«Der Dachs» – Kurzgeschichte von Romana Ganzoni

Ingeborg-Bachmann-Preis-Teilnehmerin Romana Ganzoni schrieb exklusiv für «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» eine irgendwo zwischen Ferienimpressionen und dem Unfassbaren changierende Geschichte, die von unsichtbaren Hügeln ebenso wie von Klüften im Innersten handelt.

MSU_V2P1b_-_Meles_meles_sketch

«Zeitnah» freut sich, Ihnen zum heutigen Texttag eine weitere Geschichte von Romana Ganzoni präsentieren zu dürfen.

Von Romana Ganzoni

Ein gläserner Hügel erhob sich vor ihnen. Es war ihr letzter Ferientag, ein Freitag, kurz nach Drei.

Von ihrem Hotel waren sie nach S. Giovanni d’Asso gefahren und danach weiter in Richtung der Benediktinerabtei.

In S. Giovanni d’Asso hatten sie in der Osteria an der Hauptstrasse gegessen, sie kannten das Lokal, es hiess «Osteria delle Crete«, was wohl «Gasthaus zu den Kreten» bedeutete; sie waren nicht sicher, ihr Italienisch war holprig.

Wo gibt es hier eine Krete? hatte Marie gefragt. Ihr Mann wusste es nicht, er zuckte mit den Schultern. Ihr Mann zuckte oft mit den Schultern. Das Zucken war im letzten halben Jahr zu einem nervösen Tick geworden.

Der Wirt zu den Kreten hiess Andrea. Er sprach Deutsch und tat gutmütig, als kannten sich Gastgeber und Gäste seit der Grundschule, als seien Italiener und Deutsche schon immer beste Freunde gewesen. Sein Hund hatte vor Sonnenaufgang Trüffel erschnüffelt. Andrea zog eine erdige Knolle hervor, nannte sie «Goldstück», streichelte sie wie ein Baby, küsste sie, legte sie dann zögernd, in angespannter Haltung auf die Waage: 110 Gramm bei einem aktuellen Kilopreis von über 2500 Euro. Dass seine Laune gut war, überraschte nicht. Der Applaus vom Tisch liess Andrea übermütig werden, seine  Frau schickte ihn zur Strafe in die Küche, wo er das Bestellte zubereiten sollte, sonst würde er auf einem Acker voller grosser Risse landen, er wisse, was das heisse, weit weg sei dieser Acker nicht, drohte sie, er würde nie wieder Trüffel finden, seinen Hund würde sie schlachten wie ein Huhn. Ihr schrilles Lachen flog allen um die Ohren, Marie und ihr Mann schwiegen, die Töchter unterbrachen ihren Streit.

Andrea entschuldigte sich für den umore bisbetico, für die Bissigkeit seiner besseren Hälfte, er sei seit zwanzig Jahren damit beschäftigt, sich unempfindlich zu machen gegen ihre Gemeinheiten. Er senkte den Blick und ging zu seinen Pfannen. Er gehe jetzt zum besten Öl der Welt, rief er aus der Küche. Die Knolle liess er in der Vitrine liegen, daneben aufgetürmt: kleine Käselaibe in drei Farben, Salami und Rohschinken.

Marie und ihr Mann schauten sich an, nickten. Das Nicken war im letzten halben Jahr zu einer Gewohnheit geworden.

Eine gute Entscheidung, wieder in die Osteria einzukehren. Sie hatten es noch nie bereut. Ein unverbrauchter Ort, saftige Nahrung, einfach und gut, eine Oase inmitten brauner Hügel, Gestrüpp, Olivenbäumen und Zypressen, vertrockneter Wiesen, Äcker. Sie schauten sich an, nickten. Der Mann zuckte mit den Schultern.

Andreas Frau brachte Marie den mit Pecorino überbackenen Fenchel, Trüffelschindeln bedeckten ihn; das parfumierte Gemüse begleitete ein in Rotwein gewendetes Filet. Maries Mann ass die Taglerini als primo piatto, bestellte das Filet und eine zweite Karaffe Wein aus der Heimat Andreas‘, Montepulciano. Die beiden Mädchen tranken frische Limonade in der Farbe ihrer Zöpfe und verschlangen dicke Picci mit Wildschweinsauce, obwohl sie auf der kurzen Reise von Castelmuzio nach S. Giovanni bereits einen ganzen Pane dei Santi gegessen hatten, ein mit Rosinen, Nüssen und Pfeffer gespicktes Brot, das an Allerseelen verzehrt wird. Die Mädchen schlugen einander unter dem Tisch, fluchten und kicherten. Die Mutter verwarnte die Kinder, sie kommentierte den Streit mit der Stimme einer Schiedsrichterin, die auf baldige Ablösung hofft. Sie schaute zum Vater, der die Trüffelknolle betrachtete und den Schinken, als sei er aus wissenschaftlichen Gründen an deren Beschaffenheit interessiert. Marie bestellte einen Espresso.

