Die Faszination des Staunens – Urs Widmers «Reise an den Rand des Universums»

In seiner neu erschienenen Autobiografie «Reise an den Rand des Universums» schildert Urs Widmer seine ersten dreissig Lebensjahre. Dass dabei Jugenderinnerungen und nicht die frühesten Schritte als Schriftsteller im Mittelpunkt stehen, macht das Buch nicht weniger lesenswert.

Von Daniel Lüthi

Urs Widmers Buch endet an der Stelle, wo andere Autoren häufig erst ansetzen: Beim Schreiben. 1968 veröffentlicht Widmer seine Debüterzählung «Alois». Wir lesen vom Entstehungsprozess des Erstlings, knapp auf einer Seite zusammengefasst, doch bereits auf der nächsten Seite ist «Reise an den Rand des Universums» zu Ende. Kein Wort über die ersten Erfolge als Schriftsteller, Anerkennung oder Preisverleihungen. Zeitgenossen wie Otto F. Walter oder Max Frisch tauchen in dieser Autobiografie bestenfalls am Rand auf. Im Zentrum stehen der junge Urs Widmer und der Versuch, sich seine ersten dreissig Lebensjahre von 1938 bis 1968 in Erinnerung zu rufen.

Alles andere als eine melancholische Sinnsuche: Urs Widmers Autobiografie zeichnet sich durch leisen Humor und zahlreiche Anekdoten aus. zVg

Alles andere als eine melancholische Sinnsuche: Urs Widmers Autobiografie zeichnet sich durch leisen Humor und zahlreiche Anekdoten aus. zVg

Obwohl das Buch grob chronologisch gestaltet ist, nimmt sich Widmer die Freiheit, Erfahrungen vorwegzunehmen, die ihm auch in einem verfrühten Jahrzehnt wichtig erscheinen. Fast beiläufig wechselt er manchmal das Thema. So lesen wir von seinen ersten literarischen Erfahrungen mit Karl May, um im nächsten Abschnitt seinem immer stärker pubertierenden Trieb zu begegnen. Der Autor scheut sich nicht, uns Fortschritte und Misserfolge gleichermassen näherzubringen, ohne ins Überschäumende abzurutschen. Man merkt: Widmer ist selbst ein Suchender, war es schon immer. Er interpretiert nicht, sondern fragt – auch, was sein eigenes Leben betrifft.

Hieraus ergäbe sich die Gefahr, dass «Reise an den Rand des Universums» zu einem melancholischen Erinnerungsbogen geriete – doch erfreulicherweise überwiegt bei Widmer wie immer die Lust am Erzählen. Statt eines Aufarbeitens der vergangenen Zeit ist es das stets wiederkehrende Staunen, das diese Autobiografie auszeichnet. Widmer wundert sich über alte Marotten und Ereignisse, stellt dabei durchaus Zusammenhänge her, überinterpretiert das eigene Leben jedoch nicht.

Hinterhältiger Detailreichtum

Es ist faszinierend, mit welchem Detailreichtum Widmer manche Erlebnisse schildert, ohne dabei schwerfällig zu werden. Die ersten Eindrücke im Säuglingsalter wimmeln nur so von Fragezeichen. Immer wieder beschreibt Widmer Erinnerungen, die blosse Impressionen sind. Trotz knapp 350 Seiten Umfang liest sich «Reise an den Rand des Universums» leicht und äusserst unterhaltsam – woraus man nicht schliessen soll, dass hier oberflächliche Lektüre vorliegt. Kenner von Widmers Stil wissen längst, dass gerade in seinem scheinbaren Plauderton eine hinterhältige Tiefe steckt, deren leiser Humor umso eindrücklicher wirkt.

Am Ende bleiben zum Glück viele Fragen offen. Widmer versucht nicht, die fragmentarischen Anekdoten seiner Kindheit und Jugend zu einem grossen Ganzen zusammenzufügen, sondern lässt sie bewusst als Bruchstücke zurück. «Reise an den Rand des Universums» ist daher weder Zeitdokument oder das Nachzeichnen einer Karriereleiter, sondern vielmehr eine persönliche Erinnerung, die sowohl zum Schmunzeln als auch zum Nachdenken anregt.

«Reise an den Rand des Universums»
Von Urs Widmer
Diogenes Verlag
352 Seiten
ca. CHF 32.90
ISBN: 978-3-257-06868-9

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