«Der Wandteppich» – Ausschnitt aus dem Roman «Wakhart Niendert» von Gregor Szyndler

Ein Henker namens Luzifer, der bestens lesen und schreiben kann, ausserdem ein Einblick in die Werkstatt des Fälschers Meister Karwendel, nebst einigem zum Hintergrund seines Lehrlings Wakhart Niendert.

Von Gregor Szyndler

Der Henker Luzius Bärenbitz ist ein Schlacks und Schluck Wasser. Einzig erschreckend an ihm ist seine Ahnenreihe – Henker an Henker an Henker gereiht! – von denen es einige Seifensieder noch am Weitesten gebracht hatten. Aus jenem Rotzloch am Kohlenberg, in der Nachbarschaft von allerlei Gesindel und Gesocks, hatten es freilich auch jene geschäftstüchtigeren Exemplare der Gattung nicht herausgeschafft. Das Familienanwesen der Bärenbitz, kaum ruhigen Gewissens ein schimmeliger Bretterverschlag zu nennen, war seit jeher Stammburg der gern gemiedenen Dynastie, und das Richtschwert ging von Generation zu Generation zu Generation, ganzer Stolz eines Geschlechts, welches es nicht anders kannte. Erst in jünger-jüngster Zeit war erstmals ein Artvertreter, Theophil Bärenbitz, nachdenklich geworden, und er hatte es erreicht, seinem Ältesten, Luzius Bärenbitz, auf verschlungenen Wegen eine Bildung angedeihen zu lassen, die nicht mehr Halt machte vor Lesen und Schreiben, und die sich auch nicht mit der Familientradition begnügte. Was beim alten Theophil Bärenbitz – kahl und wuchtig wie ein Findling! – indes noch recht anschauliche Effekte erzielt hätte, Kontrasteffekte, hervorgerufen aus der Diskrepanz zwischen seiner leiblichen Erscheinung und der Leichtgkeit, gar: Weihe! – die Lesenden und Schreibenden eignet, verkehrte sich bei Luzius Bärenbitz ins Gegenteil.

Luzius Bärenbitz war Meister Karwendel von jeher wie eine Karikatur des Berufsfeldes vorgekommen. Mächtig war er, Gebieter über Leben, Tod und alle dazwischen liegenden Reiche, dabei jedoch noch nicht einmal einer über Grunzlaute und Bellen hinausgehenden, zeichentragenden, zeichengetragenen Form der Verständigung mächtig. Auf Luzius Bärenbitz wirkten Buchstaben verheerend. Seit ehedem unter dem Richtschwert, das er kaum zu erheben, geschweige denn zu führen vermochte, ächzend und leidend, verstärkte sich seine ewig-kindliche Anlage mit der Meisterung des Alphabets, woraus jener schon eher tragische als komische Effekt resultierte: wäre es nicht um das Bärenbitzische Erbhandwerk gewesen – Köpfen! – Vierteilen – auf glühende Dornen setzen! – man hätte sich krumm gelacht über diesen kaum dem Knabenalter entwachsenen Gimpel, über dieses Häufchen von einem Bärenbitz, über diesen zerbrechlichen Wicht, dessen Stimme immer sich nur im Rezitieren von Schriftgut festigte, und dessen Enthauptungen nur darum so viele Zuschauer anzogen, weil so viele so einträgliche Wetten darauf abgeschlossen wurden, wie viele Hiebe es denn nun wieder brauche, bis die Rübe unten war. Nein, im Schatten des Theophil Bärenbitz konnte Luzius Bärenbitz niemals bestehen; hundsjämmerlich schlotterte und jaulte er deswegen.

