Die Vögel, nicht von Hitchcock – Rezension von Dominik Riedo

Einen Vogel haben und Vögel haben ist nicht dasselbe: Ein eigensinniges und profundes, prächtig illustriertes Buch zeigt, was es sich mit dem Vogel und den Vögeln in der Schweiz auf sich hat. – Eine Rezension von Dominik Riedo

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Beispielsweise verfügt die Schweiz über keinen Quadratkilometer Fläche mehr, wo in der Nacht kein Licht hingelangt. Was für die Zugvögel ein erhebliches Problem darstellt: «Sie können in einem sogenannten ‹Lichtdom› gefangen werden und sich darin endlos – bis zum Erschöpfungstod – im Kreis drehen.»

Selten hat ein Ausschnitt aus Walthers von der Vogelweide ‹Alterselegie› als Motto mehr Sinn gemacht denn hier: «Owê […] verhouwen ist der walt.» Der Schriftsteller und Künstler Luca Schenardi zitiert die Klage um (unter anderem) den abgeholzten Wald als Einleitung zu seinem wahrlich epochalen Buch «An Vogelhäusern mangelt es jedoch nicht.» – Warum ‹epochal›?

Einerseits sollte man von diesem Buch als einem ‹Wurf› vermutlich nicht sprechen, auch wenn es grossartig und grosformatig genug ist, denn immerhin schlüpfen Vögel; und andererseits geht es gewissermassen um die Auswirkung einer neuartigen Epoche auf die Vogelwelt: Schenardi zeigt anhand von Vögeln, wie sehr der Mensch in den letzten Jahrzehnten den Lebensraum von Tieren regelrecht zerstört hat oder zumindest massiv eingeschränkt. Schon der Titel des Buches macht deutlich, dass er dies nicht einfach anklagend tut. Vielmehr lässt er Fakten sprechen, die er grösstenteils aus Veröffentlichungen des (Schweizer) ‹Bundesamts für Umwelt›, des ‹Bundesamts für Raumentwicklung›, des ‹Bundesamts für Landwirtschaft›, des ‹Bundesamts für Statistik›, und der ‹Schweizerischen Vogelwarte› zitiert, also von Quellen, denen man bestimmt nicht vorwerfen mag, sie würden einseitig Richtung Naturschutz argumentieren oder Zahlen daraufhin frisieren.

Gerade deswegen aber liest sich die Aufzählung der vielfältigen Lebensraumzerstörungen grauselig ernst: durch Überbauung («Im ganzen Zeitraum bis 1950 wurde weniger Land verbaut als in den letzten 60 Jahren»), Bodenversiegelung («Zwischen 1955 und 2011 ist die Bevölkerung der Schweiz um 65 Prozent gewachsen; im selben Zeitraum hat sich die Zahl der Motorfahrzeuge und damit der betonierten Parkplätze und Garagen mehr als verzwanzigfacht»), Zerschneidung der Landschaft durch Strassen («Durch Lärm und Schadstoffemissionen belasten Strassen 2,5 bis 3,5 Mal so viel Fläche, wie sie tatsächlich einnehmen»), Zersiedelung («2011 lagen rund ein Viertel aller Gebäude der Schweiz ausserhalb der Bauzonen»), Intensivierung der Landwirtschaft («Durch die Intensivierung der Landwirtschaft sind seit 1900 rund 50 Pflanzenarten verschwunden»), Überdüngung («Wer mittels Herbiziden und anderer Gifte Biotope endgültig zerstört, handelt ordnungsgemäss und erhält das Lob der Politiker»), Zerstückelung durch Mähmaschinen oder Ähnliches («Hunderttausende Vögel gehen in der Schweiz alljährlich bei Kollisionen nur mit dem Strassenverkehr ein»), Flurbereinigungen («Rund 46 Prozent des Schweizer Fliessgewässernetzes sind wenig bis stark verbaut»), zu vielen Haustieren («Der Waldlaubsänger leidet unter frei laufenden Hunden») undsoweiter hat sich im Zeitraum von 1950 bis heute die Situation für viele Brutvögel stark verschlechtert. Als Folge davon sind von 199 ehemals in der Schweiz brütenden Vogelarten quasi 40 Prozent gefährdet oder bereits verschwunden, 16 Prozent gelten als potenziell gefährdet und weitere 25 Prozent sind für den Erhalt überlebensfähiger Populationen auf Hilfsmassnahmen wie zum Beispiel künstliche Brutinseln angewiesen. Gerade mal gut 19 Prozent hat keine Probleme durch menschengemachte Veränderungen.

