Von Gedichten, Hüftgürteln und einer Entdeckung – über Esther Murbach

Sie war eine der ersten Frauen im Basler Journalismus. Sie schrieb ein Leben lang für die Zeitung und träumte doch immer von der Literatur. Inzwischen ist Esther Murbach Dichterin und Schriftstellerin und stellt einen neuen Band in drei Sprachen vor.

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Von Andy Strässle

Manchmal ist ein Aufbruch ein Abschied. Manchmal ist eine Reise eine Ankunft. Für die Dichterin Esther Murbach wurde eine Reise zur Ankunft. Es sei eine eigentlich banale Rundreise durch Irland mit einer Freundin gewesen, sagt die Schriftstellerin in ihrem Garten in Basel. Danach begann sie, Englisch zu schreiben. Unterdessen ist aus der Reise eine literarische Heimat in Galway entstanden.

Das Städtchen an der irischen Westküste, nach einem Fluss benannt, der auf gälisch der «Steinige» heisst, empfand Esther Murbach nicht nur als malerisch, sondern als inspirirend:

«Es war verrückt, ich empfand Galway sofort als literarische Stadt, gerade die Poeten geniessen hier einen viel höheren Stellenwert als bei uns.»

Es sei sehr schnell gegangen, dass sie Anschluss an die literarische Szene in Galway und nach der Veröffentlichung einiger Gedichte in den entsprechenden Zeitschriften, von denen es einige gibt, auch Anerkennung gefunden habe. Irland steht zu einem guten Teil hinter dem Konzept des neuen Gedichtbandes von Murbach. Im Buch «Gedichte, Poèmes, Poems» versammelt die Basler Autorin Werke in drei Sprachen.

«Die Idee ist ganz natürlich entstanden. Die Gedichte stammen aus den vergangenen zwanzig Jahren und entsprechen verschiedenen – auch biografisch geprägten Phasen – und Interessen.»

Es sei kein Zufall, dass die französischen Gedichte die romantischsten seien:

«Auf Französisch fällt es einfach leichter, diese Dinge zu sagen. Vielleicht ist es wirklich die Sprache der Liebe.»

Die englischen Gedichte dagegen seien eine Momentaufnahme der letzten Irland-Reise und als Tagebuch eigens für den aktuellen Band entstanden. So steht im «Galway Diary»:

«And every bell that chimes
the croak of every toad
produces rhymes»

Die Nähe zu den verschiedenen Sprachen ist kein Zufall. Murbach arbeitete nach ihrer journalistischen Karriere immer wieder als Übersetzerin, manchmal beides parallel. Da lag es nahe, den schriftlichen Ausdruck zu erweitern.

«Ich habe eigentlich immer geschrieben, aber vor der Herausgabe meines ersten Buches  wenig literarisch gearbeitet. Als ich noch im Berufsleben stand und meine Töchter aufzog, fehlte mir die Zeit, grössere Arbeiten anzugehen. Gedichte habe ich aber immer verfasst, meist schubweise. Sie landeten viele Jahr lang in der Schublade.»

Murbach kennt ihn noch, den Geruch von Druckerschwärze, und als damals jüngste und eine der ersten redaktionellen Mitarbeiterinnen der einstigen «National-Zeitung» weiss sie, was es heisst, «ins Blei zu greifen». Nach der Matur sei sie als Volontärin in die Zeitung eingestiegen, als Hilfsredaktorin im Ressort «Kurznachrichten» und als Lokalberichterstatterin. Über Vereinsanlässe zu berichten sei ein Job gewesen, der ihr gelegen habe. Da habe sie sich die Sporen abverdient.

In ihrem Garten an diesem sonnigen Nachmittag schüttelt Esther Murbach leicht ungläubig ihren Kopf. Denn damals waren Zeitungsredaktionen, noch weit entfernt von den heutigen Newsrooms, fast ausschliesslich von Männern besetzt. Dass eine Frau in dieser Welt einen Job fand, war aussergewöhnlich. Auch das Handwerk lässt sich nicht vergleichen:

«Damals berichtete man über jeden Verein, man schrieb mit einer mechanischen Schreibmaschine, die elektrischen kamen erst später.»

