesigem Geschepper und Geklirr begräbt das Aquarium das Tischchen unter sich; die ausschlaggebende Maske kommt unter Seetang und Kies zu liegen. Ernst Fröhlich lässt sich aus dem Büro bugsieren. Hans Bissegger, mit glitzernden Augenwinkeln, beschaut sich die Bescherung. Zaghaft wischt er Scherben zusammen. Endlich wird er sich einer Stimme gewahr, die ortlos und dennoch sehr präsent durch sein Büro weht. Er geht an den Hörer, murmelt etwas in der Richtung von, wenn man bloss einmal, eine einzige, lausige Kaffeepause lang nur, die Zügel schleifen lasse, und er bittet die salesperson von www.giiznäpster.ch um einen Rückruf, er sei verhindert, eine Sache, die keinerlei Aufschub dulde, sei ihm dazwischengekommen.

«Kommen Sie schon, Herr Bissegger», widerspricht ihm der Anrufer, «… das hatten wir letzte Woche. Was ist wichtiger als ein florierendes Geschäft? Ausserdem, wenn Sie mir den Kalauer nachsehen: Scherben bringen Glück. Sehen sie die Sache als gutes Omen. Sowieso sind es nur ein paar ganz wenige Fragen, die wir angehen müssen, Kleinigkeiten, Formalia, und dann steht einer Kooperation zwischen Central Beauty und www.giiznäpster.ch nichts mehr im Weg!»

Hans Bissegger gibt sich geschlagen. Er legt den Anruf auf die Gegensprechanlage und bittet die salesperson, es kurz zu halten.

«Wo sind wir stehen geblieben?», kommt es zurück.

«Ja, wo eigentlich?», echot Hans Bissegger, der auf Knien über den Boden rutscht und Süsswasserkrebse zusammen puhlt, die er in einer mit Wasser gefüllten Kaffeetasse sammelt. «Ach ja. Jetzt fällt es mir wieder ein: Sie wissen jetzt aber schon, dass es die Standesregeln mir verbieten, Werbung in eigener Sache zu machen, Selbstanpreisung zu betreiben, die Suktionen, Brustvergrösserungen, Glättungen, Plättungen, Bleichungen und Tatoo-Entfernungen reklamehaft-marktschreierisch, in aufdringlicher Art und Weise, zu bewerben?»

Die salesperson gibt zurück:

«Der Kantonsarzt kann aber nur einschreiten, wenn Ihre Angaben irreführend oder gar täuschend wären, wenn Sie also, sagen wir, Silikonkissen als gesundheitsfördernd verkaufen … Ausserdem dürfen sie keine krankenkassenpflichtigen Medikamente bewerben, etwa Botox. In diesem Rahmen ist vieles möglich. Und überhaupt, unsere lawyers» – die salesperson braucht tatsächlich diesen Ausdruck! – «… werden so lange über ihr Angebot beugen, bis alles, sehen Sie mir das Wortspiel nach, bruchfest und wasserdicht ist!»

«OK», brummt Hans Bissegger, Scherben und Krabben zusammenwischend.

«Vorab muss ich einige Informationen haben, Herr Bissegger. Ihr Rabattgutschein soll also Brustvergrösserungen umfassen? Fein, das verkauft sich. Sehr gut. Wie gehen sie vor: Ambulant, mit Faltenfüllung, oder stationär, mit OP und Silikon?»

«OP. Silikon»

«Oha. Das hatten wir noch nie. Wir hatten mal ein Angebot, ambulant, Faltenfüllung, das lief aber nicht. Es musste vom Netz genommen werden! Shitstorm. Der Dachverband!»

«Fünfzig Milliliter Faltenfüllung reichen nicht einmal, um eine Mäusebrust zu vergrössern!»

«Genau, sie sagen es … Alles klar. Wie viele Körbchen garantieren Sie, Herr Bissegger?»

«Das lässt sich nicht über einen Leisten brechen.»

«Wir brauchen einen Anhaltspunkt. Wegen der Vermarktbarkeit!»

«Sagen wir», sagt Hans Bisseggers, «Obergrenze Doppel-D, bei Gewährleistung von jeweils einer Körbchengrösse pro Patientin (Gutscheine nicht kumulierbar!), ab C verringert auf einen Halbkörchenschritt.»

«Wie wollen wir das ab Grösse C vermarkten? Ich meine: gleicher Preis, halbe Leistung – so geht das nicht!»

«Und wenn ich», erwidert Hans Bissegger, «ab Körbchengrösse C fünfzig Milliliter Faltenfüllung drauflege?»

«Brustbereich oder Gesicht?»

«Eigentlich dachte ich, zur Nachmodellierung des Brustbereichs, sagen wir, zur Ausgestaltung des Warzenhofes?»

«Das kann funktionieren – attraktiver freilich wäre es, ab C die Faltenfüllung zwecks Halbkörbchen-Entschädigung wahlweise in Bereich der Brustwarzen oder im Gesicht verwenden lassen zu können»

«Von mir aus!»

«Ausgezeichnet. Das Angebot steht: Garantierter Körbchenschritt bis Grösse C, ab C Halbkörbchen-Schritt, bei gleichzeitiger, entschädigender Verabreichung von fünfzig Milliliter Faltenfüllung, wahlweise in Warzenhof oder Gesicht. Fein. Zu Ihrer Klinik – man muss auch das Drumherum schmackhaft machen. Was können Sie über das Central Beauty Institute berichten, Herr Bissegger?»

«Mick Jagger hat sich bei uns seine Waden skulptieren lassen: gerne sende ich Ihnen sein Testimonial und die Vorher-Nachher-Dokumentation! Ausserdem geht Angelina Jolie hier ein und aus. George Clooney lässt sich bei uns die Lachfalten richten. Die …“

«Super. Notiert. Das sind starke Argumente! Weiter: sind Sie bereit, jederzeit – unangemeldet! – unsere controller in der Central Beauty herumzuführen?»

«Ja.»

«Sie müssen wissen, wir sind strikt. Es bleibt nichts anderes übrig. Wenn ich an die Schwierigkeiten mit dem letzten Angebot zurückdenke! Juristisch kugelsicher muss es sein, sonst stürzt sich nur wieder der Dachverband drauf! So. Damit ist alles geklärt. Nun müssen Sie nur noch zurückrufen, Herr Bissegger.»

«Ich muss zurückrufen?», wundert sich Bissegger, «sie wollen die paar Franken sparen?»

Die salesperson hüstelt und meint nein, selbstverständlich nicht, es sei nur so, sie dürften nicht von sich aus solche Deals initiieren. Bissegger ruft zurück und wird mit seinem Anliegen bei einer anderen salesperson vorstellig.

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

Stempel2

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