Symbol für koloniales Unrecht – Abdellatif Kechiches «Vénus noire»

1810. Saartjie ist eine indigene Südafrikanerin aus dem Volk der Khoi, die in London in einer Freak Show als wilder Halbmensch präsentiert wird.

Bald schon aber regt sich Widerstand gegen die unanständige Zurschaustellung: die African Society, die auch den Sklavenhandel verbieten will, verklagt Hendrick Caezar (André Jacobs), den afrikaanssprachigen Weissen, der Saartjie (Yahima Torrès) scheinbar ausbeutet.

Mit  «Vénus noire» ist dem französisch-tunesischen Regisseur Abdellatif Kechiche («La graine et le mulet») ein starkes Statement gegen Kolonialismus und (auch mediale) Ausbeutung gelungen. Gleichzeitig impliziert der Film auch, dass Sara Baartman, genannt Sarah oder Saartjie (afrikaans: kleine Sara), gar keine anderen Möglichkeiten hatte – aber durchaus als handelndes Subjekt agierte. Die Rolle der African Society wirkt dadurch durchaus zwiespältig. Gleichzeitig hat Kechiche es wohl aber wissentlich versäumt, auf eine andere grosse Ambivalenz hinzuweisen: der historische Hendrick Caezar war nämlich kein weisser Afrikaner (bzw. Afrikaander), sondern ein freier Schwarzer (vryswarte). Diese Konstellation erinnert an George Zimmerman, den selbsternannten Ordnungshüter, der den schwarzen Trayvon Martin erschossen hat. Dabei hat Zimmerman einen vielfältigen ethnischen Hintergrund – seine Mutter soll afroperuanische Vorfahren haben.

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Die Kubanerin Yahima Torrès Kubanerin in der Rolle der historischen Figur Sara Baartman (Foto zVg).

Diese Ambivalenz ist aber nicht Thema von «Vénus noire».  Der Film ist denn auch so schon oft geradezu unerträglich unangenehm. Drehbuchautor Kechiche und Ko-Autorin Ghalia Lacroix wollten zweifellos vom eigentlichen Thema nicht durch eine allzu grosse Ambivalenz ablenken. Dies ist durchaus legitim, und auch wenn  «Vénus noire»  ein Biopic ist, wurde nicht allein auf historische Akkuratheit wert gelegt; so ist denn auch die Hauptdarstellerin Yahima Torrès Kubanerin, hat also – anders als die historische Sara Baartman – wohl westafrikanische, sicherlich nicht südafrikanische/Khoi-Wurzeln. Auch verlangt die Dramaturgie des Films einen weissen Caezar, der Saartjie dem weissen Publikum in London präsentieren kann.

In einem gewissen Sinne lenkt nämlich auch George Zimmermans gemischte Ethnizität vom wirklichen Problem ab, indem er den Rassismus selbst zu relativieren scheint – dass der Rassismus in allen, auch den Minderheiten selbst ist, ist wiederum ein anderes Thema. Im Grunde genommen zeigt der Fall Caezar/Zimmernan gerade, wie stark der Rassismus auch bei den Opfern selber verwurzelt ist. Gleichzeitig wird aber gerade Zimmermans gemischte Ethnizität oft dazu verwendet, den Rassismus zu verharmlosen – am Schluss ist unklar, wer Opfer ist, wer Täter ist; und nur allzu oft wird die Schuld dem Opfer (oder zumindest einer anderen Minderheit) in die Schuhe geschoben (so soll sich Zimmerman denn von Trayvon Martin bedroht gefühlt haben). All dies ist aber wie gesagt nicht das Thema von  «Vénus noire».

Kechiche und Lacroix tappen nicht in diese Falle, und so ist auf jeden Fall ein wichtiger (populärer) Beitrag zum Thema gelungen, der aber natürlich die akademische Arbeit nicht ersetzen kann. Besonders gut herausgearbeitet wurde dabei auch der rassistisch-wissenschaftliche Diskurs der damaligen Zeit (der natürlich noch bis heute nachwirkt) und der Zusammenhang zwischen Rassismus und Sexismus. Einen interessanten Blick wirft der Film auch auf den verschiedenen Umgang mit Sara Baartman in England und Frankreich – auch wenn der Rassismus in Frankreich dabei zum Teil durchaus scheinbar kultiviertere Formen annimmt, ist er dabei in keiner Weise weniger brutal als die Freak Show in England. Kechiche wird als Nordafrikaner ein besonderes Interesse daran haben, diese Unterschiede herauszuarbeiten.

«Vénus noire»  Frankreich 2010. Regie: Abdellatif Kechiche. Mit Yahima Torrès, André Jacobs, Olivier Gourmet, Elina Löwensohn u.a.  Deutschschweizer Kinostart: 1.8.2013


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