Granada Grischun – Prosa von Romana Ganzoni

In ihrer Geschichte «Granada Grischun» führt uns Romana Ganzoni von mitten in den Bergen nach mitten in den Bergen. Mit neun Fotografien von Gregor Szyndler.

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Mein Vater konnte tanzen wie ein Gott, aber nur, wenn er Öl am Hut hatte. Das schmierte seine Bewegung, und dann passte er plötzlich zu meiner Mutter, die keine Göttin werden musste, um zu tanzen wie der Lumpen am Stecken. Es war ihr gegeben. Sie waren ein Paar wie die Faust und das Auge, und dann gute Nacht um fünf. Sie verschwanden zusammen, auch am frühen Abend, schlugen sich in die Büsche, krochen lange nicht mehr an Bord des Betriebs, wie aus der Flora gepflückt und vom Erdboden verschluckt. Und irgendwann kamen sie wieder auf die Welt – mit vier Kindern und einem heftigen Kater.

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Mein Vater sagte dazu: diffuse Kopfschmerzen. Das komme von den Kartoffeln. Und die Mutter drückte ihm den Staubsauger in die Hand und sagte: Auf den Knopf da drücken und tun, was zu tun ist. Er tat es nicht. Ich bin ein Bündner Steinbock, meine Vorfahren waren Söldner, ich bin ein Mann der Harpunen, saugen tu ich nicht. Meine Mutter schrie und tobte, dann ging sie ins Kino, sie liebte Vampirfilme, und wir Kinder assen fünf Tafeln Milchschokolade zum Znacht.

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Die Welt war rund, und rund war in Ordnung. Die Mutter kam wieder nach Hause und verküsste den Vater, aber der hatte genug. Sie hatte den Karren überladen, die Fuhr überkarrt. Den Bogen überspannt. Und du hast ihn unterspannt, ich bin ein Tsunami und du ein tropfender Wasserhahn, sagte die Mutter. Kein Hahn kräht danach, kannst deine Brötchen selber backen, sagte der Vater. Ich träume schon lange von Granada, ich habe noch eine Rechnung offen, und da gehe ich jetzt hin, denn ich will keine Kakaobrocken mehr am Morgen. Der Vater hatte schon den Mantel an. Dann geh doch, geh hin und scheitere ohne Stil, sagte die Mutter und hielt ihm die Türe auf. Die Kinder wussten, er würde wiederkommen, schon bald, aber sie liessen ihre infantilen Eltern gewähren und wendeten sich stattdessen dem Schachspiel zu und ihren metaphysischen Problemen.

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Der Vater stand am Bahnhof und beschloss, sofort mit dem Rauchen anzufangen. Er hatte nie geraucht und auch sonst fast nichts vom Leben gehabt. