Anonymität für Kunden beim Medikamentenkauf

Bern (gopf.). Schamgefühle vor dem Ladentisch sollen in Zukunft verhindert werden. Der Bundesrat sucht Lösungen im Kampf um die Wahrung der Anonymität von Kunden in Apotheken.

von Tiziana Bonetti

Dass sich mancher Apothekenkunde beim Medikamentenkauf ertappter fühlt als ein scheissender Gorilla in der Zoovitrine, verwundert kaum. Schliesslich will man/frau nicht, dass jeder in der Schlange mitbekommt, dass man/frau Hämorrhoiden hat oder eine Tinktur gegen Genitalwarzen benötigt.

«Der Wunsch nach Diskretion und fairen Einkaufsbedingungen ist ein ernstzunehmendes Bedürfnis der Konsumenten», sagt Herr Gopfertamisiech, Präsident der Konsumentenschutzorganisation Fairplay kann kommen (FKK). Es sei wichtig, dass sich der Käufer nicht blossgestellt vorkomme, wenn er Medikamente kaufe, die sich potenziell als rufschädigend herausstellen könnten.

Diese Meinung teilt auch Dia Rhea, Professorin für Psychologie in Thompyrin, die heuer mit einem Team von Forschern die psychologischen Auswirkungen der Testpersonen bei einer Kaufsituation in der Apotheke untersucht und ausgewertet hat.

«In unserer Studie konnten wir nachweisen, dass sich der Kauf eines als subjektiv für peinlich empfundenen Medikaments bei den Testpersonen nicht nur äusserst negativ auf ihre psychische Befindlichkeit ausgewirkt hat, sondern auch auf deren körperlichen Verfassung.»

Mehrere Probanden hätten beim Experiment Atemnot erlitten, seien in Schweiss ausgebrochen oder hätten angefangen zu stottern. Ein Teilnehmer des Experiments beispielsweise, sei beim Kauf von Präservativen von einem derart schlimmen Hustenanfall überwältigt worden, dass ihm die Apothekerin fälschlicherweise Hustenbonbons und einen Brusttee aufgeschwatzt hätte, so Dia Rhea. «Niemand soll wegen seiner Krankheit diskriminiert werden», moniert SVP-Bundesrat Ulrich Mauler, der in einer Partei-Fraktionssitzung von letzter Woche die mangelnde Kundenanonymität in Apotheken als verheerend und menschenunwürdig bezeichnet hat. Auch der Bundesrat hat sich dieses Problems bereits angenommen und in der Sitzung vergangenen Montags eine Patentlösung ins Auge gefasst. In einem Interview mit dem «Tagesanzeiger» gab Bundesrat Boris Leuchthart bekannt, es gehe im Besonderen darum, ein Paket von Massnahmen anzubieten, das den Schweizer Apotheken ermögliche, die Anonymität ihrer Kunden garantieren zu können. Bereits heute präsentierte der Bundesrat dem Apothekenverband pharmaSuisse einen ersten, gewinnbringenden Lösungsvorschlag, der von einer grossen Mehrheit des Gremiums gutgeheissen wurde: Darin legte der Bundesrat nahe, Apotheken sollen ihren Kunden künftig ein schweizweit einheitliches Ganzkörperkostüm aus Latex samt Kopfbedeckung anbieten, das diese in einer behelfsmässigen Kabine anziehen dürften, bevor sie am Ladentisch ihre Medikamentenwünsche offenbarten. «Auf diese Weise gewährleistet man absolute Anonymität. Die Kunden können sich bis zur Unkenntlichkeit maskieren», so Ulrich Mauler.

Etwas anderes sieht das Herr Gopfertamisiech vom Konsumentenschutzverband FKK. Er kritisiert, es bestehe die Gefahr, dass ein Kunde, der bei den Apothekern um ein Ganzkörperkostüm bitte, bereits so viel Aufmerksamkeit auf sich lenken könnte, dass sich anwesende Kunden und Apotheker, nachdem er sich in der Kabine umgezogen hätte, noch an sein Gesicht erinnern könnten. Nächste Woche werden die Ganzkörperkostüme probeweise in jeder Apotheke schweizweit eingeführt. Sollten sich Herr Gopfertamisiechs Befürchtungen bewahrheiten, wird man nach neuen Ansätzen Ausschau halten müssen.

Bundesrat Ulrich Mauler jedenfalls ist überzeugt, dass sich das System mit dem Ganzkörperkostüm bewähren wird und sogar in anderen Ländern auf grosses Interesse stossen dürfte. Ob dem so ist, wird sich in Bälde zeigen.