Formicidol – Kurzgeschichte von Adam Schwarz

Zum heutigen Texttag präsentiert «Zeitnah» die Kurzgeschichte «Formicidol» von Adam Schwarz, in der wir Detektiv Erich Bodiger in einem neuen Fall folgen. Bei der Recherche um einen scheinbar gefährlichen Journalisten und Chemieabfälle lernen wir dabei genau so viel über Bodiger, der von Selbstreflexion und leisem Sarkasmus geprägt ist.

«Zeitnah» ist stolz, Ihnen an diesem Texttag eine Geschichte von Adam Schwarz präsentieren zu dürfen. zVg

«Zeitnah» ist stolz, Ihnen an diesem Texttag eine Geschichte von Adam Schwarz präsentieren zu dürfen. zVg

Detektiv kommt vom Lateinischen, glaub ich. Hat was mit Aufdecken zu tun. Aber ich decke nicht auf, ich zeige nur, was ist. Schmutz ist Schmutz und Staub ist Staub. Man muss nur Kamera sein, das genügt, schon bringt man die anderen zum Umfallen. Dann sind sie auch gebodigt. Dann sind sie unten, genau wie ich. Genau wie Bodiger. Ich dachte schon, seit der Sache mit Grünspan wäre die Stadt endlich nüchtern geworden. Kein einziger zukünftiger Gehörnter rief mich an, und die Versicherungsbetrüger hatten sich aufs Land zurückgezogen. Bodiger ist nicht gern alleine. Er fängt dann nicht an, zu trinken, sondern verliert sich im Netz und liest Studien durch, die bestätigen, was er schon lange weiss: Menschen, liest man da, können nicht logisch und empathisch zur selben Zeit sein. Das kann Bodiger nur bestätigen. Wenn Bodiger, und davon träumt er nachts, wenn Bodiger dem Sohn der Meyers nach dem Fussballtraining folgt, um festzustellen, ob er sich etwa Alkohol kauft, dann mag er nicht dran denken, wie bei ihm, als er im selben Alter war, ganz Grauwerd gleich wusste, dass die Bodigers wieder nicht in der Kirche gewesen waren. Detektive brauchen keine Gefühle und Gefühle brauchen sich keine Detektive zu nehmen.

Ich sass mit dem Martin und der Daniela in der Bahnhofsbar und kippte Kaffee auf meinen künftigen Nierenstein, als das Handy klingelte. Da war er. Der Anruf. Eine Zementmischerstimme. Ehrlich hiess der Mann und ich sollte ihn im Goldenen Kopf treffen. Ich kannte das Etablissement nicht, doch eine kurze Recherche brachte Fruchtbares zu Tage, was die finanzielle Situation des Kunden anging. Anscheinend arbeitete er für einen Chemiekonzern. Trat also aus dem Haus, leerte dem Hund die letzten Krümel Futter in den Napf, und stieg in den Subaru. Das Polster umfing mich wie vormals die Gebärmutter. Die längste Zeit, die ich darauf durchgehend abgesessen habe, waren neun Stunden. Man isst dann halt auch im Wagen. Nach einer Weile vergisst man ganz, wer man ist. Ganz Ohr, ganz Auge wird man. Ich wäre gerne eine Maschine, eine Kamera am liebsten. In der Zukunft werden sie die Privatdetektivhirne in stählerne Roboterleiber einpflanzen. Ich startete den Subaru, kein Vierradantrieb, Fünfradantrieb, Bodigerantrieb. Vorbei am Akademikerviertel und hoch den Hügel, wo die Hecken höher stehen als die Villas dahinter. Folgt man der Strasse, gesäumt von glänzenden Karosserien und matten Menschen, noch weiter, verschluckt einen der Wald, der aus Buchen besteht wie meistens hierzulande, ein genügsamer, oft vergessener Baum. Der Bodiger der Bäume.

