gesichtet #50: Jahrmarkt-Schauermärchen einst und jetzt

Von Michel Schultheiss

Eines schönen Tages geschah Sonderbares mit der «Enterprise». Das beliebte Kopfüber-Fahrgeschäft aus den Siebzigerjahren drehte wie gewohnt seine rasanten Runden. Dann aber wollte der fliegende Bau mit den Gondeln, die an Bügeleisen erinnerten, einfach nicht mehr stoppen. In einem Affenzahn drehte der rund zwanzig Meter hohe Radkranz munter weiter, bis die Leute vor lauter Schwindel in Panik gerieten und anfingen, um ihr Leben zu schreien.

So zumindest will es die Geschichte, die in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren in Basel die Runde machte. Je nach Version gab es Verletzte oder gar Tote. Die Erzählung hielt sich hartnäckig: Auch im neuen Jahrhundert wollte sie der eine oder andere schon mal irgendwo gelesen oder gehört haben. Wie es bei diesen Grossstadtlegenden so ist, kennt auch so mancher irgendjemanden, der wiederum jemanden kennt, der dabei war. Somit hat man immer einen Unbekannten aus zweiter Hand als Zeugen.

Skelett_Geisterbahn

Die «Enterprise» ist zurzeit nicht an der Herbstmesse anzutreffen. Stattdessen sorgen andere Gestalten für das Jahrmarkt-Gruseln, wie etwa dieser (lebende) Bewohner der Geisterbahn auf der Rosentalanlage (Foto: smi).

Horrorgeschichten über die wilden Fahrgeschäfte

Vor mehr als zwanzig Jahren kursierten in den Primarschulen auch andere Versionen dieser Wandersage: Einmal war’s die alte Dössegger-Achterbahn an der Basler Herbstmesse, die – entgegen aller physikalischen Gesetze und natürlich im Looping – urplötzlich stehenblieb. Als dann schliesslich die Kopfüber-Doppelgondel «Firebird» zum Platzhirsch wurde und die Enterprise wie auch die Achterbahn in den Schatten stellte, gab es prompt auch über dieses Fahrgeschäft verrückte Geschichten: Die eine Gondel soll es einmal quer über den Barfüsserplatz gespickt haben. So wurde dies damals einem Bekannten von mir berichtet – vermutlich aus dem einfachen Grund, ihm der Appetit auf das Fahrgeschäft zu verderben.

Von daher könnte man geradezu glauben, dass diese Horrorgeschichten von besorgten oder sparsamen Eltern erfunden wurden, denen es der «Mässbatze» zu schade für solche Nervenkitzel war. Zusammen mit den Gerüchten über einen «Mann mit der weissen Maske», welcher Kindern auf dem Schulweg aufgelauert haben soll oder mit den (teilweise belegten) Geschichten über die Basler «Steine-Jugend», welche andere wegen ihrer Marken-Turnschuhe ausraubten, waren die Schauermärchen über Fahrgeschäfte wohl die beliebtesten zur Messezeit jener Jahre.

Das tatsächliche Unglück geschah anders

Wie das traditionelle Einläuten durch das Martinsglöcklein und der «Mässmogge» gehören auch sie zum ältesten Jahrmarkt der Schweiz. Zwar ist die Enterprise dieses Jahr nicht mit von der Partie und vielleicht erzählt man sich nun Schauermärchen über die gigantische Looping-Gondel «Maxximum». Auch wenn die genannten Geschichten ins Reich der Mythen gehören dürften, enthalten sie dennoch einen Funken Wahrheit: Tatsächlich ereignete sich nämlich anno 1981 in Hamburg ein Unfall mit einem «Sky Lab», einer etwas grösseren Version der Enterprise. Allerdings geschah dieses Unglück aus einem völlig anderen Grund: Der Kran eines Schaustellers schwenkte in den Flugbereich des Karussells. Diese verheerende Fahrlässigkeit, welche sieben Menschenleben und mehrere Verletzte forderte, ging als schlimmster Jahrmarkt-Unfall in die Geschichte Deutschlands ein.

Was ein Schausteller dazu meint

Vielleicht hat diese Tragödie die «Urban Legends» über die Herbstmesse befeuert. Womöglich sind diese Geschichten aber noch viel älter. Der Schausteller Charles Senn, welcher seit etlichen Jahren auf der Basler Rosental-Anlage das Fahrgeschäft «Swing Up» betreibt, kennt nämlich solche modernen Sagen seit Jahrzehnten. Wie er sich erinnert, kursierte früher auch mal ein Gerücht um das Riesenrad: Der Koloss soll plötzlich stehen geblieben sein, so dass die Fahrgäste in schwindelerregender Höhe übernachten mussten. Was die Enterprise-Geschichte angeht, erklärt er, dass ein ausser Kontrolle geratenes Rotieren mit den ausgeklügelten dreifachen Sicherheitsvorrichtungen einfach zu beheben wäre. Was er selbst allerdings schon erlebt hat, sind Fahrgäste, welche die Abenteuer dieser Geschichten bewusst suchten. So musste er einmal – allerdings nicht in Basel – den «Swing up» kurz nach dem Start wieder abstellen. Ein Wahnsinniger erhob sich nämlich in der Gondel und sich klammerte sich an den Achsen fest, um die Fahrt etwas abenteuerlicher zu machen. Es habe viel Geduld gebraucht, um den sturen Fahrgast von der Gondel zu bringen, wie sich Senn erinnert.

Kirmes-Katastrophen als «Kulturgut»

Die Sicherheitsbestimmungen sind streng, wie der Schausteller ausführlich erklärt. Gerade deswegen erregen wohl die relativ seltenen Unglücke Aufmerksamkeit – so etwa vor zwei Jahren mit dem Kraken-Unglück in Bremen oder ein Stromausfall in Hamburg, welcher die Gondeln des Fahrgeschäfts «Flasher» auf 68 Metern Höhe zum Stillstand brachte. Die Grenzen von Realität und Fiktion sind hier jedoch fliessend. Vor einem Jahr machte auf facebook eine Hoax mit einem Video angeblicher Achterbahn-Unfälle die Runde. Die Nähe von Adrenalin-Kick und Todesangst hat auch schon die Filmindustrie beflügelt: Zum einen wäre da der Thriller «Rollercoaster» aus dem Jahr 1977 über einen Verbrecher, der mit Sabotageakten auf Achterbahnen die Vergnügungsparks erpresst. Zum anderen wäre da der Highschool-Kreischfilm «Final Destination 3» (2006), bei welchem zu Beginn ein Mädchen in einer Vision den tödlichen Ausgang einer Achterbahnfahrt vorausahnt.

Früher war’s das menschenfressende Krokodil

Diese Faszination für die Kombination von Nervenkitzel und Schauer mag zwar erst mit dem Aufkommen von wilden Fahrgeschäften in Fahrt gekommen sein, war aber eigentlich schon immer Bestandteil von Jahrmärkten. Im Basel des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren es andere Kuriositäten, welche wohl für Stadtgespräche gesorgt haben mögen: Auf dem «Säuplatz» oder «Seibi», wie der Barfüsserplatz damals genannt wurde, waren während der Herbstmesse verschiedene Merkwürdigkeiten zu sehen: Ein Wachsfigurenkabinett, ein Flohzirkus sowie das «Theater der gelehrten Hunde» mit einem Pudel, der rechnete und Klavier spielte, lockten damals Schaulustige an. Wie Markus Fürstenberger und Ernst Ritter in ihrem Jubiläumsbüchlein zum 500-jährigen Bestehen der «Mäss» anno 1971 schrieben, wurde in der Menagerie ein angeblich 450 Jahre alten Krokodil, «das garantiert einen Matrosen gefressen hat», zur Schau gestellt. Auch Ziegen mit vier Hörnern oder fünfbeinige Kälber sorgten für morbide Unterhaltung – auch wenn da wohl in die Trickkiste der Attrappen gegriffen wurde.

Achterbahn

Eine steile Abfahrt auf dem Basler Kasernen-Areal: Gerade Achterbahnen sind immer wieder Gegenstand von Katastrophen-Fantasien in Filmen und Grossstadtlegenden (Foto: smi).