Kurz vor Drei standen sie vom Tisch auf; die Abtei Monte Oliveto Maggiore öffnete um Drei. Sie hatten im vergangenen Frühling nur einen Teil der Fresken von Bazzi, genannt Sodoma, gesehen; sie waren spät dran gewesen damals. – Noch zehn Minuten, dann schliessen wir. Die hühnenhafte Aufseherin mit dem harten Akzent hatte sich vor ihnen aufgebaut und verächtlich geschaut. Eine Schande, zehn Minuten für den ganzen Zyklus, hatte ihr Blick gesagt und die Mädchen taxiert, die die speisenden Mönche mit viel zu kleinen Händen betrachteten, das flauschige weisse Hündchen, den Toten mit dem Kartongesicht. Dämonen, Fabeltiere. Und überall der Heilige Benedikt.

Sie standen auf und verliessen die Osteria, die immer eine gute Entscheidung war. Die keifenden Mädchen gingen voraus, vorbei an der grossen zertretenen Libelle vor der Bank Monte dei Paschi di Sienazum Parkplatz in der Nähe des Schlossrestaurants. Der silberne VW war heller als sonst, Staub lag auf ihm wie weisser Puder. Die Familie stieg in den Wagen, Marie drehte das Radio an, zum Schrecken der Kinder lief ein Orgelkonzert, der Vater startete den Motor und fuhr los; er fuhr durch das Dorf, er liess das Dorf hinter sich und gab Gas.

Marie setzte die Sonnenbrille auf. Ein gläserner Hügel erhob sich vor ihnen. Marie blinzelte, sie schaute über den Rand der Sonnenbrille, schob die dunklen Gläser wieder vor die Augen. Ihr Mann gab Gas. Die Kinder schlugen sich, sie fluchten und kicherten. Marie dachte an die zweite Karaffe Wein, sie schloss die Augen. Als sie die Augen öffnete, schien der Glashügel grösser, er glänzte in der Sonne. Ihr Mann biss auf die Zähne, Marie sah den mahlenden Kiefer. Ihr Mann beschleunigte weiter. Die Mädchen johlten, die Toscana sei wie eine Rutschbahn.

Marie betrachtete ihren Mann. Er starrte auf die Strasse, sein Blick wirkte trotzig. Die Mädchen schlugen um sich, bissen einander in die Hand. Marie herrschte sie an: Aufhören! Schaut zum Fenster hinaus, anstatt eure Eltern in den Wahnsinn zu treiben! Jetzt! Sofort! Die Mädchen drehten die Köpfe und sagten gedehnt: Toll. Ihr Vater schaute auf die Strasse. Marie sagte: Anhalten! Ob sie pinkeln müsse, wollte der Vater wissen. Nein, sie müsse nicht pinkeln. Sie sehe etwas Wunderbares, sie wolle es ihm zeigen. Marie nickte. Er zuckte mit den Schultern und hielt am nächsten Feldweg.

Sie stiegen aus. Der Wind wurde stärker, in der Ferne zeichnete eine weisse Staubwolke einen Strich in die Landschaft, darunter fuhr ein Traktor. Maries Mann schaute umher, die Kinder kniffen sich und stiessen spitze Schreie aus. Marie zeigte auf den Glashügel. Da! rief sie. Da drüben! – Wo? fragten ihre Kinder. – Wo? fragte ihr Mann. Ihr Mann sah den Hügel noch nicht. Blendete ihn die Sonne? Die Mädchen schnitten Grimassen. Marie dachte: Sie sind jung. Sie sind übermütig. Sie sind hässlich und dumm.

Marie befahl der Familie, ihr zu folgen. Sie ging voraus, ihre Familie gehorchte. Maries Schritte wurden schneller, sie rannte. Der Mann rief, er verstehe nicht, worum es gehe, was sie wolle, wohin sie renne. Wozu das Ganze, Marie? Marie rannte zum Glashügel. Sie war noch nicht da, aber sie streckte bereits die Arme aus, als wollte sie den Hügel begrüssen, als wollte sie ihn umfassen.

Nun stand sie andächtig vor der Halbkugel, mit dem Zeigfinger strich sie sanft über das kühle Glas. Endlich wusste Marie wieder, wie Glück sich anfühlte. Vorsichtig legte sie die Hände auf die geschliffene Fläche. Sie sah durch das Glas ins Innere des Hügels; er war bewohnt.

Marie sah einen jungen Mann. Er trug einen mittelalterlichen Umhang, rote Strümpfe, einen blauen unförmigen Hut, das Haar lockig. Er stand vor ihr, getrennt durch die gewölbte Glaswand, deren Tiefe Marie nicht abschätzen konnte. Obwohl der Mann nach oben blickte, obwohl er sprach und seine Hände, die in weissen Handschuhen steckten, lebhaft bewegte, sah er sie nicht, und sie hörte ihn nicht. Der junge Mann spazierte an ihr vorbei, gefolgt von allerlei Tieren, Jagdhunde waren darunter, aber auch das flauschige weisse Hündchen vom Fresko. Gänse, Schwäne, zwei getigerte Katzen, vier, fünf Marder und unzählige Dachse. Eine grosse glänzende Krähe flog nun auf die Schulter des Mannes, die anderen Tiere folgten ihm, er ging voran, sprach zu den Tieren, nirgends war ein anderer Mensch zu sehen. Die Tiere wirkten wie Diener, Knechte und Mägde, oder wie Schüler, oder wie Lehrer. Marie verstand nicht, was sie sah.

