Spiegelbild – Kurzgeschichte von Roman Seifert

Zum heutigen Texttag erscheint bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» eine weitere Geschichte von Roman Seifert. Das «Spiegelbild» fehlt dem Erzähler seit seiner Geburt, ein Defekt, der sich wie ein Fluch durch sein Leben zieht. Aus zunehmender Einsamkeit berichtet er uns von den Konsequenzen und Verzichten, welche sich daraus ergeben.

Von Roman Seifert

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012 » ist stolz, Ihnen an diesem Texttag die Geschichte «Spiegelbild» von Roman Seifert zu präsentieren. zVg

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012 » ist stolz, Ihnen an diesem Texttag die Geschichte «Spiegelbild» von Roman Seifert zu präsentieren. zVg

Ich sehe es schon an ihrem Blick, quer durch den Raum, vorbei an all den Tanzenden im Dämmerlicht, sie wird mich gleich ansprechen. Sie wird sich durch die Menge wühlen, unterwegs womöglich das eine oder andere Kompliment abweisen, und sie wird sich nach vorn lehnen, die Hände auf den Tisch gestützt, an dem ich alleine sitze, und wird mich etwas fragen, was ich wegen der lauten Musik zuerst nicht verstehen werde, also wird sie sich weiter nach vorn beugen und die Belanglosigkeit noch mal vorbringen, etwas lauter diesmal, aber belanglos nichtsdestotrotz. Und von da ab, wenn sie erst mal so nah ist, wird es nicht lange dauern bis zur obligatorischen Demütigung. Ich habe keine Lust darauf. Ich schiebe mein Bierglas zwischen den Händen hin und her und blicke auf die glänzende rotierende Scheibe der Getränkeoberfläche hinab. Die Zeiten, in denen ich Frauen selbst angesprochen habe, sind längst vorbei, zu oft habe ich diesen einen Satz gehört, «Schau dich doch mal an!» Ich nehme an, dass man damit auf mein Äusseres angespielt hat, aber das war es nicht, was mich daran zunehmend verletzt hat. Verletzend daran ist, dass es unmöglich ist: Ich kann mich nicht anschauen.

Ich sollte vermutlich erwähnen, dass ich seit meiner Geburt mit einem seltenen Leiden belastet bin: Ich besitze kein Spiegelbild. Ich behalte das heute meistens für mich und erspare mir damit den Spott und die Ungläubigkeit, die für gewöhnlich auf dieses Geständnis folgen. Die Ärzte können sich nicht recht erklären, wie mein Leiden zustande kam, wie es funktioniert, ob es erblich ist oder nicht. Damit habe ich mich abgefunden, ich muss es nicht verstehen, ich bin zur Genüge ausgelastet mit den ganz praktischen Folgen, die sich ergeben, wenn man kein Spiegelbild hat.

In meiner Kindheit gab es erstaunlich wenige Probleme deswegen, abgesehen von einer schmerzlichen Begebenheit in einem Spiegelkabinett, über die ich hier lieber nicht sprechen möchte. Schwierig wurde es erst mit dem Erwachsenwerden. Ich habe beispielsweise bis heute keine zufriedenstellende Arbeitsstelle gefunden. Meine hervorragende Bildung verbietet mir schmutzige Arbeit, für angemessene Arbeit lässt offenbar mein Erscheinungsbild zu wünschen übrig. Ohne Spiegelbild bin ich nicht in der Lage, mein Äusseres zu überprüfen, zu sehen, ob mein Haar ordentlich sitzt und ob ich keine Zahnpastaflecken auf der Wange habe. Man verwechselt meine Erscheinung darum oft mit Ungepflegtheit. Das ist natürlich Unsinn, ich achte auf mein Äusseres, soweit es mir mit meinem Leiden eben möglich ist, aber ich kann es den Leuten nicht zum Vorwurf machen. Sie sehen nun mal, was sie sehen. Mir wurde gesagt, ich neige zu mimischen Entgleisungen, ich will es nicht leugnen; ich hatte nie die Freude, vor dem Spiegel lustige Grimassen zu ziehen. Es muss mich verwunderlich stimmen, dass es überhaupt Frauen gab, die zumindest zeitweise über alles hinwegsehen konnten, was ein Leben an meiner Seite schwer erträglich macht. Mein erste Beziehung endete mit der Begründung, es mangle mir an Selbstreflexion, das fand ich sehr unsensibel. Die übrigen Beziehungen waren nichts weiter als kurze schale Geschichten, nichts von Dauer, beendet unter Vorwänden, zuletzt von mir selbst. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, aber ich habe es in ihren Augen gesehen, dieses ängstliche Befremden, wenn wir abends nebeneinander vor dem Waschbecken standen und die Zähne putzten, im Spiegel aber nur sie zu sehen war. Ich wollte ihr das nicht länger antun.

Ich werde es auch ihr nicht antun. Eine tanzende Gruppe zwingt sie zu einem Umweg, bei dem sie mich kurz aus der Sicht verlieren wird. Ich schiebe das Bierglas zur Seite, es ist noch halbvoll, ich stehe vom Tisch auf, lasse die dröhnende Musik hinter mir und verlasse den Club. Es regnet, in den Pfützen schwimmt das Licht der Strassenlaternen. Ich kann Pfützen nicht ausstehen und mache auf dem Nachhauseweg um jede einzelne einen grossen Bogen.

Roman Seifert, geboren 1989, studiert in Basel deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte. Eine seiner geheimen Leidenschaften ist es, in der dritten Person von sich zu schreiben.

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