«Taktgeber der Neuzeit» – Fritz Staudachers Buch über Jost Bürgi

Ein Bildband zeichnet das Leben des Uhrmachers und Astronomen Jost Bürgi aus Lichtensteig nach: Porträt eines faszinierenden Renaissance-Menschen.

Buergi_klein

Zu seinen Innovationen gehört nebst der Visualisierung der Sekunde mit Zifferblatt und Zeiger auch deren Repräsentation in Form eines Klackens. (zVg)

Wolken reissen; aus der Wunde nässt Sonnenlicht. In einem Sterbezimmer haucht Atem aus. Halten des Zuges, Erkennen von Geranienkisten am Geländer der Unterführung, Gewahrwerden des Hundehaufens an Bahnsteigkante 4, Ausstossen eines Lachens. Auf dem Berliner Hauptbahnhof bleibt der an den Fernsehturm erinnernde Zeiger stehen. Das Klöpfeln auf die Kaffeemaschine, bis Brummen Blinken ablöst. Die Schwärze beim Wechseln der Fernsehsender. Das Aufstehen vom Klo, Zuklappen eines Buches, Zukneifen der Augen zum Schutz vor der Sonne. Eine Liste disparater Augenblicke? Mitnichten! Es findet alles statt im einzigen körperlich erfahrbaren Bruchteil der Existenz, in Sekunden, in Sekundenbruchteilen, in einem Dutzend Sekunden beim Wolkenbruch oder beim Warten auf Erreichen der Betriebstemperatur der Kaffeemaschine. Was aber ist sie, was sind sie, sie, die sich da so unverforen reihen, Ideen von Vergangenheit und Zukunft als Konterbande mit sich führend? Wir takten unsere Leben mit Selbstverständlichkeit nach ihnen, fragen aber kaum je nach ihrem Wesen.

Was ist die Sekunde?

Einer, der mit Forschungen und Erfindungen viel zu unserem Verständnis von Zeit beigetragen hat, ist der aus Lichtensteig im Toggenburg stammende Uhrenmacher und Astronom Jost Bürgi. Bürgi lebte von 1552 bis 1632, in einer Zeit, als sich das heliozentrische Weltbild von Kopernikus durchsetzte. Fritz Staudacher widmet Jost Bürgi einen schönen Bildband im NZZ-Libro-Verlag. Man weiss nicht  viel über Bürgi, er war kein Mensch der Öffentlichkeit, und im Gegensatz zum Beispiel zu Tycho Brahe, dem berühmten dänischen Astronomen und Konkurrenten, stammte er auch nicht aus adligem Haus. Über Jost Bürgis Lehr- und Wanderjahre weiss man nichts – ein Manko, welches Staudacher mit  Annahmen und Hypothesen vergessen machen (ein Aspekt, auf den zurückzukommen ist). Was man  gesichert über Bürgi weiss: er erwirbt sich in jungen Jahren einen guten Ruf als Uhrenmacher. Schon seine erste Anstellung am hessischen Hof ist gut dotiert und äusserst attraktiv. Daneben war er auch als Astronom und Erfinder von bis heute wichtig gebliebenen Logarithmen tätig (das Pressematerial des Buches klärt auf: ohne Bürgi kein Google!). Seine Hauptfaszination ist jedoch die Zeit, die er mit immer neuen, immer raffinierteren Uhren vermessen und einteilen will. Im Zusammenhang mit der Planetenbeobachtung, das wusste Bürgi, waren verlässliche, exakte Uhren gefragt, die kleinste Intervalle messen können. Womit  auch Bürgi vor die Frage gestellt war, wie man sich eine Sekunde  vorzustellen habe. Sein Zeitgenosse Christoph Rothmann, ein Hofastronom in Kassel, beschrieb sie folgendermassen:

«Die Dauer einer Sekunde ist nicht so sehr kurz, sondern kommt der Dauer der kleinsten Note in einem mässig langsamen Lied gleich. Die Unruhe [der Antrieb der Uhren] wird […] auf ganz besonders neu erfundene Weise so getrieben, dass jede ihrer Bewegungen einer einzelnen Sekunde entspricht.»

