gesichtet #76: Der Turm, dessen Sinn und Zweck ein Rätsel ist

Von Michel Schultheiss

Der Zylinder thront hoch über der Bibliothek. Auf den ersten Blick möchte man auf einen Liftschacht tippen. Bei genauerem Hinschauen sieht man, dass der Turm – abgesehen von einer unzugänglichen Notleiter – gar keinen Inhalt hat. Täglich laufen unzählige Studierende daran vorbei, bis sich eines Tages der eine oder andere gefragt hat, was das Gebilde eigentlich soll.

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Phallus des Geistes? Panopticon? Postmoderne Architektur? Oder einfach nur ein Planungsfehler? Der Sinn und Zweck dieses Turms in Mexiko-Stadt bleibt für viele Leute im Dunkeln (Foto: smi).

Manche Bauwerke haben keinen funktionalen Zweck zu erfüllen: Sie stehen einfach für sich – so etwa beim viel diskutierten Kran von Zürich. Oder es geschieht unfreiwillig wie beim hohen Abluftkamin der Basler Nordtangente, der anscheinend noch nie zum Einsatz gekommen ist. Wenden wir aber mal den Blick ab von der Schweiz: Auch in der Millionenmetropole Mexiko-Stadt sind solche Bauwerke ohne ersichtlichen Nutzen zu finden – so etwa bei der «Facultad de Filosofía y Letras» der öffentlichen Uni UNAM. Die 1959 eingeweihte Bibliothek, wurde zu Ehren des im gleichen Jahr verstorbenen mexikanischen Philosophen Samuel Ramos benannt. Eben dort ist der Turm, dessen Bestimmung ein Mysterium bleibt, zu sehen.

Sowohl in den Gesprächen unter den Studierenden wie auch in einer eigens dafür gegründeten kleinen Facebook-Gruppe nahmen wilde Spekulationen um die Idee hinter dem Turm ihren Lauf. Wohlgemerkt gehen bei dieser Bibliothek Geisteswissenschaftler ein und aus, was sich auch klar an den (oft mit einem Augenzwinkern verfassten) Interpretationen zeigt. So durfte auch Michel Foucault nicht fehlen: Jemand deutete den Zylinder als Panopticon. Das Konzept der Überwachung durch einen einzelnen Wächter aus einem zentralen Gefängnisturm stammt von Jeremy Bentham. Später griff Foucault dieses Bild auf, um sein Konzept des Panoptismus, das Gefühl, stets beobachtet zu werden, zu verdeutlichen.

Ein anderer Student hält den Turm eher für eine Art Erektion des unter ihm gelagerten Wissens zitiert dabei den Dichter Gottfried Benn: «Das Wort ist der Phallus des Geistes». Ein Student der Lateinamerika-Studien meint, es sei entweder «irgendein Projekt der Geographen» oder halt einfach ein Lüftungsschacht der Bibliothek. Vielleicht sei es postmoderne Architektur oder halt einfach «ein Turm ohne Nutzen».

Die blumigste aller Deutungen soll von den Altphilologen kommen: Der Turm verbindet den untersten Teil der Bibliothek, die Unterwelt, mit der Welt darüber, wo der Aufstieg zur Erkenntnis beginnt. Weiter geht es dann zum irdisches Element, zur Agora (wie der Platz davor von den UNAM-Studenten genannt wird), zum Austausch von Ideen und des Zusammenlebens zwischen den Sterblichen, um zuletzt Richtung Himmel hinzuweisen, dem Sitz der Götter, der Erkenntnis und der Erleuchteten.

Leider ist die Erklärung viel simpler als die unzähligen Theorien der Studenten. Der Bibliothekar Filiberto erinnert sich: «Samuel», wie die Bibliothek im Volksmund genannt wird, platzte aus allen Nähten. Daher wurde der Bau 1995 erweitert. Auf Wunsch von Juliana González, der damaligen Direktorin der Fakultät, wurde auch der Turm gebaut. Der Entschluss erfolgte aus rein ästhetischen Gründen: Es soll ein Symbol für die Bibliothek Samuel Ramos werden. Früher war er auch beleuchtet und diente – wie auch der Brunnen davor – der Zierde.

Irgendwie schien aber die Idee der Philosophin Juliana González nie ganz angekommen zu sein und so machte eine Reihe von Spitznamen für den Turm die Runde. Filiberto kommen ein paar in den Sinn: Sowohl als «Phallus von Alexandria» oder als «moco» (Popel) sei er an der Uni bekannt.

Die Geschichte über den Turm ist nur eine der vielen Anekdoten und Grossstadtlegenden rund um die Uni, an die sich Filiberto erinnert. Der renommierte Historiker Edmundo O’Gorman baute gleich in der Nähe des Zylinders mal einen Unfall: Er rannte in eine der vielen Glasscheiben. Gleich neben der Bibliothek befindet sich auch der legendäre Konzertsaal mit dem Namen Justo Sierra, der seit dem Uni-Streik von 1999 und 2000 von Autonomen besetzt wird und heisst seither «Auditorio Che Guevara». Bekannt ist auch der «Espacio Escultórico» das Naturschutzgebiet mit den begehbaren Steinquadern. Ein Teil dieser Zone wurde gesperrt, da dort angeblich illegale Partys und Sex-Orgien stattgefunden haben sollen.

Zudem trägt nicht nur der Bibliotheksturm einen Spitznamen: Andere Orte im grossen UNAM-Campus sind der «Garten der Kirschbäume», der Kiffer-Park namens «Edén», oder die grosse Grünzone namens «Inseln», wo 1975 der damaligen Präsidenten Luis Echeverría ein paar Steine von protestierenden Studenten abbekommen haben soll. Irgendwie scheint es auf dem riesigen Gelände im Süden von Mexiko-Stadt für beinahe jeden Winkel irgendeine Legende oder schrille Geschichte zu geben.


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