Tanz den Geheimagenten – Anton Corbijns «A Most Wanted Man»

Anton Corbin erweist sich auch mit seinem neuen Film – der auf einem Roman von John Le Carré basiert – als prononciert europäischer Regisseur. Philip Seymour Hoffman brilliert in seiner letzten Rolle als Agent Günther Bachmann.

Der deutsche Agent Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) ist auf einer heissen Spur. Einerseits hat er den russisch-tschetschenischen Flüchtling und Konvertiten Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) auf dem Kieker, andererseits versucht er, eine mysteriöse Reederei, der Verbindungen zu Al Qaida nachgesagt werden, auszuheben. Unterstützt wird er dabei von einem loyalen Team – doch sowohl seine Vorgesetzten als auch die US-Botschaft sind eher unzufrieden mit dem ihrer Meinung nach zu zaghaften Vorgehen Bachmanns. Doch Bachmann gibt nicht auf und mit der Hilfe der Anwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) will er neue Erkenntnisse gewinnen. Doch Richter will eigentlich nur eines: dem Flüchtling Issa zu seinem Recht verhelfen…

Philip Seymour Hoffmans letzter Auftritt. (Bild: zVg)

Philip Seymour Hoffmans letzter Auftritt. (Bild: zVg)

Anton Corbijn ist ein Mysterium. Dass er «Control», einen Musikfilm und Biopic in Schwarzweiss inszenierte, war ja keine allzu grosse Überraschung – schliesslich begann der niederländische Fotograf seine Karriere im audiovisuellen Bereich mit sehr erfolgreichen Videoclips, u.a. auch für Herbert Grönemeyer, von dem die Filmmusik zu «A Most Wanted Man» stammt. Doch bereits sein Zweitling «The American» mit George Clooney warf mehr Fragen auf und wusste (zumindest auf den ersten Blick) nicht wirklich zu überzeugen. Mit seiner Le-Carré-Verfilmung «A Most Wanted Man» hat sich Corbijn nun sicherlich einem konventionelleren Projekt zugewandt – und der Film ist denn auch durchaus gelungen, vermag er doch ein aktuelles und kontroverses Thema auf eine nie populistisch wirkende Weise näherzubringen. Der Konflikt zwischen Russland und Tschetschenien, zwischen West und Ost, der zwischen Kolonialismus und Widerstand zerrissene Issa (sein Vater ein russischer General, seine Mutter eine vergewaltigte minderjährige Tschetschenin), der islamische Geistliche, der Gutes tun will, aber damit vielleicht auch – vielleicht auch wissentlich? – terroristische Aktivitäten finanziert, der deutsche Geheimagent, der allen helfen will, dies aber natürlich nicht schafft, nicht schaffen kann: diese (und andere) sind alles gut gezeichnete Figuren, die verschiedene Dilemmata unserer Zeit in kräftigen Farben darstellen. Und wenn im Nachtclub «Tanz den Mussolini» der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft läuft, dann verweist Corbijn nicht zuletzt auf die deutsche Geschichte und erzählt somit nicht nur eine echt europäisch, sondern eine echt deutsche Geschichte. Dass Mohammed Atta seine Untaten in Hamburg planen konnte, darauf verweist der Film ganz am Anfang. Aber ob der Konvertit Issa Karpov wirklich sein Nachfolger sein könnte? Corbijns Film weiss es nicht, sondern zeigt eher auf, wie wenig wir wissen und wie beschränkt unsere Handlungsmöglichkeiten sind.

«A Most Wanted Man». UK/USA/Deutschland 2014. Regie: Anton Corbijn.  Mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Willem Dafoe, Hamayoun Ersadi, Nina Hoss, Daniel Brühl u.a. Deutschschweizer Kinostart: 11.12.2014.


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