Poetisiert euch! – Gedanken zu «Die enteignete Poesie» von Michael Esders

Exklusiv für «Zeitnah» bietet «Projekt Wort:Rausch» Einblick in die persönlichen Lese-Notizen zu einer Poesie-Untergangs-Arie.

Von Projekt Wort:Rausch

Wenn man den Thesen Esders in seinem Buch Glauben schenkt, dann steht die Poesie, die Literatur insgesamt, auf unsicherem Grund, wenn nicht gar kurz davor, ihren letzten Atem auszuhauchen. Esders sieht sie ausgebeutet, missbraucht, auf sicherem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Auf unverschämte Weise bediene sich Politik, Wirtschaft, Werbung ihrer Stilmittel, belebe längst vergessene literarische Disziplinen, wie die Fabel und die Legende, beides übrigens Gattungen, die hervorragend diesen Bereichen dienlich sein können, wie uns die Geschichte immer wieder beweist, um Nutzen für Macht und Profit aus ihnen zu ziehen.

Doch was wird hier eigentlich benutzt, gar missbraucht………ist es nicht das Grundwerkzeug der gesamten Literatur, von dem hier die Rede ist? Ist es nicht unser aller Grundwerkzeug im täglichen Leben?

Die Sprache…….und ist es nicht eben diese Sprache, die schon seit Menschengedenken immer wieder ge- und benutzt wurde, wird……..und natürlich auch, um Macht und Profit zu sichern ?

Warum also dieser Aufschrei ?

Sicherlich wurden im Laufe der Zeit die Mittel und Techniken des Missbrauchs von Sprache verfeinert, aber auch die Sprache, die Poesie selbst, entwickelt sich weiter.

Poesie ist vom Ursprung des Wortes her ein Erschaffen, ein Machen, steht innerhalb von Sprache, Bildern, Klängen für eine besondere Qualität.

Im Wandel der Jahrhunderte wurde sie in ein Korsett aus Metrik und Reimen gesteckt, doch sie befreite sich aus jeder äusseren Form, transportierte die Romantik ebenso wie den Realismus, wurde im Dadaismus gar zur Antikunstform, war reine visuelle Wort- oder Klangspielerei, wurde zur Poesie des Alltags, eroberte als poetry slam die Rhythmik und diverse Musikrichtungen.

Das alles entgeht dem Leser des Buches, weil hier vorrangig ein Feindbild konstruiert, die Schuld wieder einer Gruppe, die zweifellos die Poesie für ihre Zwecke benutzt, wie ein Büssergewand umgehängt wird, was den Einzelnen, erfreulicherweise, von seiner Verantwortlichkeit befreit.

Poesie ist die Vielseitigkeit des Lebens. Sie reflektiert die Befindlichkeiten ihrer Zeit und birgt darin sicherlich auch die Möglichkeiten eines Missbrauchs.

Doch diese Anleihen der Politik, der Wirtschaft, der Werbung, gab es zu jeder Zeit und die Poesie hat sie überlebt.

Ein Zitat, ein Aphorismus, klingt geistreich und kann so manches Mal vom eigentlichen Inhalt, oder einem Fehlen desselben, ablenken. Auf dem Boden ausschweifender Fabeln, oder mit der (Er-)Findung von Tatsachen aus der Saat alter Legenden, lassen sich Ziele erreichen, die sich einer logischen Argumentation entziehen, lassen sich Befindlichkeiten in der breiten Masse erzeugen, die vom eigentlichen Kern ablenken; man denke nur an den poetischen Begriff «Achse des Bösen».

Aber hat dies die Poesie je in die Bedeutungslosigkeit geführt, oder ist sie jetzt auf dem besten Weg dahin ?

Unsere Zeit flutet unsere Synapsen mit einer Bilder-Textflut, deren offensichtliche Zielsetzung kaum mehr erkennbar bleibt, nimmt uns durch ihre Schnelligkeit den Atem, lähmt letztlich eine konkrete Aufmerksamkeit.

Label und Cover ersetzen das Nachdenken über Inhalte, erzeugen Befindlichkeiten ohne Überzeugungen oder eine persönliche Betroffenheit, vertraut klingende Metaphern, Gleichnisse, und Legenden verhindern eine Nachfrage, ersticken einen notwendigen und möglichen Diskurs im Ansatz.