Hier setzte Jost Bürgi an. Zu seinen Innovationen gehört nebst der Visualisierung der Sekunde mit Zifferblatt und Zeiger auch deren Repräsentation in Form eines Klackens. Er machte sie sichtbar und hörbar zugleich. Sekundentakt und Sekundengenauigkeit revolutionieren die Sternenbeobachtung. Jost Bürgis Zeitmesser weisen ein grosses Spektrum von Funktionen auf: so ist seine 1591 gebaute «Äquations-Tischuhr» in der Lage, nebst der Zeit auch die Stellung der Sternbilder, die Stellungen von Sonne und Mond im Tierkreis, die Mondphase und den Kalender anzuzeigen, nebst Anzeige von Sonnen- und Mondfinsternissen. Allein die Mechanik, die die Geschwindigkeiten von Mond und Sonne nachbildete, rückt diese Uhr zu den bis heute bewunderten Meisterwerken der Uhrmacherkunst. Der Funktionsvielfalt korrespondieren die opulenten Verzierungen der Uhren. So scheute Bürgi nicht zurück, Kopernikus samt seinem vor nicht langer Zeit noch inkriminierten, heliozentrischen Weltmodell auf seinen Uhren verewigen zu lassen. Es war eine doppelte Huldigung: erstens dadurch, dass Bürgi Kopernikus‘ Bedeutung anerkannte, und zweitens, indem Bürgi Kopernikus‘ Einsichten in die elliptische Umlaufbahn der Planeten bei der Gestaltung der Bewegungsabläufe seiner Mechanik verwendete.

Minutengenaue Alleskönner

Mit nur wenigen Minuten Ungenauigkeit pro Tag waren Bürgis Uhren die exaktesten seiner Zeit. Sie wurden unverzichtbare Messinstrumente für die Beobachtung der Planetenbewegungen. Eine weitere seiner Spezialitäten waren Himmelsgloben, das sind Mischungen aus Uhr und Globus und Sternenhimmel. Sie erlauben es, Sternenbilder vorauszuberechnen. Manche der Himmelsgloben ermöglichen die Berechnung der Zeit von von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang an jedem beliebigen Tag des Jahres. Daneben machte die Mechanik Positionsdaten der Sterne sichtbar, in gewissen Himmelsgloben parallel in bis zu drei verschiedenen Koordinatensystemen.

450px-Himmelsglobus_KS

Einer von Jost Bürgis Himmelsgloben – eine Mischung aus Uhr, Globus, Abbild des Sternenhimmels. (Wikimedia)

Jost Bürgi setzte immer die neuesten theoretischen Erkenntnisse in seine Mechaniken um. Seine Kalenderanzeigen berücksichtigen Schaltjahre, und sie ermöglichten es, Sonnen- und Sternstand zu beliebigen Zeiten der Vergangenheit zu rekonstruieren. Neben solchen Meisterwerken verblassen Bürgis sonstigen Produkte, etwa die Messstäbe für Artillerieoffiziere und Hilfsgeräte zur perspektivischen Zeichnung. Neben seinen Uhren fasziniert besonders das Ausmass seiner wissenschaftlichen Kooperationen, seine Zusammenarbeit mit Kepler, oder seine Bedeutung als Lieferant von exakten Rohdaten zur Planetenbeobachtung.

Durchzogener Gesamteindruck

«Jost Bürgi, Kepler und der Kaiser» erhellt und weckt Begeisterung. Es ist ein prächtiger Band, den man nicht so schnell zur Seite legt. Geneigte Laien, die sich mit einer bekömmlichen Lektüre die Zeit vertreiben wollen, kommen auf ihre Kosten. Ob durch die zwischen aufwendiger Differenzierung und Plattitüden changierende Präsentation indes auch, wie es Anspruch des Buches ist, einem Fachpublikum Forschungsdesiderate präsentiert werden, bleibt fraglich. Bei gewissen der katalogartig aufgelisteten Erfindungen, etwa Bürgis Perspektivzeichengerät, hätte man sich ausführlichere Beschreibungen und lllustrationen ihres Funktionierens gewünscht. Ärgerlich hingegen sind gewisse der von Staudacher getroffenen Annahmen. Es fängt damit an, dass er die Lücken in Bürgis früher Vita beherzt und ohne Federlesens auffüllt. Nun muss man wissen, dass Staudacher diese Spekulationen farblich und vom Schriftbild her vom Rest des Textes abhebt. So unterscheidet er zwischen dem archivalisch verbürgten Jost Bürgi und dem angenommenen, zwischen Anführungszeichen gesetzten «Jost B.» – So kann man unterscheiden zwischen Fakt und Fiktion, und es ist dem Autor anzurechnen, es so offenherzig markiert zu haben. Andere Passagen sind da schon bedenklicher: Etwa, wenn Staudacher sich einen Reim darauf macht, warum Bürgis Verdienste erst nach 400 Jahren richtig gewürdigt wurden. Laut Staudacher hat das

«höchstwahrscheinlich mit zwei von uns vermuteten und bis heute geheim [!] gebliebenen Vertraulichkeitsvereinbarungen zu tun, deren Dokumente bis in unsere Tage so geheim [!] geblieben sind, dass sie auch heute fehlen.»

