Nick und Curt machen eine Reise – Benjamin Heisenbergs «Über-Ich und Du»
Nick Gutlicht (Georg Friedrich) verhökert alte Wälzer – und nimmt es mit der Provenienz nicht immer ganz genau. Da wittert er ein einen fetten Braten: er schleicht sich beim bekannten Psychologen Curt Ledig (André Wilms), der als junger Mann von Goebbels protegiert wurde, ein. Doch Nick hat noch Schulden und Mutter (Maria Hofstätter) will diese eintreiben…
Deutsche Vergangenheitsbewältigung nimmt in letzter Zeit neue, kreative Formen an – etwa in «Oh Boy» oder zuletzt «Finsterworld». Auch «Über-Ich und Du» ist vor allem ein Film über die deutsche Vergangenheit. Bei einem Podiumsgespräch will sich Curt Ledig für seine Kollaboration mit dem NS-(Besatzungs-)Régime (er ist dabei bezeichnenderweise Elsässer) entschuldigen. Doch an seine schriftlichen Entschuldigungen in einem auf Englisch verfassten Band will er sich nicht mehr erinnern. Ledig ist Psychologe, nicht etwa Psychoanalytiker. Was hat es also mit dem Über-Ich auf sich? Ist Curt etwa das Über-Ich im Titel? Und Nick das Du? In einer interessanten und langen Szene wartet der von Ledig eingegrabene (sic!) Nick darauf, dass ihn der grosse Psychologe wieder ausgräbt. Ledig scheint dezidiert unorthodox zu psychologisieren. Er kann ihn aber gar nicht ausgraben, nicht zuletzt, da er zusammengebrochen ist. So muss Nick sich selber ausgraben – eine Metapher für die jüngeren Generationen Deutschlands, die sich auch selber ausgraben müssen aus der braunen Erde.
Interessant ist dabei, dass auch «Über-Ich und Du» – wie schon «Finsterworld» – unter Schweizer Beteiligung entstanden ist. Vielleicht braucht das deutsche Filmschaffen diese Inputs aus dem «Süden». «Über-Ich» ist dabei nicht nur einer der besten deutschen Filme der vergangenen Jahre (jenseits von «Fack Ju Göhte» und dem wirklich unterirdisch schlechten deutschen Mainstream-Filmschaffen), sondern auch besser als fast alles aus der Deutschschweiz. Ein witziger, spannender Film zwischen Milieu, antiquarischem Buchhandel und Psychologenkongress. In der Romandie kommt der Film übrigens nicht ins Kino – zu spezifisch deutsch ist der Film. Auch «Oh Boy» war in der Suisse romande nicht zu sehen; «Finsterworld» natürlich ebenso wenig. Hier zeigt sich, dass die Deutschschweiz eben immer noch Teil des deutschen Sprachraums ist – auch wenn dies von gewissen Kreisen ja immer mehr in Frage gestellt wird. Wie dem auch sei: «Über-Ich und Du» ein absolut sehenswerter Film, der noch für viele interessante Diskussionen sorgen wird.
«Über-Ich und Du». Deutschland/Schweiz/Österreich 2014. Regie: Benjamin Heisenberg. Mit André Wilms, Georg Friedrich, Maria Hofstätter, Gonny Gaakeer, Nina Fog, Bettina Stucky, Philipp Graber, Eisi Gulp u.a. Deutschschweizer Kinostart: 19.6.2014.
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