Protokoll keiner Romanze #31

Zum heutigen Texttag erscheint bei «Zeitnah» ein offener Brief: Roman Seiferts «Protokoll keiner Romanze #31» ist eine Aufforderung, nicht aufs eigene Gelesen-Werden zu warten, und gleichzeitig ist es eine Liebeserklärung an die Literatur.

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» schätzt sich glücklich, Ihnen an diesem Texttag eine Geschichte von Roman Seifert präsentieren zu dürfen. zVg

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» schätzt sich glücklich, Ihnen an diesem Texttag eine Geschichte von Roman Seifert präsentieren zu dürfen. zVg

Und wieder stehst du traurig vor mir und fragst mich, warum jeder in dir liest wie in einem offenen Buch und dich dann gelangweilt beiseiteschiebt. Es ist doch ganz einfach: Jeden Morgen blätterst du dich aus dem Bett, druckschwarz und müde, zum Frühstück nimmst du eine Tasse kalten Kafka und dazu ein wenig trocken Brot. Du lässt dich von A nach B diktieren, für das Z bleibt keine Zeit und zum Punkt kommst du sowieso nicht. Nein, dich hat man in die Fussnoten verwiesen, halb zieht man dich, halb sinkst du hin. Irgendwo zwischen dem ersten und dem letzten Kapitel hast du dich selbst verloren und verstehst deine eigene Sprache nicht mehr. Am Ende des Tages bist du völlig durchbuchstabiert und trotzdem ein unbeschriebenes Blatt.

Und nun stehst du wieder traurig vor mir, setzt deinen Namen vorsichtshalber in Klammern, und zögerlich, ich habe es fast nicht bemerkt, nur ganz zögerlich schiebst du ein Fragezeichen zwischen dich und mich. Und dann wartest du stumm auf meine Antwort, ein offenes Buch ohne Titel und Klappentext.

Es ist doch ganz einfach: Bleib dir deinen eigenen Titel nicht schuldig. Im Anfang war das Wort und das Wort war dein Name. Es stimmt ja, man hat ihn dir gegen deinen Willen in die Stirn geschlagen, aber du musst kein Gantenbein sein, um zu gefallen. Trag deinen Namen und bleib dabei. Stattdessen richte dein Wort an die Welt, lass sie dir nicht länger beschreiben, sondern schreib sie dir nach deinem Bild. Reiss dich aus deinen Klammern und schlüpf in einen Ledereinband oder sei für einmal ein Hardcover und hau uns allen deine Jamben um die Ohren. Du musst deine Verse nicht schleifen und dick damit auftragen, schreib nur einen wahren Satz, mehr braucht es nicht. Schwing das Ausrufezeichen, so weit du kannst, schwing es gegen alles, was starr ist und erschüttert werden muss, auch auf die Gefahr hin, du wirst noch in der ersten Auflage eingestampft oder vorzeitig verbrannt. Es macht nichts, wenn du ein offenes Buch bist, aber warte nicht, bis du gelesen wirst.

Also steh nicht einfach traurig vor mir. Du weisst doch, was zu tun ist. Es ist ganz einfach. Triff mich mit dem ersten Satz, verschlag mir die Sprache, meinetwegen leg mir Worte in den Mund. Wenn du musst, dann schweig mich an, aber schweige laut und deutlich. Du willst die Axt sein für das gefrorene Meer in mir? Dann schlag endlich zu.

Roman Seifert, geboren 1989, studiert in Basel deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Eine seiner geheimen Leidenschaften ist es, in der dritten Person von sich zu schreiben.

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