DWVEBDMSBHBEBDS #23

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

 

Von Gregor Szyndler

Eine Abordnung der Lotteriegesellschaft kreuzt bei Hans Bissegger auf und legt ihm haufenweise Dokumente vor.

Es hält eine Limousine vor der Praxis; ein Haufen Aktenkofferträger entsteigt; Hans Bissegger schmeisst Trulla hinaus, überantwortet sie seinem Rechtsvertreter. Er bittet die neuen Besucher ins Büro, was zu empörtem Murren und Raunen führt. Die Anwälte, angeführt vom Lotteriepatron, legen Bissegger Dokumente vor, erkunden sich nach Bankkoordinaten und Anlagepräferenzen, fragen, ob er den Gewinn auf einmal wünsche oder auf zweihundertvierzig Monate verteilt. Einzig die dicken, dichten Rauchschwaden, in welche der Lotteriepatron sich hüllt, kommen Bissegger verdächtig vor – jedoch kann er sich nicht entscheiden, ob dies am Gesundheitstotalitarismus liegt, den er zutiefst verabscheut, und den er doch, bis auf ungeschützten Sex, praktiziert, oder nicht vielmehr an der zeitlich bedingten Unwahrscheinlichkeit, dass im Jahr 2012 ein landesweit bekannter Lotteriepatron hier einfach so mir nichts, dir nichts in sein Büro hereinläuft, ein Detachement von Kofferträgern im Schlepptau, im Pelzmantel und in Seehundstiefeln, ein Monokel auf der Nase, die Krempe in die Stirn gezogen, die geschilderte Zigarre zwischen den Zähnen. Beinahe kommt er dem Besuchten vor wie ein herbeigesehntes Menetekel, der selbstzufrieden an seiner Zigarre nuckelnde Patron als Untergangsfanal von Bisseggers bis anhin so vertraut erscheinender Welt.

«Also, wie hätten sie die 23 Millionen gern?», fragt der Lotteriepatron: «Nun?» – Bissegger, der schon genug Schlaumeier an seinen Steuerunterlagen herumwerkeln lässt, muss nicht lange überlegen.

«Ich nehme die zweihundertvierzig Monate!», stammelt er, von Zweifeln geplagt. Der Lotteriepatron, eine ausladende Person, dessen Leberwerte auf keine Kuhhaut passen, lobt ihn für diese –das Wort bekommt, aus seinem Mund, einen dekorativen Klang! – weise, besonnene Entscheidung. Belämmert unterschreibt Hans Bissegger die vorgelegten Dokumente und begleitet seine Besucher nach draussen. Der Lotteriepatron tuschelt mit einem der Anwälte, jener nickt, dieser grunzt und nimmt sein Telefon, wählt, grollt, grummelt, grunzt ins Telefon, haut sich zwischendurch auf den Oberschenkel, kaut auf seiner Zigarre herum, wartet, bestätigt, befiehlt, legt auf.

«Rufen sie Ihre Bank an, Herr Bissegger», bescheidet er. Hans Bissegger nickt.

Kurz darauf sitzt er am Schreibtisch, kneift sich und beisst, als dies auch keine Gewissheit bringt, zur Vergewisserung in die Tischplatte. Es knackt und knirscht nicht anders, als es zu erwarten war. Er wählt eine Telefonnummer; es wird ihm mitgeteilt, dass ein Betrag von 9583.33 Franken auf sein Konto überwiesen worden sei, Absender: Lotteriegesellschaft. Bissegger bedankt sich und legt auf. Er schickt Familie Meyer mit ihrem Baby, dessen Hasenscharte sich wie ein Beilhieb vom Kinn bis zur Stirn zieht, nach Hause. Er sagt alle Termine ab, und er zieht einen Haufen Prospekte aus der Schublade. In der Leichte des Übermuts spielt er mit dem Gedanken, loszugehen und sich ein Anwesen samt See, mitten in einem Nirgendwo von Wald, zu kaufen. Er sieht sich schon zwischen den Bäumen seine Hängematte aufspannen, sieht sich Tage in Gestrüpp und Geschling verschwinden lassen, sie verdampfen lassend sieht er sich.

Nur mit Verzögerung fällt ihm ein, dass er den Gewinn ja scheibchenweise erhalten wird, was nebst der Steuerlast wohl auch den Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten einschränken dürfte. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf widmet sich Bissegger einem weiteren Katalog, Stichwort: Mietobjekte im nördlichen Kanada, Wald und Umschwung inklusive.

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

Stempel2

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