Trost im Museum – Julia Stephan über Angelika Overaths «Sie dreht sich um»

Angelika Overaths Roman «Sie dreht sich um» handelt von einer verlassenen Frau, die sich in Museen an Bildern gesund schaut. So altbacken das alles einrahmende Ereignis – die literarischen Bildbeschreibungen haben einen ganz eigenen Zauber.

Sie dreht sich um von Angelika Overath

«Ebenso wie die Frauen zu allen Zeiten als Modelle für die künstlerischen Visionen männlicher Künstler herhalten mussten, scheint sich Overath für die Seelenlage ihrer Protagonistin nur am Rande zu interessieren. Als diente Anna nur dazu, das Romanprojekt zusammenzuhalten, das – das muss hier betont werden – eine tolle Sammlung wunderbarer literarischer Bildbeschreibungen ist.»

von Julia Stephan

Ein Museum ist nicht der schlechteste Ort, um angestauten Liebeskummer abzutragen. Man wird respektvoll in Ruhe gelassen, mehr noch: Man hat als Einzelgänger die stille Komplizenschaft des Aufsichtspersonals auf sicher. Wer sympathisiert schon mit Reisegruppen und ihrer lärmenden Geistesabwesenheit?

So ein Museum, das muss sich auch die deutsche Autorin und Journalistin Angelika Overath vor der Arbeit an ihrem Roman «Sie dreht sich um» gedacht haben, ist ein Tempel der Kontemplation und der Selbstvertiefung, und gegen die Liebestragödien, die hinter Glas toben, ist die eigene Leidenschaft ein heruntergedimmtes Flämmchen. Hand aufs Herz: Könnten Sie es mit einem Orpheus aufnehmen, der einen Blick auf seine Flamme Eurydike riskiert, im Wissen, sie für immer zu verheizen?

Wohl kaum. Auch nicht Anna Michaelis, Prototyp einer europäischen Museumsgängerin: 50 Jahre, gebildet, Journalistin und Altphilologen-Gattin– und ein kaum kaschiertes Alter Ego der Autorin selbst. Angelika Overath ist eine der besten Reporterinnen unserer Tage und versetzt ihre Schweizer Leser in der «NZZ am Sonntag» regelmässig mit einem biografischen Rätsel ins Staunen, einem Promi-Ratespiel für die anspruchsvolle Leserschaft.

Lebensabschnittsende Kühlschrank

Der Ort von Anna Michaelis’ Trennung hätte profaner nicht sein können: Der Schlag trifft die privilegierte Akademiker-Gattin vor dem offenen Kühlschrank ihres Münchner Reihenhauses. Der Grund für die abrupte Trennung, den sie beim gähnenden Anblick eines armseligen Mozzarella-Häufchens erfährt: eine junge Referendarin. Und die fordert von Annas Ehemann ein Kind. Sofort.

Anna kämpft nicht, fragt nicht. Sie geht, ohne Plan und Ziel, auf eine Museums-Hüpf-Tour durch zwei Kontinente, ohne sich noch einmal nach ihrem Mann umzudrehen. Dafür wenden ihr die vielen weiblichen Rückenfiguren auf Gemälden in Edinburgh, Kopenhagen, Boston, St. Moritz, Paris und im dänischen Skagen ihre Gesichter zu und enthüllen die nackte Wahrheit hinter den Impressionisten- und Symbolisten-Fantasien ihrer männlichen Erschaffer. Ihren Angehörigen hat Anna derweil eine vierwöchige Recherchereise zum Himalaja vorgeflunkert.

Dass die Bilder der stummen Anna von sich erzählen, ist der gerade recht. Von der Realität will sie nicht berührt werden. In Edinburgh beruhigt sie sich beim Anblick der weissen Hauben bretonischer Mädchen auf Gauguins «Jakobs Kampf mit dem Engel». Menschen geniesst sie in homöopathischen Dosen. Im Moment der Schwäche schnuppert sie einmal an einer Parfümeurin. Ein Schweizer, den sie in Kopenhagen vor dem Schlüsselwerk eines dänischen Symbolisten kennen lernt, wird ihr im Hotelbett gefährlich real. Panisch flüchtet sie über den Atlantik, nach Boston. Weil in ihrem Jugendzimmer einst ein Bild von der Bostoner Tea Party hing.

Bildbeschreibungen, Roman geworden

Von einer Ablösung merkt man nicht viel. Denn eigentlich steht Anna auf ihrer Reise immer mit einem Fuss im Himalaja, der auf ihrer Reise zum Sehnsuchtsort und zur Metapher für ihren Mann wird – ist doch dessen alter Mantel aus dem Fell dort ansässiger Gebirgsziegen gefertigt.

Tränen fliessen spät, und von der Wut verliert sich jede Spur. Ebenso wie die Frauen zu allen Zeiten als Modelle für die künstlerischen Visionen männlicher Künstler herhalten mussten, scheint sich Overath für die Seelenlage ihrer Protagonistin nur am Rande zu interessieren. Als diente Anna nur dazu, das Romanprojekt zusammenzuhalten, das – das muss hier betont werden – eine tolle Sammlung wunderbarer literarischer Bildbeschreibungen ist.

Notgedrungen muss so selbst die Versöhnung in Dänemark wie ein Tableau wirken. Der seinen Fehltritt Bereuende reist seiner «Trivialmystikerin» schliesslich ins dänische Skagen nach und lobt sie dafür, «keine Begabung zur Bitterkeit» zu besitzen. Diese wiederum denkt stolz, dass wahnsinnig viel mit ihr passiert sei, und entlässt uns Leser damit in die Ratlosigkeit.

Angelika Overath
Sie dreht sich um
Luchterhand 2014.
288 S., Fr. 29.90.

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