Als noch Moritaten und Tierbändiger für Stadtgespräche sorgten

Die Basler Lehrerin und Schriftstellerin Anna Keller (1879-1962) schrieb in ihren Kindheitserinnerungen unter dem Titel «Wir Bergleinkinder» ausführlich über die Kuriositäten an der Herbstmesse. Ihr blieben beispielsweise die Moritaten, welche damals auf dem «Seibi» besungen wurden, in lebhafter Erinnerung. Bänkelsänger, welche Mördergeschichten zu erzählen wussten, hatten die kleine Anna in den Bann gezogen. Schauerballaden wie diejenigen über einen blutrünstigen Fritz und andere Schergen, die unter Guillotine kamen, mussten damals für Albträume unter den Kindern gesorgt haben, wie Keller schildert.

Eine andere Art von Faszination löste eine Tierbändigerin mit dem verheissungsvoll exotisch klingenden Namen Nouma-Hawa aus. Die Frau mit der Riesenschlange um den Leib und dem Kopf im Rachen eines Löwen wurde zu ihrer persönlichen Heldin. «Ja, all mein Sinnen und Trachten galt von jetzt an jeden Tag und jede Stunde nur noch Nouma-Hawa und der Menagerie», schrieb die Baslerin. Ein paar Wochen später vernahm das Mädchen mit Schrecken in der Zeitung, dass die Dompteurin von einem ihrer Schützlinge, einem Eisbären, zerfleischt wurde. Daraufhin brach für Anna eine Welt zusammen – schliesslich verlor sie ihr grosses Idol. Erst später erfuhr sie, dass es bei diesem Bericht sich um Zeitungsente handelte: Nouma-Hawa überlebte den Angriff des Bären und tingelte noch etliche Jahre mit ihren wilden Tieren durch Europa.

Enterprise-Geschichten als moderne Legenden

Mögen die Herbstmesse aus den Kindheitserinnerungen Anna Kellers und jene Fahrgeschäft-Anekdoten der letzten Jahre noch so unterschiedlich sein: Die Geschichten, welche nicht selten ins Märchenhafte umkippen oder gar ein Schaudern auslösen, umgeben in beiden Fällen das bunte Jahrmarkttreiben. Schmuggelten sich für die einen unglaubliche Erzählungen über Enterprise-Horrorfahrten und Achterbahn-Katastrophen in die Herbstmesse-Erinnerungen, so waren es für die anderen Berichte über wilde Bestien in den Menagerien und unheimlich Moritaten-Gesänge. Der Unterschied besteht darin, dass es früher die zum Teil Schausteller selbst waren, die an ihrem Mythos feilten, während die heutigen Betreiber von Fahrgeschäften verständlicherweise mit solchen Gerüchten nicht viel am Hut haben wollen. Aber auch in völlig verschiedenen Jahrhunderten ist es gerade das Makabre, das ausgerechnet etwas derart Unschuldiges wie ein Jahrmarktvergnügen mitprägt. Von daher sind vielleicht die modernen Legenden zur Enterprise und anderen Nervenkitzeln ein Ersatz für die mittlerweile verschwundenen sagenumwobenen Menagerien und Kuriositätenkabinette geworden.

2 Gedanken zu “gesichtet #50: Jahrmarkt-Schauermärchen einst und jetzt

  1. Goofy

    Was ist mit jemand der erzählt, er sei auf der Entreprise gewesen und es hätte einfach länger gedauert als normal, bis sie wieder runtergekommen war und es hätte einfach ein paar Leuten auf den Magen geschlagen?

    PS. Wo ist die Geschichte mit dem American Zipper, der an der Messe angeblich Gondeln verloren hatte? Diese Geschichte entstand wohl daraus, dass bei diesem Geschäft Bolzen runtergefallen sind. Dies ist nicht aus der 2. Hand, sondern von mir selber erlebt worden, als es plötzlich hintendran gelärmt hatte und ein Bolzen auf dem Boden lag.

  2. smi Artikel Autor

    @Goofy: Danke für die Ergänzungen. Falls jemand noch weitere solche Messe-Anekdoten kennt, kann er/sie diese gerne hier deponieren. Die Story mit dem Zipper-Bolzen etwa kannte ich noch nicht. Bei der Enterprise-Geschichte hab ich wie gesagt schon verschiedene Versionen gehört, sowohl harmlose wie auch sagenhafte. Belege dafür habe ich aber noch keine gefunden. Freundliche Grüsse. smi

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