Elemente des Realen – Ari Folmans «The Congress»

Robin Wright war mal eine bekannte Schauspielerin. Doch nun hat sie nur noch eine Wahl: sie kann sich von Miramount scannen lassen, damit diese rein digitale Filme mit ihr drehen können. Ihr Agent Al (Harvey Keitel) versucht sie davon zu überzeugen. Filmboss Jeff (Danny Huston) hat nur ein müdes Lächeln übrig für ein Relikt wie Al – schliesslich brauchen Schauspieler keine Agenten mehr, da sie nur einmal die Scan-Rechte verkaufen müssen. Aber wenigstens arbeitet Al in Jeffs Sinne. Zu Hause erwarten die alleinerziehende Mutter Robin (Robin Wright) ihre Kinder Sarah und Aaron – vor allem Aaron bereitet ihr viele Sorgen, da er sein Gehör verliert.

congresszvg

Folman zeigt in «The Congress», was die Digitalisierung des Films bedeutet: ein immer irrealer werdendes Universum von Bildern, das die Realität(en) zu verschlingen droht (Foto zVg).

Nach« Waltz with Bashir» präsentiert der israelische Regisseur eine neue und wieder andersartige Mischung aus Real- und Zeichentrickfilm. «Waltz with Bashir» war der wohl erste animierte Dokumentarfilm – ein sowohl politisch wie künstlerisch gelungenes Experiment. Viele der Protagonisten haben sich dabei gerade aufgrund des Stilmittels Zeichentrick für eine Teilnahme entschieden, da so ihre Privatsphäre stärker gewichtet werden kann. In «The Congress» nun ist erst der zweite Teil des Films animiert, im ersten Teil sind Robin Wright, Harvey Keitel und andere Menschen aus Fleisch und Blut zu sehen. Der Stil der Zeichnungen ist dabei wiederum ein ganz anderer als in «Waltz with Bashir» – inspiriert von Underground Comics, Anime und mehr. Wie «Waltz with Bashir» ist auch «The Congress» – inspiriert von Stanisław Lems Roman «Kongres futurologiczny» – ein sozialkritischer Film. Der Name der Firma, die alles orchestriert, ist nicht von ungefähr Miramount, setzt sich also zusammen aus Miramax und Paramount. Miramax lässt sich dabei (nach Peter Biskind) sowohl als Förderer als auch als Totengräber des Independent-Kinos in den 90er Jahren interpretieren; Paramount als der erste Hollywood-Major, der sich ganz losgelöst hat vom Ethos des New Hollywood (ebenfalls nach Peter Biskind). Es geht hier um den Verlust des Realen überhaupt; eine immer realer werdende Gefahr in der digitalisierten Konsumgesellschaft, und es geht darüber hinaus natürlich um die sich wandelnde Art, Filme zu machen: immer mehr sind es die Produzenten, die über die Köpfe der Filmemacher entscheiden.

Verblüffend ist dabei auf den ersten Blick die Wahl des traditionellen Animationsfilms als Medium. Wäre der computeranimierte Film nicht passender? Keineswegs, denn so macht Folman die wirkliche Verfremdung, die auch in CGI und computeranimiertem Film zum Tragen kommt, viel besser sichtbar als in einem naturalistischeren und/oder computeranimierten Stil. Nach Vilém Flusser trügt das technische Bild gerade dann, wenn es real wirkt. Wie von Flusser vorhergesehen empfinden die Menschen heute den computeranimierten Film als realer als den traditionell animierten. Dass aber «Shrek», «Final Fantasy» oder «Aladdin» alle gleich irreal sind (wie auch nichtanimierte Filme irreal sind), das wird dabei dem Betrachter vorenthalten. Folman zeigt in «The Congress», was die Digitalisierung des Films bedeutet: ein immer irrealer werdendes Universum von Bildern, das die Realität(en) zu verschlingen droht. Wenn wir also am Schluss von «The Congress» die reale Filmwelt sehen, dann ist dies fast so erschütternd wie die dokumentarischen Bilder aus Sabra oder Shatila am Schluss von «Waltz with Bashir».

«The Congress» Israel/Deutschland/Polen/Luxemburg/Frankreich/Belgien 2013. Regie: Ari Folman. Mit Robin Wright, Paul Giamatti, Harvey Keitel, Kodi Smit-McPhee, Danny Huston, Sami Gayle u.a. Deutschschweizer Kinostart: 2.9.2013

Stichworte: ,

%d Bloggern gefällt das: