Aus dem Schweizer Nationaltheater – Martin Stohler über das nationale Sommertheater 2013

In den Monaten vor der Sommerpause inszenierte Chefdramaturg Christoph Blocher im Schweizer Nationaltheater (SNT) den ersten Teil des Dramenzyklus «Der stille Staatsstreich der Classe politique». Das Stück mit dem Titel «Der erste Schritt – die Volkswahl des Bundesrats» fiel bei Publikum und Kritik durch. Trotzdem will Theaterleiter Blocher dem Vernehmen nach in der nächsten Saison ein weiteres Drama aus dem Classe-politique-Zyklus auf die Bühne bringen.

Von Martin Stohler*

* Anmerkung des Verfassers: Sämtliche Äusserungen der auftretenden Personen und sowie die Ausführungen des Chefstrategen sind Zitate aus Beiträgen des an alle Schweizer Haushalte verteilten SVP-Extrablatts zur Abstimmung über die Volkswahlinitiative.

Das Stück aus der Feder des Autorenteams Blocher & Mörgeli war bereits am Ende des letzten Jahrhunderts erstmals programmiert, wurde dann aber 2003 nach einer Umbesetzung in Bern überraschend für ein paar Jahre zurückgestellt. Nachdem es 2007 zu einer Teil-Entlastung des SNT-Chefdramaturgen kam, hatte Christoph Blocher die nötige Musse, sich erneut hinter das Projekt zu klemmen, um ihm den letzten Schliff zu geben. Nicht jedes Werk des Autorenteams Blocher & Mörgeli hat eine derart lange Inkubationszeit – umso gespannter war man auf die Premiere.

Vorspiel um Gulaschkanone

Ort der Handlung des Einakters «Der erste Schritt – die Volkswahl des Bundesrats» ist ein in Grautönen gehaltener Mobilmachungsplatz der «Landespartei». Weit hinten sieht man ein Stück Alpenfirn. Auf einem grossen Bildschirm flimmern Bilder des Bundeshauses, vor dem EU-Flaggen flattern und über dessen Kuppeln sich schwarze Wolken zusammenballen. Teile der Bühne liegen im Halbdunkeln. Zischeln und Rascheln in den Kulissen – das Programmheft verrät uns den Grund: Das Gespenst der Classe politique geht um!

Dann kommt Leben ins Ganze: Landsturmleute stellen Holzbänke und -tische auf, ein Detachement bringt eine Gulaschkanone in Stellung. Allmählich beginnt sich die Bühne zu füllen. Man begrüsst sich und macht Smalltalk. Vieles geht im Stimmengewirr unter, doch immer wieder sind einzelne Sätze deutlich zu verstehen:

… «Die Asylkriminalität hat nun auch kleine Städte wie Schaffhausen sichtbar erreicht. Die Volksseele kocht» (Mariano Fioretti, Grossrat Schaffhausen) … «Internationale Verträge und Abkommen, Bundesgerichtsentscheide, Einmischungen fremder Regierungen oder Richter in schweizerische Angelegenheiten sowie die Missachtung des Volkswillens beim Erlass von Gesetzen und Verordnungen beschneiden die direkte Demokratie mehr und mehr» (Nadja Pieren, Nationalrätin, Burgdorf) … «Die 1:12-Initiative ist eine Schildbürgerei der gefährlichen Sorte… Kaderplätze dürften als Folge der Initiative vermehrt ins Ausland verlagert werden» (Caspar Baader, Nationalrat, Gelterkinden) … «Die Souveränität beruhte auf dem Willen von Fürsten, Königen, Kaisern und Päpsten. Die Schweizer Eidgenossenschaft hat sich seit ihrer Gründung Ende des 13. Jahrhunderts immer als Gegenpol verstanden» (Christoph Mörgeli, Nationalrat, Stäfa) … «Es ist einfacher, einige Parlamentarier einzuwickeln als das ganze Volk» (Lukas Reimann, Nationalrat, Wil) …

Während dieses Vorspiels um die Gulaschkanone erweist sich die Regie deutlich von Ridley Scott inspiriert, der in «Alien» (1979) die Irritation des Publikums und damit die Spannung steigert, indem den Kinobesuchern das Mitverfolgen der Kommunikation zwischen Mutterschiff und Landetrupp infolge von Funklücken und einer suboptimalen Tonspur in der ersten Hälfte des Films erschwert wird.

Verstärkt wird die Irritation des Publikums auch dadurch, dass es – allerdings nur auf dem Bildschirm, auf dem man sonst das Bundeshaus sieht – zu Kurzauftritten von alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey (… «in der aktuellen Form sind die Bundesratswahlen … undurchsichtige Verhandlungen …. gesünder, wenn die Kandidatinnen und Kandidaten … sich vor dem Volk statt vor dem Parlament präsentieren müssten») und Grünen-Vizepräsident Bastien Girod (… «sind bei Regierungsratswahlen jeweils erfolgreich, weil wir die besseren Köpfe haben … der finanzielle Einfluss auf Exekutivwahlen ist nicht so gross … das ermöglicht eine fairere Volksvertretung») kommt.

Blocher_Langnau

Chefdramaturg Christoph Blocher setzt sich in seinem Werk mit der «Classe politique» auseinander: «Erstaunlicherweise ist dieser Begriff, der im Blocherschen Nationaldrama eine zentrale Rolle spielt, bisher selbst von kritischen Kritikern kaum hinterfragt worden. Dass er von Mainstream-Medien unreflektiert übernommen wurde, ist bedauerlich». (Foto: Thomas Watier)

Von Scheinwerfern und Pleitegeiern

Dann ist das Vorspiel zu Ende. Auftritt des «Landespartei»-Chefstrategen. Kaum hat dieser den Ehrenplatz eingenommen, stürzt ein Bote auf die Bühne und rapportiert: «Das Bundesgericht sagt, die Ausschaffungsinitiative könne man gar nicht umsetzen, sie widerspreche dem Völkerrecht.»

Den einen verschlägt es die Sprache, die andern schreien empört auf.

Da senkt sich ein Riesenbanner mit einem roten Schweizersiegel und der Aufschrift «Dem Volk vertrauen!» vom Theaterhimmel herab und der Chefstratege ergreift das Wort und analysiert die Lage:

«Die Classe politique, hier also das Bundesgericht, tut alles um den Volkswillen auszuschalten. Sie will die Stimme der besorgten Schweizerbürger zum Schweigen bringen. Die Classe politique plant einen heimlichen Staatsstreich. Aus vier Marschrichtungen erfolgt die Untat – immer mit dem Ziel, dass die Classe politique allein das Sagen hat: So schlägt das Parlament vor, die Volksinitiativen einzuschränken. Der Bundesrat strebt institutionelle Bindungen an die EU an und akzeptiert fremde Richter – damit soll EU-Recht Landesrecht brechen. (Empörte Zwischenrufe) Der Bundesrat liess ein staatsrechtliches Gutachten anfertigen, das verkündet, die EU sei nicht mehr eine Staatenverbindung, sondern eine Wertegemeinschaft, deren Werte auch ausserhalb der EU gelten würden und damit auch in der Schweiz, ohne dass Volk und Stände etwas zu sagen hätten! (Tumult an den Tischen, der Chefstratege wird lauter). Einen solchen stillen Staatsstreich von oben kann sich nur eine Classe politique leisten, die weit, weit weg ist von den Bürgern. Man hofft, die Bürger würden nichts merken. Gelingt es den Bürgern nicht, hier Einhalt zu gebieten, wird am Schluss durch allerlei Tricks das Bundesgericht auch den Beitritt zur Währungsunion und die Einführung des Euros verlangen.»

Nun sieht man auch – dank dem geschickten Einsatz eines Suchscheinwerfers – die EU-Pleitegeier, die am Horizont kreisen. Ihr Anblick kann den Chefstrategen nicht schrecken, er weiss, was zu tun ist:

«Wir alle sind aufgerufen, diesen landesverräterischen Mauscheleien der Classe politique ein Ende zu setzten. Die Bundesratswahl durch das Volk ist ein erster Schritt.»

Der Alpenfirn rötet sich. Die aufgehende Sonne vertreibt die Finsternis. Vorhang.

Ablehnung und Kritik

Die Begeisterung über das Stück hielt sich selbst beim Stammpublikum des Schweizer Nationaltheaters in Grenzen. Beim grossen Publikum und weiten Teilen der Kritik stiess es auf klare Ablehnung. Es blieb nicht unbemerkt, dass das Stück allzu sehr auf die Person des Chefstrategen zugeschnitten ist. Einige Kritiken gingen über diesen formalen Einwand hinaus und unterzogen auch den ideellen Gehalt des Schauspiels einer kritischen Analyse. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang der vom Autor dieses Feuilletons gemeinsam mit Andi Gross, Fredi Krebs und Dani Schönmann herausgegebene Band «Nur scheinbar demokratisch – Die Volkswahl des Bundesrates: Ein Rückschritt für die Demokratie», in dessen Anhang die Einwände gegen den vom National-Theater-Stück propagierten Systemwechsel für eilige Leserinnen und Leser in elf Thesen zusammengefasst sind. Ähnliche Überlegungen hat Martin Senti in der NZZ vom 27. März 2013 vorgetragen. Nicht unerwähnt bleiben sollen ferner die Kritiken von Urs Buess («Volkswahl schwächt das Parlament») und Dani Schönmann («Gegen den Cäsarismus in der Schweiz»). Während Buess deutlich macht, dass durch den Systemwechsel das Parlament generell geschwächt würde, deutet Schönmann den Ruf nach Volkswahl des Bundesrats als Versuch des «Landespartei»-Chefstrategen, für den Fall einer sich zuspitzenden Krise die institutionellen Voraussetzungen einer plebiszitär-autoritären «Lösung» zu schaffen. Denn in der Lesart des Autorenteams Blocher & Mörgeli ist das Parlament nicht der Ort, wo die von uns Bürger/innen damit beauftragten Vertreter/innen beraten und beschliessen und eine Kontrollfunktion gegenüber der Regierung wahrnehmen, sondern ein Tummelplatz Classe politique.

