gesichtet #43: Kopfstand im düsteren Schlund

Von Michel Schultheiss

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei ein Plakatierer während eines Schwindelanfalls am Werk gewesen. «Weshalb stehen hier die Werbeplakate auf dem Kopf?» – eine Frage, die sich wohl schon mancher Passant beim Betreten des Durchgangs von der Theaterstrasse zum Birsig-Parkplatz gestellt haben mag. Erst beim zweiten Mal Hinschauen fällt der Zebrastreifen auf, der sich an der Decke der dunklen Fussgängerpassage verirrt hat.

Passage Theaterturnhalle

Einst ein dunkler Durchgang, heute in milchiges Neonlicht getränkt: Der Durchgang von der Theaterstrasse zur Drehscheibe in Basel (Foto: smi)

Der etwas schmuddelige Durchgang bei der Theater-Turnhalle führt zur Auto-Drehscheibe in der zum Parken bestimmten Strasse, um dann als Theatergässlein, vorbei und einem Tattoo-Studio, einem Coiffeursalon, und dem Mr. Pickwick-Pub in die Ausgangsmeile Steinenvorstadt einzumünden. Auch wenn der Durchgang das Basler Theater mit den Kinos und Bars verbindet – einladend ist er nicht gerade. Ähnlich wie das inzwischen reichlich umgekrempelte Steinenbachgässlein dient die Passage nicht selten als Müllkippe und Pissoir der Ausgangsleichen. Genau hier wollte die staatliche Dienststelle «Kunstkredit Basel» vor zwanzig Jahren ansetzen und den düsteren Schlund der Partyzone aufwerten. Unter dem Motto «Farbe in der Stadt» wurden vier Künstler eingeladen, ihre Projekte für das Theatergässlein zu präsentieren. Schliesslich entschied man sich für die Installation des Gestalters Marc Covo. Was man den Kindern von früh auf beibringt, ist hier der Name des Kunstobjekts: «Luege lose laufe» heisst die Lichtinstallation aus dem Jahr 1993.

«Am Anfang stand die Idee, Licht und Sicherheit an den Ort zu bringen», erinnert sich Marc Covo. Es stand auch der Vorschlag im Raum, die Wände mit Plättchen zu verkleiden, um den Sprayereien Einhalt zu gebieten, doch der Gestalter setzte sich für eine eigene Variante ein: «Auf dem Kopf stehende Plakate sollen die Sprayer abhalten und den Blick zur Decke lenken», beschreibt er das Konzept. Die umgekehrte Strasse soll damit die Idee dahinter verdeutlichen: «Der Fussgängerstreifen und Licht soll etwas Sicheres sein», meint Marc Covo. Diesen Gedanken hat er für die Installation übernommen: Der Zebrastreifen an der Decke ist quasi eine Fortsetzung der Fussgängerstreifen in der Theaterstrasse und bei der Drehscheibe. Er soll er durch die etwas heruntergekommene Passage geleiten. Dennoch ist das Gässlein ein wilder Schlupfwinkel geblieben: Die Plakate werden oft heruntergerissen und nicht selten zieht der Uringestank den Tunnel, statt grosser Graffiti zieren kleinere Tags die Wände. Wie das Steinenbachgässlein konnte auch dieser Wildfang unter den Basler Gassen nie vollständig gezähmt werden. Dies sei jedoch – wie sich Marc Covo erinnert – nichts im Vergleich mit dem früheren Aussehen der Passage, als sie noch ein ziemlich dunkler Ort war.

Plakate Theatergässlein

Hier steht die Welt Kopf: Die umgedrehten Plakate als Teil der Installation von Marc Covo (Foto: smi).

Ursprünglich hätten die Neonröhren auch tagsüber den Durchgang beleuchten sollen, was jedoch aus ökologischen Überlegungen abgelehnt wurde. Generell ist aber Covos Installation auf durchwegs positive Reaktionen gestossen. «Die Plakate fallen am meisten auf», stellt er fest. Passend zur gespiegelten Strasse werden diese nämlich um 180 Grad gedreht. Ursprünglich war gedacht, auch eindrückliche Mode- und Auto-Reklamen anzubringen. So hätten etwa H&M-Models den Kopfstand gemacht. Die plakatierende Firma hätte aber keinen Sinn für Humor gehabt. Daher seien es stets Kunsthalle und Theater, welche die Plakate stellen, wie Marc Covo festhält.

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