Ein Sachbuch, das sich mit einer solchen Plattitüde behilft, und sie dann auch noch mit dem autoritativen Plural ausschmückt, getreu dem Motto: conspiracy sells! Wie es diese Passage am Lektorat vorbei geschafft hat, ist ein Rätsel. Es ist nur eine von mehreren Stellen, die überdeutlich machen, dass es sich bei diesem Werk nicht um eine geschichtswissenschaftliche Arbeit handelt. Vielmehr ist es das reich illustrierte Pendant zu TV-History-Formaten à la «Guido Knopp».

460px-Dürer-Hieronymus-im-Gehäus

So also muss man sich einen rechnenden Renaissance-Menschen vorstellen, vertieft, erleuchtet, unter allerlei Obskuritäten sitzend – Hut, Schädel, Kissen –, bewacht von einem Löwen. Erkenntnisgewinn bei Staudachers Verwendung: 0 – bei TV-History-Dokus würde man bei solchen die Dürftigkeit der Quellenlagen opulent kostümierenden Passagen von «re-enactment» und «Histotainment» reden. (Wikipeda)

Was bei «Guido K.» durch eine krude Mischung aus Akten, Mutmassung, Musik, nachgestellten Szenen und im Feststellungstonfall aus dem Off gesprochenem Narrativ auffällt, wird bei Staudacher umgesetzt mit Formulierungen wie der Folgenden, die unter Albrecht Dürers Kupferstich «Hieronymus im Gehäuse» zu finden ist: «So kann man sich auch den mathematische Lösungen suchenden Jost Bürgi vorstellen», steht da. Vom allegorischen Gehalt des Bildes kein Wort, kein Wort über Anwesenheit und gleichzeitige Abwesenheit des Löwen, kein Wort zur bahnbrechenden Führung der Fluchtlinien. Immerhin «weiss» man jetzt, wie man sich den rechnenden Jost Bürgi vorzustellen hat – bei TV-History-Dokus würde man von «re-enactment» und «Histotainment» reden. Wenigstens ist sich Staudacher, im Gegensatz zu «Guido K.» dieses stellenweise arg fiktionalisierenden Charakter seines Buches bewusst und gesteht ihn ein.

Das lange, dunkle Mittelalter

Was gar nicht geht, ist, wenn Staudacher im Plauderton vom «langen dunklen Mittelalter» spricht, dessen Ende Buchdruck, Schiesspulver, Uhren, Gewehre markieren. Nichts gegen die Setzung technischer Innovationen zur Hervorhebung von Zeitenwenden – aber muss man da gleich das Hirngespinst vom «langen dunklen Mittelalter» bemühen? Die Renaissance lässt sich auch ohne solche Brachial-Abgrenzungen als das darstellen, was sie war. Da brennt der knackige Formulierungen suchende «Guido K.» mit Staudacher durch, und abermals bleibt die Frage, wie es die Passage durchs Lektorat geschafft hat. In jeder Proseminararbeit müsste man das schärfer differenzieren. Von einer dem Buch wenig bekömmlichen Hektik geprägt sind Sätze  wie: «Da uns jedoch über [Jost Bürgis] ersten 25 Jahre weder von ihm noch über ihn bis kurz vor Redaktionsschluss kein einziges Dokument vorliegt, …» – Abgesehen von der (un-)freiwillig komischen, doppelten Verneinung, die nun einmal den Weg in den Druck gefunden hat, sei die Frage gestattet, ob es zur Vorlegung eines so umfassenden Bandes nicht opportun sei, den Bedarf an solchen «last minute»-Erkenntnissen durch lange, gründliche Recherche zu beseitigen.

So bleibt ein Buch, das einen Einstieg in die Materie ermöglicht, auch dank des Literaturverzeichnisses. Gesellschaftliche Hintergründe werden ebenso eingespiesen wie Exkurse zu Bürgis Berechnungs- und Messmethoden. Es entsteht das Porträt eines Menschen, der mit dem hohen Grad seiner Spezialisierung nicht so recht in die universalistisch geprägte geistige Topografie seiner Zeit passt. Möglich, dass Jost Bürgis vergleichsweise kurzer Bildungsgang und das Ausmass dessen, was er sich selbst beibrachte durch Beobachtung und mechanisches Geschick, die Herablassung seiner zumeist sehr viel breiter gebildeten, im selben Feld forschenden Zeitgenossen befeuerte. Das ficht den «Taktgeber der Neuzeit» nicht an: werden in seiner Vita doch auch die Umrisse eines zu jener Zeit möglichen Aufstiegsmärchens ersichtlich, in denen Leute aus einfachsten Verhältnissen Ausserordentliches erreichten, weil ihnen so viele Türen bei entsprechender Begabung offen standen.

Fritz Staudacher: Jost Bürgi, Kepler und der Kaiser Uhrmacher, Instrumentenbauer, Astronom, Mathematiker.
294 Seiten, 243 Illustrationen.
NZZ Libro Verlag
ISBN: 978-3-03823-828-7
CHF 58.00

Stichworte:

%d Bloggern gefällt das: