Generation-Y-Essayisten krankgeschrieben: Bore-out!

Gut ausgebildete, bestens vernetzte Zeitungs-Edelfedern leiden an einer neuen Berufskrankheit.

boreout

«Eine geräumige Zeitlang mogelten sie sich durch, indem sie solemn durch die Redaktionsstuben tigerten, Kaffee in der Hand und ein Gleissen im Gesicht, wie besetzte Taxis es auf dem Dach haben.»

Kulturpessimismus hat ein neues Gewand. Die Jahrgänge 1975 bis 1990 tragen es zu Markte. Das Phänomen ist bekannt aus der einst gehobenen Presse. Da werden nassforsch «Essays» gezimmert, in denen ohne jegliches inhaltliches Korrektiv Phrasen gestanzt werden:

«Doch vielleicht sind wir [=die Generation Y, d. Red.] die Ersten, die in der Geschichte verstanden haben, dass keine Lebensweise die Paradoxien der Menschheit auszuräumen vermag. Etwa jene, dass wir alle, ob arm oder reich, zum Sterben verurteilt sind.»

So stand es unlängst zu lesen prominent auf den vorderen Seiten des Följetons der alten Tante von der Falkenstrasse. Man muss also sterben, einerlei, was man tut oder nicht tut, wurscht, ob arm oder reich, Generation X oder Generation Y, Männlein oder Weiblein. Poah. Dabei wusste schon der grosse chinesische Denker Chrr Tschi Pühh vor 3500 Jahren – alles Lebendige muss sterben, und, wie der gehoben daherschwaudernde «Literaturwissenschafter und Journalist […] in New York City und [ganz wichtig!] Berlin» fortfährt:

«Nicht jeder kann Künstler, Schriftsteller oder Journalist werden. Es muss diese Menschen geben, die morgens aufstehen, zur Arbeit fahren und Steuern bezahlen.»

Ohalätz. «Diese Menschen», «Morgen», «aufstehen», «Arbeit» und «Steuern bezahlen» in einem Satz. Das kann nur eins heissen: der Herr Literaturwissenschafter und Journalist holt aus zur grossen Abrechnung. Langweilig sind schliesslich nur die anderen. Die Deppen etwa, die sich auf Lohnbasis in Hamsterräder einspannen lassen, die selbst für monatlich schwarze Zahlen sorgen müssen. Wie schmetterten noch einmal andere Vertreter der Spezies der hyperprivilegierten Generation-Y-Posaunisten, auf einer anderen Lichtung im Blätterwald? Die Generation Y

«will nicht gestalten, sie will verwalten. Ein gutes Drittel der Befragten favorisiert den staatsfinanzierten Sektor. Als das mit Abstand wichtigste Kriterium nannten 61 Prozent der Befragten Jobsicherheit.»

Jobsicherheit! Im Jahr 2014! Wie dreist ist die Generation Y bloss drauf! Schluck! Schluck! Der sedierend alarmistische Tenor dieser Ergüsse, das «Früher, als alles noch besser war» wird in diesen «Essays» (früher Kolumnen oder Leserbriefe genannt) so lange paraphrasiert und mit einer Best-of gerade virulenter Schlagworte verbrämt, bis man die erforderliche Zeilenzahl beisammen hat.

Geschäftsmodell Alterskohorte

Dies war auch das Geschäftsmodell von Thea Weiss und Michail Besser (Namen der Redaktion bekannt), zwei Edelfedern im Solde qualitativjournalistisch sich gerierender Massenblätter. Sowohl die aus dem Hause Theo Weiss stammende Thea Weiss als auch der schwerreiche Michail Besser haben nun zeitgleich einen Berufsunfall erlitten. Die Produktion ihrer «Essays» ist abgebrochen. Der Leserschaft wird nicht aufgefallen sein, dass die Unspektakularität der momentan dem Studium entwachsenden, im Erwerbsleben ankommenden Alterskohorte nicht mehr mit so viel Phrasendrescherei «kritisch» begleitet wird.

Das Ende einer Weltformel

Etliche Tweets und Facebook-Einträge haben schliesslich mehr Tiefgang und Substanz, als Thea Weiss’ und Michail Bessers Elaborate. Bisher war das jedoch einerlei, hat doch der verantwortliche Redaktor den Käse stets durchgewunken, um sich wieder seinen in mehreren Bänden zur Publikation angedachten Memoiren zu widmen. Damit ist es vorbei, denn die für Weiss und Besser zuständigen Redaktoren haben Facebook und Twitter entdeckt. Sich kundig gemacht. Folge: Die Formel

«Generation Y + x Zeilen = fertige Seite»

geht nicht mehr auf.

Grundeinkommen: Dünnsprîch-«Essay»

Thea Weiss und Michail Besser, mit dem x-ten Generation-Y-Essay erfolglos am Hausieren, indigniert vom augenrollenden Gähnen der Vorgesetzten, versuchten sich mit dem Schlagwort «Generation Z» rauszuschwatzen. Doch es klappte nicht. Auf einmal hatten Weiss und Besser weder ein griffiges Schlagwort noch ein Abo auf bedingungsloses Grundeinkommen in Form durchgewunkener Dünnsprîch-Generationen-«Essays» mehr. Schlimmer noch: hinter ihnen wetzt bereits die nächste Generation die Messer, und lesen und schreiben und in die Zeitungen kommen kann die auch.

«Das Aus der Generation Platzhalter»

Beim Versuch, auch ohne ihre fix gebuchten Generation-Y-Textlein beschäftigt zu tun, schlitterten Thea Weiss und Michail Besser ins Verderben. Eine geräumige Zeitlang mogelten sie sich durch, indem sie solemn durch die Redaktionsstuben tigerten, Kaffee in der Hand und ein Gleissen im Gesicht, wie besetzte Taxis es auf dem Dach haben. Sie versuchten den Eindruck zu erwecken, ihr Generationen-«Schnuuralismus» werde nun abgelöst durch Generationen-«Schuurnalismus». Weiss und Besser setzten Wordfiles in Schriftgrösse 72 auf, überschrieben mit «Das Aus der Generation Platzhalter». Den PC liessen sie in den Pausen an, so dass alle sehen konnten, hier wurde gedacht, geschrieben, gearbeitet.

Neues Geschäftsmodell?

Der Zusammenbruch kam, als die zuständigen Redaktoren, zurück aus den quartalsweisen Schlemm-und-Demm-Reportage-Ferien in der Toskana, den Geistesblitz, fürdermehr von «Generation Rettich» zu sprechen, mit einem Wiehern, wie Rösser es machen, wenn man sie mit Reissnägeln triezt, gefolgt von einem furiosen Wutausbruch, quittierten. Seither sind Thea Weiss und Michail Besser krankgeschrieben. Und weil ihre Ärzte gerade ohnehin nach einer neuen beruflichen Herausforderung suchten, attestierten sie ihnen «Bore-outs» – Diagnosen, die Thea Weiss und Michail Besser umso leichter annehmen konnten, da sie so verdammt nach einem neuen Geschäftsmodell riechen. Wir dürfen gespannt sein.

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