Da nun aber gewisse Dinge wie Ereignisse sich verketteten, ging das Richtschwert zur Unzeit an Luzius Bärenbitz über. Zu dieser Zeit hatte sich die Fama der Familie längst unaustilgbar verfestigt. Dieser Ruf kroch Luzius Bärenbitz allenthalben voraus; da konnte er in den abgetragenen Hudeln des Theophil Bärenbitz, die an ihm nur so hinabschlackerten und ihm das Aussehen eines Windsacks gaben, auch noch so lächerlich wirken, es gab sich doch niemand Illusionen hin. Wer, unbeeindruckt von der Präsenz des Luzius Bärenbitz, es dennoch aufnahm mit ihm und mit der Ordnung, für die der Zwerg stand, lernte an der Bärenbitzischen Wirkungsstätte schnell, Fremdzuschreibungen von Tatsachen zu unterscheiden. In seinen Kellern wuchs Luzius Bärenbitz über sich hinaus, von Vater selig von Kindsbeinen an auf Arbeit mitgenommen, entsprechend vertraut mit der Familientradition, brachte er es mit Zangen, Nägeln, Hämmern, Messern zu beklemmender Perfektion. Mehr als einer seiner ihm Anvertrauten erkannte denn auch erst im sprichwörtlich letzten Augenblick, das Ausmass seiner Verblendung und Fehleinschätzung: dann, wenn dieses Wesen, welches eben noch über die eigenen Fetzen stolperte und um ein Haar längelang hinfiel, sich an der Streckbank zu schaffen machte oder an glühenden Kneifern. Da endlich zollte man ihm Respekt. Der Stotterer bedauerte es, dass keiner die Richtigstellungen überlebte, um in der Stadt davon zu berichten: ihm wäre vielleicht, so die verquere Hoffnung, die eine und andere Demütigung erspart worden, die eine und andere Reduktion auf ein Äusseres, welches so wenig seines Innern transportierte. Luzius Bärenbitz verrannte sich in den Korrekturen seiner Fama, und zwar so sehr, dass er bald die grauslichsten Untaten der grausamsten Bärenbitzischen Artenvertreter an Grausamkeit überbot. Die Bärenbitz traten mit Luzius Bärenbitz gewissermassen in eine finale Phase gesellschaftlichen Abschwungs: tiefer sinken als unter der Ägide dieses perversen Sadisten liess es sich nicht. Dabei war das Geschlecht der Bärenbitz auch zuvor schon so verrottet, dass man es dem Madenpack bereits hoch anrechnete, wenn wieder einmal einer von ihnen, wie neulich Theophil Bärenbitz, seiner Misere in die Selbstaufgabe entfloh. Theophil Bärenbitz stand mit dieser Veranlagung keineswegs Pate für eine ganze Reihe weiterer Artvertreter, und am allerwenigsten stand sein Charakterbild – wie es unschwer zu erraten ist! – Pate für jenes seines ältesten Sohnes, Luzius Bärenbitz.

Luzius Bärenbitz ging so sehr auf in der Familientradition, dass man ihn, und nicht einmal hinter vorgehaltener Hand, Luzifer nannte. Die paar Überlebenden, Geblendete, denen Luzifer, krause Zeilen rezitierend, genüsslich, viel zu langsam die Augen aus den Höhlen gerissen hatte, trugen bei zur Etablierung dieses Rufnamens. Wie ein Lauffeuer griff der Rufname samt aller nur denkbaren Abwandlungen und Verballhornungen, um sich; zu fürchten hatten die Frotzler und Spötter nichts – mit wenigen Vorkehrungen liess sich die Wahrscheinlichkeit, Luzifer jemals Gelegenheit zur Retourkutsche zu geben, aus der Welt schaffen. Er, dessen kehligen Grunzlaute keinerlei Aufschluss über ein allenfalls zu veranschlagendes Innenleben gaben, Luzifer, war geboren, die Dinge auf den Punkt zu bringen, nicht dazu, die Dinge zu verrätseln. Es ist nicht gesagt, dass er Spott und Häme verstanden hätte. Man täte Luzifer Bärenbitz indes Unrecht, würde man ihm nicht gewisse Sinne viel weniger als beseligende Instinkte, attestieren. Ein solcher Instinkt war es, sein Handwerk wann immer möglich zu kontrastieren mit Lektüren. Seinem lächerlichen korrespondierte ein unheimliches Gesicht: nicht, was Lektüren an Grausamkeiten verhinderten, sondern was sie an Grausamkeiten hervorbrachten; nicht, was Grausamkeit an Lektüren verhinderte, sondern was sie an Lektüren schärfte. Mitunter trieb es Luzifer Bärenbitz, der es verstand, seine Schnitte, Hiebe, Tritte über Tage und Wochen zu dosieren, aber auch zu Grausamkeiten, die keine körperlichen Entsprechungen fanden. Solche für seine Verhältnisse humorigen Anwandlungen quittierte Luzifer jeweils mit einem Geräusch des Erstickens, welches grunzendes Lachen genannt werden kann, sowie mit einem Blitzen seiner vor Zysten verknoteten Augen.

Er reicht Meister Karwendel Pergament, Feder, Tinte.

«Bring‘ mir Wasser und Brot!», ruft Meister Karwendel. «Bitte bring’ mir Wasser und Brot!»

Luzifer steht tappsig vor dem Verlies, prustet und gluckst vor sich hin.

