Die Bürokratie des Bösen – «State of Siege» im Englischen Seminar

Der Versuch einer Insider-Perspektive und einer Kritik: Daniel Lüthis Doppelrolle als Kenner und neu auch als Schauspieler der Theatergruppe «The Gay Beggars» bietet im Licht des Stücks «State of Siege» eine Jonglage aus objektiver Fernbeobachtung und subjektiver Eigenerfahrung.

Die Korruption in uns und in anderen: «State of Siege» ist ein absurd-düsteres Theaterstück. © The Gay Beggars

Von Daniel Lüthi

Die Rolle war perfekt für mich. Nicht nur das muss ich nach der fünften Vorstellung zugeben. Seit der Primarschule war ich nicht mehr auf der Bühne gewesen, und die Erinnerungen daran waren bestimmt nicht schlimm, aber angesichts des lange vergangenen Zeitraums dazwischen etwas… sagen wir zögerlich. Als mich Nicolas «Hunzi» Hunziker und Jorian Pawlowsky, die beiden Regisseure des neuen Theaterstücks der Gay Beggars, im Mai ansprachen, war ich zuerst erfreut wie über jede frische Produktion. Albert Camus’ «L’État de Siège», auf Englisch «State of Siege», stand auf dem Programm, ein absurd-bitterbös-satirisches Drama über Macht, Pest und Diktaturen. Sowohl als backstage-Helfer wie auch als Testpublikum würde ich wieder gern zur Verfügung stehen.

Als mir jedoch unterbreitet wurde, dass man dieses Mal eher eine andere Idee meiner Beteiligung hätte – nicht hinter, sondern auf der Bühne – unterdrückte ich den Impuls, möglichst schnell möglichst weit wegzukommen, und sagte, ich würde es mir überlegen. Zwei Wochen später sagte ich zu, machte meinen Regisseuren jedoch gleichzeitig klar, dass ich es hasste, im Rampenlicht zu stehen. Kein Problem, die Rolle sei ja klein. Und dass ich mich unwohl fühlte, wenn mich mehr als fünf Leute gleichzeitig anstarrten. Auch kein Problem, ich würde ja einen Ordner in der Hand halten und hätte so immer etwas zwischen dem Publikum und mir.

Denn meine jetzt mir zugeschriebene Rolle war die des Herolds. Sowohl für das alte wie für das neue Regime wäre ich derjenige Lakai, welcher die jeweiligen Dekrete und Ankündigungen vom Regierungsbalkon ausrufen würde. Wenig Text, wenig Bühnenpräsenz, dennoch ein wichtiges Detail. Auch Diktatoren brauchen schliesslich jemanden, der den Leuten verkünden soll, wie sie sich zu verhalten haben.

Die Macht der Stimme

Das Stück selbst war besonders für eine eher kleine Bühne wie die des Theaterkellers im Englischen Seminar eine Herausforderung. Auch nach einer Bearbeitung der Rollenverteilung bestand die Gruppe aus mehr als zwanzig SchauspielerInnen. Verständlich, da in «State of Siege» das Schicksal einer ganzen Küstenstadt inszeniert wird, dennoch eine logistische und raumplanerische Knacknuss. Glücklicherweise verfügten unsere Regisseure über jahrelange Theatererfahrung und wussten zudem unter tatkräftiger Mitwirkung von Schauspieler und Gestalter Roy Fischer ein Bühnenbild zu erschaffen, das gekonnt die Illusion mehrerer Innen- und Aussenräume erweckt.

Verglichen mit früheren Aufführungen gestalteten sich die Proben zu «State of Siege» ganz im Dienste der Stimme. Komik wie auch Dramatik speisen sich in Camus’ Stück vor allem aus dem Einsatz der richtigen Menge an Stimmkraft und –betonung. Als Herold musste ich natürlich lernen, klar und laut zu sprechen, doch ich war nur eine von vielen Rollen, welche Projektion und Intonierung übte. Kernstück von «State of Siege» ist nämlich die personifizierte Pest, die die Macht in der Küstenstadt Arcadia an sich reisst – und diese Macht muss sich in der Stimme ebenfalls abzeichnen.

Lesley Löw als personifizierte Pest bietet facettenreiches Schauspiel.

