DWVEBDMSBHBEBDS #34

säge

Von Gregor Szyndler

Hans Bissegger kann nicht schlafen; er kann seinem Alptraum nicht entfliehen.

Wie die Augenblicke sich dehnen! Man findet keinen Schlaf, und es gehen einem Worte durch den Kopf, für die noch kein Gedanke war. So geht es Hans Bissegger. Es ist dasselbe Lied von den gleichen Distanzen: In der Schwebe zwischen so vielen Möglichkeiten, wird Hans Bissegger zum Zaungast seines in Wachträumen aushauchenden Lebens, ein wenn auch nicht gerade uninteressierter, so doch wenigstens nur wenig beteiligter Beobachter.

Liegen, und es gehen einem Worte durch den Kopf, für die noch kein Gedanke war, solche Worte: Manche von ihnen hält Hans Bissegger für Phantome, unter ihnen «Schlaf», «ich», «du», «wir». Es sind Tage, die sich anfühlen wie übrig gebliebene Nächte, Inexistenzen, von Blitzen durchzuckt die einen, andere atemstill. Fröhlich schleust auch weiterhin seine Gestalten in die Schönheits-Klinik ein, um Bissegger den Rückweg abzuschneiden, er wechselt Schlösser und lässt Bisseggers Büro neu streichen. Bin Bim Bissegger-Xi, die längste Zeit beim Bissegger gewesen, legt sich zu einem Langweiler, sie lernten sich kennen im Speisesaal eines Wellness-Hotels, bei den Müeslizutaten. Leoluca trägt Seitenscheitel, dilettiert an Novellen, Gedichten, Romanen, die er unter dem Pseudonym SOBEK an Wettbewerbe und Verlage schickt. Es regnet und regnet, Jahreszeiten lösen sich auf, ein Durcheinander von Regen und Dürre und Hagel und Schnee. Ein riesiger Strom fliesst auf einmal durch die Stadt, schwillt und schwillt, erhebt sich über die Ufer, Walfische, Anakondas, Krokodile treiben an das Ufer des langen, langen Meeres. Krokodile sonnen sich in der Attika, sie machen sich über die Designermöbel her. Hans Bisseggers Tochter Eva hetzt von Sitzung zu Sitzung, Reporterin, bald Edelfeder und weit herum geachtete, gefürchtete Mietmeinung, und noch einmal nicht sehr lange, und schon ist sie Chefredaktorin einer Tageszeitung. Ihre Geschichte über die verheerende Basler Krokodilplage gewinnt Preise. Der Lotteriepatron, Herr von Garftitz, klapp-klapp, trapp-trapp, die Ohren überlänglich verjüngt, mit wallender Mähne und riesigem, buschigen Schwanz, bespringt Bisseggers Familie und alle seine Geliebten, Henriette, Fedora und Almadestrella Jagdschloss – viehisch, roh, grölend. Dann grunzt er und teilt Hans Bissegger mit, es handle sich um ein Missgeschick, die letzte Ziffer der Gewinnzahlen sei «38», sorry. Hans Bissegger greift zur Motorsäge; leider wechselbalgt der Vornamenlose Herr von Garftitz just in dem Augenblick zurück zum Krokodil, schnappt nach seinem Arm, reisst ihn ab. Bissegger spürt dabei weder Schmerzen noch Erinnerungen an Schmerzen.

Auf tritt Ernst Fröhlich, ein Krokodil nach wie vor; er schlachtet ein Schaf und zieht ihm die Haut ab, stülpt die Haut dem Lotteriepatron von Garftitz über das Gesicht. Dann geht er zu Bissegger, der aus unerzählbaren knüppelhart Gründen erigiert ist, und er schneidet ihm den Zipfel ab, coupiert und stopft ihn von Garftitz in den Schlund, zündet an. Das Schaf raucht und verliert sich, verschwindet in hartnäckigem Nebel. Bisseggers Geliebte ziehen vorbei, paradieren mit marsroboterhaften Kinderwagen, im lustvollen Stechschritt parodieren sie sein Liebesleben; sie schwenken durch die Luft, womit sie sich zwischen Empfängnis und Niederkunft die Zeit vertrieben hatten, samt Schleifchen mit Einzahlungsschein dran – ein einziges Wimmern, Plärren, Rülpsen, Furzen, Kreischen. Bissegger, befremdet von der Mühsal des Krokodil-Ganges, watschelt hin und verteilt Schnuller. Bissegger drückt den alleinerziehenden Müttern Wartenummern in die Hand und versichert, sie zeitnah zu bedienen.

Bin Bim Bissegger-Xi sieht das Treiben und spendet Applaus, aus der Sänfte heraus, in der sie sich zum Scheidungsrichter tragen lässt. Der Scheidungsrichter metamorphosiert in die Erscheinungsform einer Scheidungsrichterin, und von dort in jene von Leolucas schlecht frisierter Deutschlehrerin, Frau Maui, die das Vorstrafenregister von Leoluca prompt und mit Härte gegen den Angeklagten verwendet. Heraus kommt ein Urteil, das Hans Bissegger zu Zahlungen von 50’000 die Woche bis an den Sankt-Nimmerleins-Tag verdonnert, Annäherungsverbot inklusive, ebenso wie die Abtretung sämtlicher Besuchs- und Erziehungsrechte an Bin Bim Xi. Leoluca steht daneben, macht sich Notizen und hämmert es in die Tasten, mailt das Konvolut an einen Verleger und kriegt fortan bei jedem verdammten Gang zum Briefkasten ein Gefühl der Enge in der Brust. Der Mathematiklehrer Mattéo Bibus, der Partei- und Fraktions-Vorsitzende der Städtischen-Volks-Pädagogen, in Gestus und Tonfall selbstgerechter Empörung, weist das Gericht auf die abgebrannte Schulküche, den abgebolzten Tell-Schauspieler und auf die Zugriffszahlen eines gewissen Youtube-Filmchens hin, in welchem er Hauptdarsteller sei; grosses Murren im Gericht, als Bibus herausrückt, auf welcher Seite und in welcher Funktion Hans Bisseggers Sohn Leoluca Bissegger seinerzeit an dem Oeuvre beteiligt gewesen sei. Richterin Maui miaut angewidert und verhängt ein noch haarigeres Urteil über Hans Bissegger.

Schliesslich reichen sich Bin Bim Xi, gewesene Bin Bim Bissegger-Xi, Henriette, Fedora und all die anderen Geliebten, aber auch die abtrünnigen Kinder Eva und Leoluca, Herr von Garftitz und Almadestrella Jagdschloss, Fröhlich und Huber und die Hackfressen vom Dachverband, die Krokodile, Schafe, Schlangen, Walfische, die Hände oder was sie dafür halten. Selbst der Hamster Agatho, voll der Omen, bequemt sich aus dem Laufrad und gesellt sich zum Ensemble, derweil sich diese krausen Gedanken und Gefühle doch nie weit genug von Hans Bissegger entfernen, um die Fäden zum Wachsein zu kappen.

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

Stempel_KORR_Klein

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