«Wasser und Brot?» – er greift nach dem Schreibzeug: «Da!» – Luzifer gibt Meister Karwendel das Pergament; er hat ‚Wasser + Brot’ darauf geschrieben: «Wasser und Brot!»

Meister Karwendel wimmert:

«Was zu essen! zu trinken! bitte!»

Luzifer:

«Noch immer Hunger? Noch immer Durst? Warum? Schreibe Butter, Schinken, Früchte, Wein! Nein? Du solltest schreiben, Karwendel, schreiben, als gehe es um etwas. Draussen beigen sie längst deinen Scheiterhaufen, längst.»

Luzifers Lachen hallt durch das Gemäuer, schrill, ein Fenster hinab in sein Innerstes. Meister Karwendel wartet, bis sich das Lachen verloren hat; dann nimmt er Feder, Tinte, Pergament, um ein letztes Mal dem obersten Ende des Stoffwechsels zu frönen. Sein ganzes Leben, so viel, wie auf die Kuhhaut passt, will er aufschreiben, sein ganzes Verhängnis, welches ihn in die Obhut Luzifers brachte.

Butter, Schinken, Früchte, Wein: Die Macherin grossartiger Wandteppiche, Frau Aude Mâz, liess sich nicht lumpen. Meister Karwendel war zu ihr gekommen, um sich als in seiner Klause über Schriftstücke gebeugten Gelehrten mit Nadel und Faden und Stofffetzen verewigen zu lassen. Meister Karwendel und sie verstanden sich auf unausgesprochene Weise ausgesprochen gut; auf Anhieb war klar, da war mehr in seinem Wunsch nach einem Wandteppich als ein Verlangen nach Verzierung seines Gehäuses, als ein Verlangen danach, sein standesgemäss undichtes Gehäuse abzudichten. Frau Aude Mâz erfüllte ihm seinen Wunsch, und sie übertraf sich selbst dabei: Von der Decke ihres Wandteppichs hingen, an Schnüren und in Körben, Unmengen von Pergamenten, Papieren, Büchern. Riesige Stapel davon fanden sich über den Boden verteilt sowie auf Tischen und Kommoden: So echt, man wollte danach greifen. Weite Strecken von Regalen, leer manche, andere überbordend, ihre Linien verknappt auf einen Zentralpunkt hin, der die Mitte der Nabe eines Mühlenrades war. Dieses Mühlenrad aber schaufelte kein Wasser, sondern Bücher. Da rotierten Büchelchen, Bücher, Folianten auf den Schaufeln. Durch eine Übersetzung, die Frau Aude Mâz vortrefflich in den Stoff arbeitete, blieben die Bücher stets im Gleichgewicht, und sie fielen nicht zu Boden. Neben dem Rad befand sich Meister Karwendels Stehpult. Immer wieder eilte er zwischen dem Bücherrad und dem Pult hin und her, las hier, während er dort Zeichnungen, Auszüge, Markierungen, Verschlagwortungen, Verzeichnisse anfertigte.

Zu Meister Karwendels Verwunderung schillerte und oszillierte sein Ebenbild im Wandteppich, bewegte sich, obschon mit Nadel und Faden in Stoff gearbeitet, eigenlebendig von einer Station seines Kabinetts zur nächsten, tigerte auf und ab. Nach einer Weile setzte Karwendel sich auf seinen Chorstuhl, schrumpfte, eingeklemmt zwischen schulterhohen Armlehnen, zusammen. Die Füsse des Chorstuhls: Da schlängelte es sich in die Höhe, da waren Blüten, Knospen, Äste, Gestrüpp. Bald ging dieses Gewucher über in Haxen und Hufe, woraus Viecher wuchsen; Schlangen. Den Schlangen entschlüpften Arme, Beine, Füsse, Schultern, Hals, Kopf. An den Enden der Armlehnen prangten Schellen, auf denen Meister Karwendel seine Hände ruhen liess. Unter den Armlehnen wurde sein Chorstuhl von Einlegearbeiten verziert. Auf einer Seite trug ein Mann die Weltscheibe auf seinen Schultern. Frau Aude Mâz hatte ihm mit Seide Schweiss an Schläfen und Stirn genäht, ein liebevolles, fast entschuldigendes Detail. Auf der anderen Armlehne sah man einen weiteren Mann: Auf seinen Schultern lastete ein Weinfass, aus dem heraus einer linkisch winkte. Sein Bildnis wurde abgerundet von so dichten Locken, dass man sie nicht unterscheiden konnte von den üppig wuchernden Reben, die den Hintergrund zu dem Bild abgaben – auf den Weinberg in den Schatten führt ein kurvenreicher Pfad, Kurven rankend führt er aufwärts, verbindet Tal und Nirgenwo. Auf der hinteren Lehne von Meister Karwendels Chorstuhl waren Affen eingearbeitet, lesende, schreibende, Felder bestellende, sich liebende und abstossende Affen. Ein Affe sass Meister Karwendel auf der Schulter, und er griff nach Fass und Feder. Die anderen Affen tummelten sich in einem solchen Gewühl, so lebhaft, leibhaft, lebendig, dass man sich nicht zur Frage durchringen konnte, wie Frau Aude Mâz Vorder- und Rückseite der Lehne auf einen Blick abzubilden vermochte, zumal ja der auch nicht gerade transparente Meister Karwendel ebendort sass.