Und dann nach dem Wald Getreidefelder und am Rande eines Städtchens unterhalb der Weinberge der Goldene Kopf. Bodiger sah alles genau: Die Automarken und die niedrigen Nummern und die Massanzüge, die unter den Achseln besonders eng sind, um alle Bakterien auszumerzen. Als ich den Saal trat, kam ein Kellner angelaufen, der gerade dabei war, sich das Lächeln beizubringen. Zähne wie die Eigernordwand. «Termin?» «Ja, Termin. Termin mit Ehrlich, ehrlich», sagte ich und öffnete den obersten Knopf des Flanellhemdes. Bei den Schimpansen ist Lächeln eine Unterwürfigkeitsgeste. Er führte mich an einen runden Tisch und am Tisch sass Ehrlich mit überkreuzten Beinen und betrachtete sein Spiegelbild im goldenen Siegelring. Er sah aus wie ein Jackett auf der Suche nach seinem Menschen.

Dann stürzte die Hand, die ohne Ring, auf mich zu und wir tauschten Geschäftliches aus. Er gab mir eine Adresse. Mein Observant hiess zum Vornamen Friedrich. Wie der Grosse. Den hier schien Ehrlich aber kleinhalten zu wollen. «Der Mann ist ein Egoist, Bodiger», sagte er. «Aber so selbstlos er sich gibt, es gibt so einiges, an dem er hängt.» Und ehrlich klopfte es mir auf die Schulter, dann sank mein Gegenüber die geröteten Augen auf die Kirschholzplatte, um mich auf die Hand aufmerksam zu machen, die mir einen Samtbeutel überreichte, der nach Entkalker roch. Der Bodigerhand reichte es, sie packte die Beute und steckte sie in den alten Militärparka.

Darauf trat Bodiger ins Freie, nicht einmal mehr einen Kaffee bot man ihm an, und fuhr in den Wald, hielt neben einer Lichtung. Hauptsächlich Stümpfe standen da. Ich grüsste sie, indem ich meinen Filzhut zog und mir den Schweiss von der Stirn wischte. Dann öffnete ich den Beutel und besah mir, was drin war. Es handelte sich um ein weisses Pulver. Darin ein Zettel: Wo man nicht aufdecken kann, muss man wegnehmen. Sofort fuhr Bodiger in die Stadt zurück, hinein in den Mief, den grossen Ameisenbau. Die Fussgänger folgten alle ihren immer gleichen Pfaden, aber statt Zucker transportierten sie schwere Sorgen auf dem Rücken. Ich wusste nicht, wer dieser Friedrich war. Am Besten, man weiss anfangs nicht zu viel über die Ziele. Sonst geht man von den falschen Voraussetzungen aus. Erst mal Kaffee nachschütten, dachte ich. Daniela sass immer noch dort, doch der Martin war weg, dafür sass der Urs neben ihr und versuchte, seinen Fuss auf ihren zu stellen. Als ich mich dazugesellte, verschränkte er die Arme. «Der Wagenmüller? Ist doch so ’n bekannter Publizist, liest du denn keine Zeitungen, Mensch?»

Journalist war er also. Journalisten kennen dieselben Kniffe wie wir Detektive. Informationsschwämme. Watscheln durch den Raum, saugen auf, was es an Fakten gibt, dann quetschen sie sie aufs Papier. Bei dem Mann wirkten meine bekannten Verkleidungen nicht, das war mir gleich klar. Bodiger beschloss deshalb, im besten Kostüm vorzufahren, dass es gab: als er selbst. Er musste eine Weile suchen, bis er sich fand. Dann fuhr er ins Wagenmüllerquartier rüber, das nicht allzu weit von seinem entfernt ist. Ein anständiges Quartier. Wagenmüller lebt in einer Mansardenwohnung über einem neueröffneten Biocafé. Die Tür zum Wohnblock stand nicht offen wie bei meinen üblichen Observanten, ich musste zuerst klingeln. Vielleicht hätte ich mich doch als Monteur verkleiden sollen, dachte ich noch, da fragte es: «Ja?»