Apropos Hilfsmassnahmen: Was für die Vögel heute getan werde, sei eigentlich immer noch bloss Pediküre an einem Sterbenden. Wie Schenardi auf so eine Aussage kommt, wo die Schweiz sich doch für vorbildlich hält im Umweltschutz? Nun, beispielsweise verfügt die Schweiz über keinen Quadratkilometer Fläche mehr, wo in der Nacht kein Licht hingelangt. Was für die Zugvögel ein erhebliches Problem darstellt: «Sie können in einem sogenannten ‹Lichtdom› gefangen werden und sich darin endlos – bis zum Erschöpfungstod – im Kreis drehen.» Zudem sei die Schweiz zwar stolz auf ihr ‹Aufforsten›, aber es würden immer die gleichen Niederstammbäume angepflanzt; Hochstammbäume gebe es heute acht Mal weniger als 1951. Was wiederum ein Problem für viele Vogelarten bedeute.

Dem gegenüber – und das nun tut der Künstler vor allem mit seinen Collagen und anderem von ihm gestalteten Bildmaterial – stellt Schenardi die Kitsch- und Gewissensberuhigungssucht der Menschen, die dort Vogelhäuschen im Garten ihres Einfamilienhauses mit beheizter Zufahrt zur Garage aufstellen, wo früher ausgedehnte Wiesen lagen; doch wo keine Vögel mehr sind, kommen sie auch nicht mehr zu den vielen Futterhäuschen: «Statt des Gesangs der Zaunammer klimpert jetzt vielfach ein Windspiel vom Balkon eines Einfamilienhauses in die Landschaft hinab.» Denn leider – und das ist eine weitere Qualität des Buches, weil der Autor immer wieder Mensch und Vögel direkt vergleicht, in Bezug darauf, was beiden nützen oder schaden könnte, ohne zu werten – fühlt sich etwa der «Zaunammer an exponierten Hanglagen wohl – wie auch der Mensch».

Ein Problem dabei sei, dass dies alles von den meisten Menschen gar nicht oder nicht in der erwünschten Deutlichkeit registriert werde. Das zeige sich etwa bei der Lerche: Wegen ihrer einst beinahe allgegenwärtigen Anwesenheit sei sie, und was damit vielfach an Kunstgesang et cetera verbunden werde, allen bekannt. Dass sie heute allerdings beinahe überall verschwunden sei, werde sprachlich gar nicht verarbeitet. Und so singe man etwa auch weiter herzerwärmende Lieder vom Steinkauz, von dem heute «nur ein verschwindend kleiner Restbestand übrig geblieben» sei.

Derart wird das Vogelhäuschen in den künstlerisch-visuellen Teilen des Buches zum Sinnbild der immergleichen materiellen Wünsche und Prestige-Sehnsüchte der Schweizerin und des Schweizers: zum Schweizer Häuschen per se, dem putzigen Eigentum, vom Staat unterstützt; es wird zum Auto; zum iPad; zum Fashion-Hut; und man findet es auch inmitten von Visionen voller Schrecknisse wie etwa dem untergegangenen Luzern nach der Klimaerwärmung. In den fotografischen Teilen dann spielen die Vögel eine Kunst-‹Rolle› oder sind einfach sich selbst – überboten nur von Fotografien von Bauabspannungen, die ganze Hügel überziehen, oder solchen, die das Idyll vom Häuschen ins rechte Licht rücken: Der Off-Roader, der bei den Werbefotos einer Gemeinde wegretuschiert ist neben jenem, bei dem er voll vorne im Bild steht.

Schenardi gelingt so die Enttarnung des bisschen Naturschutzes als Vehikel für die Tourismusbranche, wo die Marke ‹Schweiz› weiterhin als Idyll verkauft wird, wobei aber der Wunsch mit der Realität so viel zu tun habe wie der Storch mit dem Kind. Er zeigt dem Leser eine Welt, die von Kommerz und Politpuppen beherrscht ist, in der enthemmter ökonomischer Wachstumswahn und Fortschrittsfetischismus den Gesang der Lerchen vertrieben haben, der heute dafür beim Sound einer Einschlafshilfemaschine künstlich reproduziert wird. Vor allem legt Schenardi die Schandtaten auch mit Fotografien und Worten offen, die er dem Alltag entnimmt. Etwa einer Werbeaktion des Schweizer Bauernverbands, der Michael Schumacher unbewusst-bewusst ehrlich sagen lässt: «Die Schweizer Bauern geben Gas.» – Dem ist nicht mehr viel anzufügen.

Zu hoffen bleibt einzig, dass die wunderschöne Gestaltung nicht ein Fashion-Objekt aus dem Buch macht, das ‹man haben muss› – obwohl‘s fast jeder bräuchte. Denn Walt(h)erli, der Sohn Tells, wohnt nicht mehr auf einer Vogelweide … sondern auf einem Parkplatz.

Luca Schenardi
An Vogelhäusern mangelt es jedoch nicht
Edition Patrick Frey
284 Seiten
ISBN: 978-3-905929-23-2
Fr. 68.–/ EUR 56.–