Da sie als Hobby laufend Ballett trainierte, schrieb sie früh über Tanz und war als Schreiberin und Redaktorin mehr kulturell als politisch ausgerichtet. Als Schriftstellerin ist Esther Murbach zwar kritisch, will beim Schreiben aber die eigenen inneren Zusammenhänge und Erfahrungen ergründen. Deswegen ist sie auch nicht daran interessiert, literarisch einem trendigen Erfolg nachzurennen. Bestseller wie «Fifty Shades of Grey» oder «Feuchtgebiete» sieht sie als reine «Geldmacherei», die künstlerisch nicht weiter Gültigkeit besitzen.

Die künstlerische Integrität, nicht zuletzt die Eigenwilligkeit und Konsequenz, einen Gedichtband in drei Sprachen herauszubringen, hat ein Stück weit ihren Preis: Während die Romane, Kurzgeschichten und Gedichte – manche auf Englisch publiziert – von Vielseitigkeit zeugen und die Schriftstellerin interessant machen, passt sie gleichzeitig nicht in die Schubladen und Genres der Verlage.

«Die Rückmeldungen der hiesigen Leser zu meinen Arbeiten sind meist positiv, ich geniesse diese Auseinandersetzung. Doch ist das Interesse und die Lebendigkeit, wie in Irland mit meiner Arbeit umgegangen wird, noch eine Steigerung.»

Klar, Murbach, die seit 2008 Romane, Erzählungen und Gedichte veröffentlicht, kennt auch Kritik, doch sie lacht:

«Noch niemand hat gesagt, ein Buch oder eine Geschichte von mir sei langweilig, und damit kann ich gut leben.»

Das Gedicht «Zarte Kraft» belegt dies gar nicht schlecht:

winterstarre
kahle zweige
spiegeln sich im eis
wie lange noch
der frost verharret
und das kalte weiss

ungewiss ist’s
doch im teiche
schläft nymphea nur
sie vertraut
der kraft der sonne
dem rhythmus der natur

Biografisch ist ihre Heimat klar in der Stadt Basel verortet, auch wenn es den Irland-Faktor gibt und Murbach, auf die sieben Jahre angesprochen, die sie in St. Gallen lebte, nur den Kopf schüttelt. In der Ostschweiz war sie Hausfrau, zog ihre beiden Töchter auf und kämpfte mit anderen Frauen um ein Frauenhaus. Heute eine Selbstverständlichkeit, gelang die Gründung dieser Institution in der konservativen Ostschweizer Metropole damals nur nach epischer politischer und gesellschaftlicher Überzeugungsarbeit.

Als langsam der Abend im Garten dämmert und Murbach erzählt, dass sie sich auch als klassische Sängerin ausbilden liess, mit verschiedenen Chören und solo aufgetreten ist, verbinden sich die Linien von Leben und Werk. Die Vielseitigkeit, das Interesse an unterschiedlichsten Dingen, die damit verbundene Suche und Erfahrung spiegeln sich nun im Werk der Schriftstellerin, die sich eben nicht in eine Schublade stecken lässt.

Die Story vom Hüftgürtel

In der Seitengasse, in der Esther Murbach wohnt, kommen die Menschen langsam nach Hause. Frauen schieben ihre Kinder in Veloanhängern vor sich her, die Männer parken den Wagen. Und natürlich ist es heute auch umgekehrt, Papi war noch schnell mit Kind und Kinderwagen im Coop und Mami schwingt sich dynamisch vom Velo. Für Esther Murbach waren die  Jahre nach 1968 eine Befreiung. Verschmitzt fragt sie mich, ob ich wisse, was ein «HüGü» sei. Ja, das ist ein Hüftgürtel, ein einengendes Utensil mit Strapsen, um die weibliche Form im Zaum zu halten und Nylonstrümpfe daran zu befestigen. «Das ist weit weg jetzt und doch gar nicht so lange her.» Es sei eine Erleichterung gewesen, als die BHs 1968 gebrannt hätten, und es sei auch eine Erleichterung, dass Frauen von heute den HüGü kaum mehr kennen, geschweige denn tragen. Allenfalls noch Burlesque-Tänzerinnen …

Als junge Frau kannte Esther Murbach all die Einschränkungen noch und weiss, wie sich die Frauen in der Schweiz das Stimmrecht und viele Freiheiten  erst erkämpfen mussten. Sei es, um selbständig zu überleben, oder auch nur, um nach einer Scheidung nicht als dubiose Person zu gelten.

Und ja, manchmal ist es besser, wenn ein Aufbruch auch ein Abschied ist.

Esther Murbach
Gedichte – Poèmes – Poems
IL-Verlag 2014
Softcover 80 S.
18.90 Franken
ISBN-13 978-3-906240-13-8

 


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