Woran krankt dann die Poesie tatsächlich?

An einem Mangel an konkreter Aufmerksamkeit, an unserer fehlenden Anteilnahme, an unserer Desensibilisierung und nicht an dem Missbrauch der Sprache und ihrer Stilmittel, ist eine Antwort, die sich aufdrängt, wenn man die Thesen Michael Esders in Kontext mit der Geschichte stellt und mit den Realitäten unserer Zeit abgleicht.

«Weil Literatur überall ist, droht sie in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden und ihre ästhetische Autonomie zu verlieren», so Esders in seinem Buch.

Wenn Literatur überall ist, warum ist sie, die Poesie, uns dann nicht gegenwärtig, könnte man fragend daraus ableiten, und wozu benötigt sie eine ästhetische Autonomie?

Liegt es an dem Zugang zur Poesie, zur Lyrik, zur Literatur allgemein, der bei den meisten in Schulzeiten, und somit oftmals negativ behaftet, gelegt wurde?

An dem daraus resultierendem Verständnis, der persönlichen Sicht auf das, was Poesie ist, zu sein hat und nicht sein kann?

Eine vorgefasste Sichtweise schränkt ein, verhindert eine Auseinandersetzung und somit auch letztlich jede Art von (An-)Teilnahme.

Der Zugang ist nicht dadurch gegeben, dass man irgendwann mal ein paar Gedichte gelesen hat. Wer sich nicht immer wieder neu auf sie einlässt, verliert seine Sensibilität für ihre Inhalte, versäumt ihre Entwicklung und die eigenen Möglichkeiten, Zusammenhänge zu erfassen.

Poesie ist ein Prozess, ist dynamisch, spiegelt, bietet Freiräume, stellt Fragen und gibt manchmal Antworten. Sie hat weitaus mehr zu bieten, als einen ästhetischen Rahmen, eine Form, ihre Autonomie liegt in ihren Inhalten, in ihrer Nähe zum Leser. Verliert sie diese Nähe, ist sie in Gefahr, wie die Absatzzahlen lyrischer Literatur befürchten lassen.

Sie ist eine ständige Wahrnehmung des Lebens, für den, der sie schreibt und den, der sie aufmerksam liest.

Es liegt einzig an uns, an jedem selbst, sich die Zeit und den Mut dafür zu nehmen, sich zu entschleunigen, sich aus der Bilder-Textflut freizuschwimmen, die Poesie in der Sprache, den Worten, in den Tönen, Klängen und Farben zu erkennen, sie in jedem Augenblick der Aufmerksamkeit neu zu entdecken.

Ob wir sie als Mimesis, als Ausdruck innerer Erfahrung, als Objektivierung, als philosophische Fragestellung, oder als auschliesslich ästhetisches Kunstgebilde, die der alten Meister, oder in zeitgenössischer Form lesen, ist sekundär.

Stärker als alle anderen Künste spricht Poesie Geist und Seele an, weckt die Phantasie, öffnet Räume für Emotionen und wirkt dabei wie ein Katalysator der eigenen Befindlichkeiten.

Sie mag auf den ersten Blick nicht lebensnotwendig erscheinen, doch sie führt uns näher zusammen, bewahrt die Erinnerung woher wir kamen und gibt zu denken was wir sind.

Michael Esders Buch lässt einiges offen, zeichnet manches zu schwarz-weiss, gibt jedoch eine gute Gelegenheit, Zusammenhänge zu erkennen und in deren Folge selbst neue Fragen zu stellen. Wie die Frage nach der eigenen Rolle in diesem Spiel mit der Poesie, diesem Spiel zwischen Missbrauch und Ignoranz, Gleichgültigkeit und Reizüberflutung……….doch jede Gelegenheit ist nur so gut, wie man sie nutzt.

Michael Esders. Die enteignete Poesie: Wie Medien, Marketing und PR die Literatur ausbeuten. AISTHESIS Essay 35, ISBN 978-3-89528-876-0, 118 Seiten, kartoniert. 21.50 CHF.