Zitat der Woche: Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror

Das heutige Zitat der Woche beschwört die finstere Schönheit eines gefallenen Engels: Lautréamonts «Die Gesänge des Maldoror» zeigt als Vorläufer des Surrealismus die Abgründe der Menschheit.

Von Daniel Lüthi

Das Second Empire unter der Herrschaft von Napoleon III. mutet wie ein seltsames Zwischenspiel der Geschichte Frankreichs an: Obwohl in den Jahren von 1852 bis 1870 gigantische gesellschaftliche, politische und technologische Umwälzungen stattfanden – unter anderem die Industrialisierung Frankreichs, der Riesenumbau von Paris in eine moderne Metropole sowie der Deutsch-Französische Krieg als Schlusspunkt – erinnern wir uns heute eher an die darauf folgende Epoche vor dem Ersten Weltkrieg. Schriftsteller wie Victor Hugo und Émile Zola sind wohl die besten Chronisten des Second Empire, doch zahlreiche Autoren bewegten sich am Rand dieser turbulenten Zeit.

Wie Miltons Satan ist Maldoror ein gefallener Engel, der sich jedoch keinerlei Sehnsucht nach dem verlorenen Paradis erlaubt. zVg

Wie Miltons Satan ist Maldoror ein gefallener Engel, der sich jedoch keinerlei Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies erlaubt. zVg

Lautréamont war das Pseudonym von Isidore-Lucien Ducasse (1847 – 1870), einem Schriftsteller, der in einer uruguayischen Kolonie Frankreichs geboren wurde und später nach Paris zog. In seinem kurzen Leben vollendete Lautréamont nur ein einziges Werk, das heute als sperriger Vorgänger der Moderne und des Surrealismus gelesen wird: «Die Gesänge des Maldoror». Es ist ein merkwürdiges Buch, voller überschäumender, manchmal schwer verdaulicher Schilderungen von Grausamkeiten, die sich mit nüchternen Feststellungen abwechseln. Auf knapp 250 Seiten rechnet der gefallene Engel Maldoror mit der Menschheit ab, listet ihre Dummheit und Boshaftigkeit auf und berichtet selbst, welche Abscheulichkeiten er erlebte und herbeiwünscht. Im Gegensatz zu Miltons Satan sehnt er sich nicht insgeheim zurück in den Himmel, sondern wälzt sich förmlich in seinem eigenen Bösen. So rechtfertigt er auch sein Schreiben:

Es gibt Leute, die schreiben, um mittels edler Herzenseigenschaften, die ihre Phantasie erfindet oder die sie besitzen, nach menschlichem Beifall zu trachten. Ich aber bediene mich meines Geistes, um die Wonnen der Grausamkeit zu schildern. Keine flüchtigen, künstlichen Wonnen, sondern solche, die mit dem Menschen begonnen haben, die mit ihm enden werden. Kann sich der Geist in den geheimen Beschlüssen der Vorsehung nicht der Grausamkeit verbünden? oder hat einer keinen Geist, weil er grausam ist? Den Beweis dafür wird man in meinen Worten finden, es hängt nur von euch ab, mir zuzuhören, wenn euch daran liegt…

Verglichen mit den realistischen Texten von Hugo oder Zola, die ein kritisches Bild der französischen Gesellschaft vor und unter der Herrschaft Napoleon III. zeichnen, ist diese Passage fast eine Warnung. Hier ist alles erlaubt, der Spiegel ist ein Zerrspiegel. Unter anderem deshalb ist die Lektüre von «Die Gesänge des Maldoror» oft schwierig, weil sich der Erzähler keinerlei Grenzen setzt und Bilder und Metaphern fast ins Unerträgliche ausschmückt. Es verwundert deshalb nicht, dass der Surrealismus Lautréamont wiederentdeckte und ihn nach Jahrzehnten der Vergessenheit wieder bekannt machte: Die Nähe zum Unbewussten und Traum, die wahnsinnigen und doch präzisen Feststellungen von Maldoror fanden in Bildern von Salvador Dalí oder dem automatischen Schreiben von André Breton ihre Fortsetzung.


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