«Guten Nachmittag, ich würde Sie gerne ruinieren. Sie lassen mich besser hinein.» Ein Knistern, ein Summen, und die Tür ging auf. Als ich oben ankam, stand Wagenmüller im Türrahmen, seine kleine Tochter hinter ihm mit einem Wikingerhelm auf dem Kopf. Ich berichtete ihm, wer ich bin und was mir von den höheren Mächten aufgetragen wurde. «Möchten Sie einen Kaffee?» Ich nickte und folgte ihm durch einen langen Gang, der mit einem Perserteppich ausgelegt war. Die ganze linke Wand nahm ein Glaskasten ein, der mit Erde gefüllt war. Schwaches Neonlicht. Als ich näher herantrat, sah ich die Insekten darin. Ehrlich folgte meinem Blick.

«Mögen Sie Ameisen?»

«Nicht besonders, die sieht man ja jeden Tag.»

Der Kaffee war schwarz und dickflüssig. Beim Trinken glaubte ich zu spüren, wie etwas meine Kehle runterkrabbelte. Seine Tochter setzte sich zu uns auf den hohen Kinderstuhl und neigte den Kopf zur Seite. Er schob ihr eine rosarote Tasse mit stark mit Milch verdünntem Kaffee rüber und sie bedankte sich artig. Bodiger langte in den Hosensack und nahm den Beutel hervor. Wagenmüller nahm ihn mit Daumen und Zeigefinger entgegen und zog am Samtband. Er stiess den Zeigefinger in den Beutel, zog ihn hinaus und roch daran. «Formicidol. Ein Insektengift. Was sollen Sie damit, Bodiger?»

«Es hiess, Sie seien gefährlich.» Ich sah in Richtung Terrarium. «Die wollen wohl, dass ich Sie verwarne.»

«Weil ich schreibe, was ich sehe?» Ich fragte ihn, woran er gerade arbeite. Er berichtete von einem Artikel über illegale nächtliche Entsorgungen chemischer Abfälle. Nachts fällt der schwarze Rauch nicht auf. Bodiger nickte. Er verstand, wen er da gefunden hatte. Kameras erkennen andere Kameras. Bloss hatte sich die eine befreien können, war an keinen Kran mehr angeschlossen und kam ohne Drittstrom aus. Die wurde noch von den eigenen Idealen angetrieben. Ein sehr effizienter Generator. Die andere stellte sich in den Dienst von jedem, der genug zahlte. – Ich sagte, dass ich die Warnung bleiben liesse. Ameisen zu töten kam mir wie Brudermord vor. Wagenmüller zuckte mit den Schultern. «Es ist zu spät.» Als Bodiger nichts erwiderte, meinte er, ich würde schon sehen. «Die finden was, das sie mir anhängen können, auch ohne Ihre Hilfe. Und leider bin ich mit dem Artikel noch nicht fertig.» Drei Tage später klingelt Bodigers Handy, aber er nimmt nicht ab. Der Display meint, es sei Ehrlich gewesen. Im morgendlichen Boulevardblatt liest er von einem Skandal. Irgendwas von Wagenmüller und einer plagiierten Doktorarbeit. Kann man so einen Menschen ernst nehmen, fragt die Zeitung. Vergeblich wartet er auf den Anruf, auf einen Auftrag, der wenigstens hellgrau ist. Es kommt keiner. Nichts lenkt Bodiger von seinen Bodigergedanken ab.

Am nächsten Morgen liegt ein Brief für ihn im Briefkasten, mit vergoldetem Rand, die Adresse in schöner Tintenschrift. Erich Bodiger, Lindenstrasse 38. Ehrlich enttäuscht, heisst es auf der Rückseite in Grossbuchstaben. Bodiger öffnet den Brief noch im Garten, indem er die linke Seite abreisst. Es scheint nichts drin zu sein. Als er das Kuvert umdreht, rieselt es weiss heraus. Es riecht nach Entkalker.

Adam Schwarz (*1990) lebt, schreibt und studiert in Basel. Seit einigen Jahren veröffentlicht er Prosatexte in verschiedenen Literaturzeitschriften, z. B. „entwürfe“, „NaRr“ oder „Lasso“.
Seine Texte sind ausserdem unter http://adamcschwarz.wordpress.com/ zu finden.
„Formicidol“ setzt die Bodiger-Reihe fort, die mit dem NaRr #9 begann.

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