Als die Tiere an Marie vorbeigingen, schaute einer der Dachse unvermittelt in ihre Richtung. Der kleine Dachs blieb stehen, er stellte sich auf die Hinterbeine, schnupperte nach oben und nach unten, nach rechts und nach links, er schaute sie schnuppernd an. Marie bewegte ihre Hand zum Gruss und formte mit den Lippen das Wort Hallo. Der Dachs betrachtete sie neugierig. Marie konnte nicht sagen, wie lange das Tier vor ihr gestanden hatte. Irgendwann sprang der Dachs davon. Der junge Mann und die anderen Tiere waren nur noch als Konturen zu sehen. Wo der Dachs gestanden hatte, lag eine Trüffelknolle. Marie löste sich vom Glas, drehte sich um und suchte mit ihrem Blick Mann und Töchter.

Ihr Mann stand beim Auto, die Töchter sassen auf der Wiese und stritten. Ihr Mann winkte müde. Marie rannte zum Auto und fragte ausser Atem, ob sie es gesehen haben. – Was? fragte der Mann. Dich habe ich gesehen, Marie, wie du Löcher in die Luft starrst. Manchmal verstehe ich dich nicht, Marie. – Die Mädchen schauten sie an wie eine Fremde, pufften sich in die Seite und kicherten. – Bitte kommt nochmals mit! bat Marie. Sie ging los. Ihr Mann seufzte laut und folgte. Die Mädchen stolperten ein paar Schritte hinterher, da weitete sich der Riss, der schon immer durch den lehmigen Boden gegangen war, der Boden sprang auf und die Mädchen mit den blonden Zöpfen stolperten über den Abgrund, die Mädchen fielen ohne einen Laut von sich zu geben in die Tiefe, der Boden verschloss sich. Die Eltern bemerkten es nicht.

Marie war vor dem Glashügel stehen geblieben. Sie zwang ihren Mann hineinzusehen, aber er wusste nicht, wo er etwas erblicken sollte und was. Ihr Mann sah einen braunen Hügel, darauf ein paar Olivenbäume. Er kniff die Augen zusammen und gab sich Mühe. Er sagte: Ich gebe mir jede Mühe, aber ich sehe nichts Besonderes. Ich sehe Erde, ich sehe Lehmklumpen. Ich sehe Olivenbäume, ich sehe eine müde Marie. – Marie erschrak, sie schaute ihn entgeistert an. Ihr Mann zuckte mit den Schultern. Marie zog ihr Interesse von ihm weg wie eine Wolldecke. Sie rannte zum Auto, stieg ein, der Motor heulte auf, sie wendete und fuhr davon. Ihr Mann blieb stehen, er zuckte mit den Schultern, lachte. Seine temperamentvolle Marie. Herrlich, dachte er, einfach herrlich. Da sah er vor sich eine Krete. Wo waren die Mädchen?

Als Marie viel zu schnell durch S. Giovanni d’Asso fuhr, stand Andrea, der Wirt der Osteria delle Crete, auf der Strasse und fuchtelte mit den Händen. Marie wechselte die Strassenseite, beschleunigte und fuhr an ihm vorbei; er lief ihr schreiend hinterher, sie sah sein verzerrtes Gesicht im Rückspiegel. Marie verstand nicht, was er rief, die Fenster waren zu. Sie wusste, dass etwas passiert war, das reichte ihr.

Marie fuhr ins Kloster S. Anna die Camprena, das ihr Hotel war, sie eilte auf ihr Zimmer, riss die letzten drei Seiten aus ihrem Tagebuch. Sie zerriss die Blätter mit den Gedichten, die sie in ihre Agenda geschrieben hatte, nahm den Pass, das Portemonnaie, die Jacke, stieg wieder ins Auto und fuhr Richtung Pienza.

Es war kurz vor Fünf. Der rote Mond stand über den Schatten, die sich ausbreiteten wie eine wuchernde Brandwunde, als ein starker Wind aufkam. In der Ferne sah Marie, wie grüne und weisse Traktoren wegflogen, und sie glaubte zu hören, wie die Abtei Monte Oliveto Maggiore mit den Fresken, mit den toten und den lebenden Benediktinermönchen, über die Krete in die Tiefe donnerte.

Romana Ganzoni, geboren vor dem Zvieri. Es war ein Dienstag. Es war April und Scuol. 1967. Der Kopf zwetschgenblau. Später Matura in Ftan et cetera. Sie nahm 2014 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil. Fährt Subaru Justy (Grau Metallic). Sie arbeitet sie an ihrem Roman. Erzählungen gibt es schon. Romana Ganzoni schreibt regelmässig für «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012».

Stichworte: