Tareks Reise nach Jerusalem – Annemarie Jacirs «When I Saw You»

1967. In einem palästinensischen Flüchtlingslager lebt Tarek zusammen mit seiner Mutter Ghaydaa.

Der 11-jährige Tarek (Mahmoud Asfa)  lebt mit seiner Mutter (Ruba Blal) in einem  palästinensischen Flüchtlingslager. Sie gehören zur letzten Welle der Flüchtlinge.  Tarek will sich damit aber nicht abfinden – er will zurück nach al-Quds, in die heilige Stadt, in seine Heimatstadt Jerusalem, in der sein Vater zurückgeblieben ist. Nachdem ein Lehrer behauptet hat, Tarek könne weder lesen noch schreiben, schliesst sich dieser einer Gruppe palästinensischer Freiheitskämpfer an….

Bei den Fedayeen herrschen verblüffend paradiesische Zustände – Tarek kriegt sogar jeden Tag eine Portion weissen Reis, während die anderen Kantinenfrass vorgesetzt bekommen. Aber schliesslich ist Tarek noch ein Kind und alle, selbst der Stratege und militärische Leiter Abu Akram (Ali Elayan), nehmen auf ihn Rücksicht. Schliesslich findet Mutter Ghaydaa ihren Sohn …

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Tarek wäre lieber in Jerusalem als im jordanischen Flüchtlingslager (Foto zVg).

Es passiert nicht viel in Annemarie Jacirs zweitem Spielfilm. In ihrem Erstling «Salt of this Sea» ist sie auf die paradoxe Situation eingegangen, dass Menschen mit palästinensisch-arabischen Wurzeln zwar die Häuser ihrer Vorfahren besichtigen können, dort aber andere Menschen leben. Nun darf aber Annemarie Jacir gar nicht mehr nach Israel und Palästina einreisen; ihren neuen Film hat sie deshalb in Jordanien gedreht (wo der Film auch spielt).

Weshalb ist Tareks Vater noch in Jerusalem? Wir wissen es nicht, wir sehen Ghaydaa und Tarek, nicht aber den Vater. Hat er sich etwa auch den Fedayeen angeschlossen? Und ist nicht im Grunde genommen die Staatsgründung Israels auch eine Teilung einer Familie, der jüdisch-arabischen? «Divide et impera» war schon immer das Motto der britischen Kolonialmacht – und genau dieses Motto (sowie auch die «indirect rule») wurde auch nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft in Palästina (zumindest in einem gewissen Sinne) umgesetzt, von Grossbritannien und den anderen westlichen Mächten. Ob Tarek etwas davon ahnt? Ob er die Zusammenhänge zwischen Kolonialismus, Holocaust und seinem eigenen Leben erahnen kann? In einer Schlüsselszene trifft Tarek junge Erwachsene in einem Auto. Anfangs scheinen sie sich für ihn zu interessieren, dann realisieren sie aber, dass er aus einem Flüchtlingslager stammt – und ergreifen die Flucht. In dieser Szene ist Tareks Schicksal vorweggenommen: er wird nie nach Jerusalem zurückkehren können, denn die arabischen Staaten haben die Palästinenser sich selber überlassen – genau so, wie die jungen Menschen im Auto (die aus Tareks Sicht natürlich nicht jung, sondern alt sind) Tarek sich selber überlassen.

«Lamma shoftak».  Jordanien 2012. Regie: Annemarie Jacir. Mit Mahmoud Asfa, Ruba Blal, Saleh Bakri, Ali Elayan, Ahmad Srour u.a.  Deutschschweizer Kinostart: 4.7.2013

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