Fragebuch September 2013 – Milena Moser

Im ersten Teil der neuen literarischen Reihe «Fragebuch» beantwortet  die Schriftstellerin Milena Moser das «Zeitnah»-Fragebuch. Milena Mosers neuester Roman heisst «Das wahre Leben» und erschien Ende August 2013 im Verlag Nagel & Kimche. Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit gibt Milena Moser  Schreibkurse  in ihrem «Schreibatelier» in Aarau.

1. Auf was kannst Du eher verzichten: Lesen, Schreiben oder Essen? Warum?

Nichts davon! Was für eine Frage!

2. Was ist dir lieber: eine durchschlafene Nacht oder eine Nacht, in der du vor lauter Schreibinspiration nicht schlafen kannst? Warum?

Die Inspiration findet mich nur am Schreibtisch sitzend, schreibend.

3. Max Frisch sagte, das Erfinden des Lesers sei der erste schöpferische Akt des Schreibens. Einverstanden?

Absolut nicht! Im Gegenteil, das dünkt mich ungeheuer anmassend (dem realen Leser gegenüber).

4. Wie wichtig ist der Gedanke ans Lesepublikum für dein Schreiben?

Ich denke nicht an potentielle Leser. Wenn überhaupt, bin ich mein erster Leser, ich schreibe für mich und aus mir. Da ich schon lange genug unterwegs bin, kann ich mit Zahlen belegen, dass sich die Bücher, die von einer Marketingabteilung mit «meinem Lesepublikum» im Kopf zusammengestrichen wurden, deutlich schlechter verkauft haben als alle anderen.

5. Hast du eine zentrale Schreibregel?

Ja.

a) Wie nennst du diese Regel?

«Alexander-Regel».

b) Was hat es damit auf sich?

Die «Alexander-Regel» ist benannt nach einem damals vierzehnjährigen Nachwuchsautor namens Alexander, der bei mir einen Schnupperlehrtag absolvierte. Er sagte, sein Deutschlehrer weise ihn manchmal auf Stellen hin, die er nicht verstehe, und dann merke er, Alexander, jedes Mal: Ah, da hatte ich noch was im Kopf, aber ich hab’s nicht aufgeschrieben. Die Alexander-Regel, die auch in der Umkehr gilt (was nicht im Kopf ist, gehört auch nicht aufs Papier) ist die einfachste und radikalste Regel, und die einzige, die ich befolge. Sie erlaubt meinen Texten, sich frei (von meinen Vorstellungen und Plänen) zu entwickeln. Es ist eine tägliche Mutprobe, der Sprung von der Schreibtischkante ins Leere.

6. Wie viel von der Schriftstellerin steckt in der privaten Milena?

Ich bin zuerst jemand, der schreibt. Bevor ich eine Frau bin, eine Mutter, eine Lehrerin, Freundin, Geliebte – was immer.

7. Wie viel von der privaten Milena steckt in der Schriftstellerin?

Selbe Antwort.

8. Haben SchriftstellerInnen der Öffentlichkeit mehr zu sagen, als in ihren Büchern steht?

Eher weniger.

9. Wer glaubt eher, dass dem so sei: die SchriftstellerInnen oder die Öffentlichkeit?

Diese Frage verstehe ich nicht.

10. Brauchen SchriftstellerInnen heutzutage Schriftsteller-DarstellerInnen, öffentliche Personae, Masken?

Nein. Das gilt aber nicht nur für Schriftsteller, das gilt für die ganze Gesellschaft. Das Tragen von Masken verkompliziert unser ohnehin schon komplexes Dasein nur unnötig. Ich bin radikal dagegen und weigere mich, es zu tun. Wenn ich mich nicht maskenlos zeigen kann, verstecke ich mich für eine Weile. Alles andere ist mir zu anstrengend und zu kompliziert.

11. Was ist wichtiger: als SchriftstellerIn in allen möglichen Belangen medienwirksame Antworten zu wissen, oder das eigene Schreiben aufrechtzuerhalten?

????? Gregor, muss ich mir Sorgen machen??? Worauf zum Teufel zielen diese Fragen ab??????? Letzteres natürlich, aber ich hoffe wirklich, du weisst das!!!!

12. Was ist für SchriftstellerInnen gefährlicher: keine Interviews geben zu können oder das Schreiben zu vernachlässigen?

Alles hat seinen Preis. Für die einen ist die einsame Arbeit am Schreibtisch der Preis dafür, in der Öffentlichkeit zu stehen, für andere (wie für mich) ist es umgekehrt. Ich sage oft Interviewanfragen ab, vor allem vom Fernsehen, vor allem, wenn es um Themen geht, zu denen ich nichts Neues zu sagen habe. Dafür bezahle ich mit tieferen Verkaufszahlen – jedenfalls wird mir das so gesagt. Aber das ist OK.

13. Schreibst du gerne?

Ich wüsste nicht, was ich lieber täte.

14. Magst du Lesungen?

Heute ja, anfangs nicht. Ich mag vor allem die Diskussionen, es ist ja die einzige Möglichkeit, wie wir haben, direkt vom Leser zu hören.

15. Was hat sich im Lauf deiner Karriere dem Schreiben oder den Lesungen gegenüber verändert?

Die Lesungen machen mir keine Angst mehr. Seit ich angefangen habe, Kurse zu geben, dh seit etwa zwölf Jahren, wage ich, mein Schreiben anzuschauen, darüber nachzudenken, ohne zu fürchten, es zu verlieren. Früher hatte ich einen beinahe abergläubischen Bezug zu meiner sehr intuitiven Art zu schreiben, die mir oft, auch heute noch, wie ein Geschenk vorkommt, etwas, das nicht viel mit mir zu tun hat. Stellt sich heraus, es hält einer Analyse durchaus stand.

16. Was sagst du zu Daniel Kehlmanns Zitat: «Erzählen heisst, das Leben so zu gestalten, dass es dramaturgisch besser funktioniert als in der Wirklichkeit»?

Interessant! Ich bin etwas neidisch, mein Leben lässt sich kaum gestalten.

17. Ist es nach einem wirklich erfolgreichen Bestseller einfacher oder schwerer oder gleich schwer, weiter zu arbeiten?

Keine Ahnung. Mein einziger «richtiger» Bestseller ist im Eigenverlag erschienen, wie sein Nachfolger auch, ausserdem hat sich die Putzfraueninsel erst über die Jahre zum Bestseller entwickelt.

18. Daniel Kehlmann regt im Interview, ironisch, selbstverständlich! auch schon mal wissenschaftliche Abhandlungen zu seinem eigenen Werk an. Kannst du dir vorstellen, mit vergleichbaren Kaprizen zu glänzen im Interview? Warum (nicht)?

Weil ich eine Frau bin? Das meine ich selbstverständlich  ironisch – oder nicht? Mir geht es um das Schreiben selber, nicht darum, wie mein Schreiben aufgenommen wird und schon gar nicht darum, wie ich als Person wahrgenommen werde. Dafür fehlt mir schlicht die Lebenszeit und –energie. Ausserdem bin ich als Kind in den Zaubertrank gefallen (siehe «Künstlerleben»).

19. Wirkt sich das Unterwegssein auf dein Schreiben aus?

Es befreit mich, die Anonymität, keiner kennt mich oder sonst einen Schweizer Schriftsteller, dafür schreibt jeder und hat in erster Linie Spass daran. Schon die Kinder lernen «creative writing» in der Schule. Amerika lehrt mich, dass alles möglich ist. Und dass es nicht schlimm ist, auf die Schnauze zu fallen.

20. Es gibt Leute, die verpassen eine Fahrt durch die Anden, den Sturzflug eines Adlers, der eine sich windende Schlange ergreift und davonfliegt, indem sie Gedichte lesen. Bist du da auch gefährdet?

a. Falls nein: Liegt es an dir oder an der Lektüre?

b. Bei welcher Lektüre wärst du am ehesten gefährdet?

Gedichte weniger, und in den Anden war ich auch noch nie, dafür verpasse ich regelmsässig und ganz prosaisch meine Haltestelle, weil ich in einen Roman versunken bin.

21. Wie schreibst du? Im Kopf, handschriftlich oder am PC?

Meist PC, manchmal von Hand.

22. Wie oft schreibst du ein Manuskript neu ab, ehe du es aus der Hand geben kannst?

Mindestens drei Mal.

23. Ist das Aus-der-Hand-Geben eines Manuskript an den Verlag eher befreiend oder bedrückend? Hat sich diesbezüglich etwas geändert in deiner Karriere?

Das ist jedes Mal so schrecklich wie beim ersten Mal, ich warte wie ich auf keinen Liebesbrief warten würde und bin mir sicher, diesmal ist es nichts geworden, «sie» wissen nur nicht, wie sie mir das  beibringen sollen (Hochstapler-Syndrom, offenbar verbreitet).

24. Würdest du die allerersten Entwürfe deiner Bücher eher gesammelt in den Druck bringen oder im Reisswolf schreddern?

Ich stelle ab und zu erste Entwürfe ins Netz, nur zum Spass. Sie sind kaum Lesbar.

25. Welche Chancen siehst du für die Belletristik im WWW?

26. Welche Gefahren siehst du für die Belletristik im WWW?

27. Ist das Ebook dem Gutenberg-Buch überlegen oder unterlegen? Warum? Inwiefern?

28. Liest du selber Ebooks? Warum?

Selten, unterwegs, wenn ich wissen will, ob ich ein Buch wirklich haben muss.

Fragen zu Schreiborten und -unorten, zu Buchschreiben und Buchführen, dazu, was Schreibende heute noch wollen können, was hingegen von der Öffentlichkeit zugeschrieben wird et cetera: Sie alle werden im «Zeitnah»-Fragebuch versammelt und einmal pro Monat einer Persönlichkeit aus Literatur und Umland vorgelegt. Es entsteht ein Panorama der Schreibtemperamente, -methoden, -ansichten. – Das «Fragebuch Oktober» wird beantwortet vom Schriftsteller Dieter Zwicky und erscheint auf diesen Seiten am 13.10.2013.

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