Kaum hinterfragte Begrifflichkeit

Erstaunlicherweise ist dieser Begriff, der im Blocherschen Nationaldrama eine zentrale Rolle spielt, bisher selbst von kritischen Kritikern kaum hinterfragt worden. Dass er von Mainstream-Medien unreflektiert übernommen wurde, ist bedauerlich. Denn wenngleich er sich vom Bühnenrand des Nationaltheaters herkommend immer mehr in der heimischen Sprachlandschaft ausbreitet, muss bezweifelt werden, dass er unsere Gegebenheiten zutreffend erfasst.

In einer modernen direkten Demokratie haben bekanntlich alle Bürger und Bürgerinnen die Möglichkeit, sich an der Ausgestaltung der Politik zu beteiligen. Sie können dies tun, indem sie an Abstimmungen teilnehmen, sich für Initiativen und Referenden engagieren und sich für politische Ämter zur Verfügung stellen. In der Schweiz von einer Classe politique zu reden ergibt daher wenig Sinn, es sei denn, wir verstehen unter Classe politique die Gesamtheit der Bürger/innen und wollen diese von der Klasse der von der direkten Demokratie ausgeschlossenen hier ansässigen Nichtbüger/innen abheben. Es ist dies nun freilich nicht die Bedeutung, in welcher der Begriff in Blochers Schweizer Nationaltheater verwendet wird.

In den Theaterstücken des Teams Blocher & Mörgeli und anderer Nationaltheater-Autoren steht Classe politique vielmehr für Politfilz, Beamtenwillkür, Kungeleien, weltfremde Reglementierung, Missachtung des Volkswillen und so weiter und so fort. Oder in den Worten des Chefdramaturgen:

«Viele für die Bevölkerung wichtige Sorgen werden in einem unheimlichen Klüngel der Classe politique ertränkt (!). Bundesrat, Parlament, Verwaltung, die meisten Medien und zunehmend das Bundesgericht bilden eine Front gegen den Willen der Bürger.»

Der Begriff «Classe politique» wird so unter den Händen von Chefdramatiker Blocher zum eigentlichen Bedeutungs-Chamäleon. Bei allem Bedeutungswandel bleibt sich aber etwas gleich: Die Classe politique hat in den im Schweizer Nationaltheater auf die Bühne gebrachten Stücke stets die gleiche Doppelfunktion. Sie gibt die dunkle Kulisse ab, vor der sich Blocher & Co als strahlende Retter der Nation präsentieren können, und sie ist der finstere Akteur, dessen Machenschaften die «Landespartei», gestützt auf das mythische «Volk», ein Ende machen will – «damit die Schweiz nicht zu Grunde geht».

Nach Sommerpause: What next?

Derzeit liegt der Spielplan der kommenden Saison noch nicht vor. Von im Allgemeinen gut informierter Seite war aber zu erfahren, dass Theaterdirektor Blocher beabsichtigt, ein weiteres Drama aus dem Classe-politique-Zyklus auf die Bühne bringen. Dem Vernehmen nach handelt es sich um ein Schauerstück mit dem Titel «Im Würgegriff der Richter oder Der stille Staatsstreich der Classe politique, Teil 2». Das würde auch gut zu dem passen, was Chefdramatrurg Blocher seinerzeit im Programmheft zur Einstimmung des Publikums auf das Volksstück «Der erste Schritt» geschrieben hatte:

«Jetzt kommen wir zum Hauptproblem. Die Classe politique, hier also das Bundesgericht, tut alles um den Volkswillen auszuschalten. Sie will die Stimme der besorgten Schweizerbürger zum Schweigen bringen. Die Classe politique plant einen heimlichen Staatsstreich.» Und: «Gelingt es den Bürgern nicht, hier Einhalt zu gebieten, wird am Schluss durch allerlei Tricks das Bundesgericht auch den Beitritt zur Währungsunion und die Einführung des Euros verlangen mit der Begründung, dass das edle EU-Recht übergeordnet sei und als Völkerrecht folglich über der Bundesverfassung stehe. ‚Guet Nacht am sächsi!‘ Wir alle sind aufgerufen, diesen landesverräterischen Mauscheleien der Classe politique ein Ende zu setzen.»

Leichtere Kost soll auf der Kleinen Bühne geboten werden. Hier inszeniert Jungregisseur Thomas Matter den Schwank «Der Bock und der Gärtner». Dabei handelt es sich nicht um eine Neuinszenierung des früheren Erfolgsstücks «Die Wäscherei in der Vehfreud», wie von gewissen Kreisen böswillig insinuiert wird. Wir sind gespannt.

 

Martin Stohler, Jahrgang 1955, ist Historiker, eingefleischter Dylan-Kenner und Korrektor. Aufgewachsen ist er in Pratteln und Buckten. Er lebt und arbeitet in Basel. Diverse seiner Beiträge erschienen unter anderem in der Sissacher „Volksstimme“, den „Baselbieter Heimatblättern“ und in der „TagesWoche“. Martin Stohler ist Mitherausgeber der Reihe „Service Public“ in den Editions le Doubs, St-Ursanne.

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