Vor dem Chorstuhl eine Kommode; sie reichte Karwendel auf Schosshöhe. Auf ihr lagen Bücher, Rollen, Zettel, Pergamente, ein wildes Durcheinander. Auf den Seiten Türchen, hinter denen sich weitere Schrifttümer verbargen. Rund um Meister Karwendels Leseecke sowie im ganzen Raum, und also auch über den ganzen Wandteppich verstreut, Schubladen, Laden, Ablagen, Tische, Tischchen, Kisten, Tiegel, Kessel, Gläser, Kissen, Decken, Schädel, Skelette, Knochen, Teller, Werkzeuge, Siebe, Besteck, Schleifsteine, ein Besen und eine ausgestopfte Katze mit diamantenen Augen. Frau Aude Mâz hatte Meister Karwendels Gehäuse fest im Blick; mit Bestimmtheit hatte sie alles in den Stoff gearbeitet. Da gab es keine Ritze, in der nicht ihr Blick gedrungen wäre. Dort, wo ihr Blick an Grenzen kam, in den abgedunkelten Gevierten von Meister Karwendels Kabinett, wo hinein er sie nicht hatte sehen lassen, dort leuchtete Maleika, Meister Karwendels Schildkröte mit dem Kerzenständer auf dem Buckel. Kaum gebrach es Frau Aude Mâz an Imagination, als sich auch schon eine Handvoll zumeist sechseckiger, schwarz-gelb geteilter Stoffstücke zu einem Rückenpanzer vereinte, gefolgt von bräunlicheren Fetzen, die zu beiden Seiten als auch aus der Mitte aus dem Panzer lugten und Krallenzehen, Klumpfüsse, Kopf abgaben. Bedachte Frau Aude Mâz die Stoff-Maleika auch noch mit der Kerze, erschlossen sich wie von alleine jene Winkel des Karwendelschen Gehäuses, mit deren Anfertigung sie eben noch gerungen hatte. Auf einmal entstanden Feuerschalen, Dreibeine, Pipetten, Glaskolben, Töpfe, Blasbälge und Holzscheite, Tiegel, Klumpen, Kerzen, Zangen, Messer, Phiolen, Kolben, Tiegel.

Meister Karwendel war kein Goldkocher. Blei in Gold zu verwandeln, entlockte ihm ein Gähnen. Sein Kabinett diente einträglicheren – und, wenn das ein Wort ist: schwärzeren! – Künsten. Zur Tarnung, nur deshalb besass er alle diese Tripods, Kessel, Feuerschalen, Blasebalge, Spiralen, Vasen, Nierenschalen, Tiegel, Riegel, Dosen, Büchsen, Döschen, Pipetten, Fässer, Alembiks, Aludels, Kupellen, Retorten, Töpfe, Schubladen, Waagen, Kellen, Löffel, Gabeln, Mörser, Stössel, Serpentinen, Korken, Zapfen. Schliesslich hatte Meister Karwendel einen Ruf zu verteidigen. In Stadt und Umschwung hatte er sich bei einer zahlungsfreudigen Klientel den Ruf erworben, ein Alchimist zu sein. Besser, als ein Alchimist zu sein – uneinlösbares Versprechen, ein Traum, leicht in eingängige Worte gefasst und zu Millionen verkauft auf den Ramsch- und Grabbeltischen von Apotheken und Tankstellen und Bahnhofskiosks! – war es immer noch, als einer zu gelten. Das liess mehr Spielraum. So lange die Leute glaubten, er würde sich mit diesem Kram abgeben, hatte er freie Hand. Um den Eindruck des Schwarzkünstlers glaubhafter in Szene zu setzen, hatte Meister Karwendel sich tatsächlich eine Zeitlang daran versucht. Irgendwann aber hatte er die Transmutationen satt, die Synthesen, Wandlungen, Läuterungen, die Gase und die aus dem Ruder laufenden Unkosten. Panazeas! Ewiges Leben! Man verlor ja bereits während dieser einen, glückhafterweise nur auf Rückruf gestundeten Zeit den Verstand! Warum mehr wollen? Meister Karwendel hatte die Nase voll  von der Alchimie; ihm reichte es, dass er sich bei der kleinsten Unachtsamkeit – das falsche Pülverchen in den Kolben geschüttet, geschüttelt, gewartet und bumm, badabumm! – immer gleich selbst in die Luft sprengte. Goldkocherei! Hmbghmpfhm. Kommt hinzu, die Zukunftsaussichten der Alchemie waren nicht rosig. War man gut, rüttelte man an Grundfesten, und es ging ab auf den Scheiterhaufen, um dem eigenen Eiweiss beim Gerinnen zuzuschauen. War man schlecht, rüttelte man auch an Grundfesten, und ab ging es auch auf den Scheiterhaufen, um dem eigenen Eiweiss beim Gerinnen zuzuschauen: wenn, und nur wenn, man es überhaupt so weit brachte – keine Selbstverständlichkeit für Leute, die mit brisanten Substanzen zugange sind und zumeist erst im Nachhinein wissen, was sie tun. In den hintersten Winkel von Meister Karwendels Gehäuse verbannt, gab das Alchemistenzeug eine formidable Kulisse her, und im Zweifelsfall, wenn etwa die Obrigkeit anklopfte oder sonstige Probleme sich ergaben, markierte Meister Karwendel den harmlosen Spinner und Chnuschti, der sich mit solchem Kinderkram abgab und niemandem gefährlich wurde.

Alles dies verewigte Frau Aude Mâz in dem Wandteppich. Selbst den Bücherstaub und den lederigen Muff, verstärkt von Meister Karwendels Neigung, seine körperliche Hygiene bereits im Lesen und Schreiben aufgehoben zu sehen, verewigte sie. So geschickt verewigte Frau Aude Mâz sowohl Meister Karwendel als auch sein Kabinett, so ahnungsvoll traf sie alle seine Züge, die Bücher, das Gehäuse, dass Meister Karwendel ihr den Auftrag mit weit mehr vergütete als mit der abgemachten Summe. Das Resultat jener Nächte liess sich Frau Aude Mâz an Nieren und Herz gehen, und zwar so sehr, dass nach einem Dreivierteljahr eine körperliche Entsprechung davon das Licht der Welt erblickte. Die Trennung fand in Stille und Würde statt. Meister Karwendel, peinlich berührt vom Ebenbild seiner Lenden, machte sich wortlos aus dem Staub. Im Gegensatz aber zu den übrigen Gören, die er da so jahrein, jahraus zeugte, ging ihm dieses nicht mehr aus dem Sinn. Das Letzte, was er vor seiner Flucht noch machte, war, den Namen zu dem Kind vorzuschlagen. Meister Karwendel hatte den Namen der Teufel wusste, wo, gefunden; bei einer Lektüre. Als die Rede darauf kam, wie der Bengel zu nennen sei, zauderte Karwendel nicht eine Sekunde, und mit Resolutheit schlug er Wakhart vor. Kaum war dieser Wille erfüllt, blieb nichts als eine Fluchtsituation, und weg war Meister Karwendel.

Ausschnitte aus dem 2010 vom Fachausschuss Literatur BS|BL unterstützten Roman «Wakhart Niendert» erschienen an verschiedenen Orten. Zurzeit in Drucklegung ist «Materialien zu einem histrionischen Roman», eine 30-seitige Sequenz vom Anfang des Romans, welche in der Doppelausgabe 2013 von «Flandziu: Halbjahresblätter für Literatur der Moderne – In Verbindung mit der Internationalen Wolfgang Koeppen Gesellschaft» erscheinen wird. Eine weitere Sequenz, die sich mit dem Toko-Tell-Stoff beschäftigt, erschien 2013 auf den Seiten von www.zeitnah.ch sowie 2010 in der Anthologie des Literaturhauses Zürich. Der Ausschnitt «Die Ringhörigen» erschien 2012 in dem wunderbar schmackhaften «NaRr: Koch Lese Buch». Ausserdem wurden Ausschnitte aus dem Werk verschiedentlich an Lesungen vorgestellt.

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