gesichtet #45: Die Wäscherei mit dem Retro-Plakat
Von Michel Schultheiss
Milchige Vorhänge verbergen die Sicht in das Geschäft. Vor ihnen gähnen nun leere Schaufenster. Auf den ersten Blick sieht der Waschsalon an der Ecke Hammerstrasse/Feldbergstrasse in Basel selbst ein wenig verwaschen aus. Bis vor Kurzem waren die Schaufensterauslagen aber nicht so karg: Ein handgeschriebenes Schild warb für die Dienstleistungen. Collagen aus Zeitschriften-Schnipseln illustrierten den buchstäblichen Waschzettel des Geschäfts. Das Plakat wirkte recht mutig: Abgesehen von den Tagesmenüs in den Quartierrestaurants wagt es sonst kaum mehr jemand, seine Angebote handschriftlich und erst noch mit Collagen, die an eine Gruppenarbeit aus dem Konfirmandenunterricht erinnern, anzukündigen – und dies erst noch permanent. Die Old-School-Werbemethode war hier nicht bloss eine Retro-Marotte, sondern einziges Aushängeschild des Ladens. Unmittelbar neben der nostalgisch anmutenden Angebotstafel lächelten zudem kauzige Plastikspielzeugfiguren dem Betrachter durch die Glasscheibe entgegen. Mittlerweile sind aber diese branchenfremden Exponate, die als Gäste die Schaufensterauslage des Waschsalons besuchten, verschwunden, das urchige Plakat ebenso.

Inzwischen aus dem Schaufenster verschwunden: Das nostalgisch anmutende Aushängeschild des Waschsalons an der Feldbergstrasse (Foto: smi).
Nun sind nur noch die weissen Vorhänge in der Vitrine zu sehen. Wer aber deshalb auf einen toten Laden schliesst, hat sich gewaltig getäuscht: Drinnen geht’s geschäftig zu und her: Die Waschmaschinen brummen vor sich her, Hemden und Hosen stapeln sich und werden säuberlich gebügelt. «Es ist immer voll da drin», meint ein Kunde, der den Laden betritt. Dabei schmeisst eine Person alleine den Laden. Wie beim musealen Software-Geschäft in der gleichen Strasse kommt es auch beim «Waschsalon Feldberg» nicht auf das Äussere an. Die Betreiberin Rosa Maria Amato kann schliesslich auf eine Stammkundschaft zählen. Seit rund dreissig Jahren führt sie auf eigene Faust den Waschsalon. Dabei kann sie auf Kundschaft aus dem Quartier zählen, die ihre Arbeit zu schätzen weiss. Dennoch ist es für den kleinen Betrieb schwieriger geworden. «Viele der Stammkunden sind umgezogen», merkt sie etwas nachdenklich an. Trotzdem ziehen sichtlich viele Leute aus dem Quartier die sympathische Bedienung einer Massenabfertigung vor. Die Spielzeuge im Schaufenster hatten nichts mit ihr zu tun, wie Amato meint. Eine Frau habe sie angefragt, ob sie die leeren Vitrinen für die Zurschaustellung der Plastikfiguren nutzen könne, wie Amato erzählt. Der Erfolg dieser Aktion sei aber bescheiden gewesen und daher habe sie die Figürchen zusammen mit der Werbetafel entfernt. Eine waschechte Quartierwäscherei kommt offensichtlich auch ohne den Waschzettel klar.
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