Lesley Löw als personifizierte Pest bietet facettenreiches Schauspiel. © Amadis Brugnoni

So präsentiert sich die Pest auf der Bühne mal finster-bedrohlich, mit knurrender oder amüsiert-arroganter Stimme, dann wieder brachial, Befehle gellend und von einer erschreckenden Direktheit. Dass diese Varianz glaubwürdig gelingt, ist dem intensiven Training der beiden Regisseure wie auch dem Talent der Schauspielerin Lesley Löw zu verdanken. Auch die beiden Sekretärinnen (Jasmin Rindlisbacher und Laurence Sauter), auf den ersten Blick seelenlose Apparate, welche ohne Skrupel aus Menschen Zahlen machen und Eliminierungen vornehmen, erhöhen den Gänsehautfaktor bedeutend.

Korruption und Hoffnung

All dies beurteile ich dieses Mal aus dem Hintergrund, denn bis auf wenige Gelegenheiten konnte ich die bisherigen Aufführungen und Proben aus offensichtlichen Gründen nicht selbst sehen. Doch das Wechselspiel von menschlicher Korruption und unmenschlicher Diktatur funktioniert – als Herold ist es mir vergönnt, sowohl das alte wie auch das neue Regime zu vertreten. In meiner Rolle rufe ich Ankündigungen aus, und während der Gouverneur von Arcadia den Armen keinerlei Beachtung schenkt, muss ich als Sprechrohr der Pest nach der Machtübernahme den Stadtbewohnern klarmachen, dass nun niemand mehr unschuldig ist und alle verdächtig sind.

Camus’ Absurdität blitzt in dem sinnlosen Paragrafenwald auf, den das neue Regime errichtet und der die Menschen von Arcadia einer herzlosen Bürokratie aussetzt. Hier ist der stärkste Charakter Nada (Yüksel Lee Esen), eine Frau, die wörtlich an Nichts glaubt, sich aber dennoch (oder gerade deswegen) in der Diktatur als Handlanger nach oben arbeitet. Mit weniger Verbitterung könnte sie die leise Stimme der Vernunft im Stück sein, als Trinkerin und Obdachlose ist sie sarkastische Kommentatorin, welche am Ende sich selbst reuig den Spiegel der Wahrheit vorhält.

Einzig die Liebesgeschichte ist (wieder einmal) teils kitschig und zu lang – das Schicksal der zwei Liebenden Diego (Theodor Hall) und Victoria (Sophie Ammann) wirkt in den besten Momenten durchaus mitreissend und zeigt die Hoffnung, welche in Arcadia niemals ganz erlischt, aber etwas weniger wäre vielleicht doch etwas mehr gewesen. Der junge Arzt Diego ist ganz klar der Held von «State of Siege», wie schon in Camus’ Roman «Die Pest» der Charakter Rieux. In beiden Werken werden Diktatur und Panik ebenso wie das (personifizierte oder persönliche) Böse kritisch reflektiert, in «State of Siege» mit deutlicher Anspielung auf den Spanischen Bürgerkrieg wie auch auf das Vichy-Regime in Frankreich.

Zwischen Hoffnung und Angst: Die Dorfbewohner von Arcadia.

Zwischen Hoffnung und Angst: Die Dorfbewohner von Arcadia. © Amadis Brugnoni

Das Gefühl, während einer Aufführung hinter der Bühne zu sitzen, auf seinen Einsatz zu warten oder den Dialogen zu lauschen, bietet eine gänzlich andere Perspektive aufs Theater. In der Pause ist man hautnah in Kontakt mit Schauspielern und realisiert immer wieder, dass man selber ja auch einer ist. Der Zusammenhalt ist gross, kränkelnde Mitglieder werden liebevoll umsorgt, verschwundene Requisiten gemeinsam gesucht – und diese Gemeinsamkeit wirkt sich auch auf das Zusammenspiel auf der Bühne aus.

Es mag unprofessionell sein, als Mitwirkender ein Theaterstück zu empfehlen; ich tue es trotzdem. «State of Siege» ist ein unangenehmes, unbequemes und gerade deshalb ein umso wichtigeres Stück – gegenwärtige Echos von Willkür und Ungerechtigkeit finden sich in den Ereignissen um Ferguson in den USA und im Skandal der verschwundenen Studenten in Mexiko. Der Schlussapplaus nach unseren Aufführungen kommt daher manchmal zögerlich, dann aber umso begeisterter.

«State of Siege» im Englischen Seminar an der Universität Basel, Nadelberg 6
Weitere Aufführungen am 3., 4., 8., 9., 12. und 13. Dezember
Preis: CHF 20.- regulär, 15.- Studenten/AHV/IV
Reservationen unter www.gaybeggars.ch

 

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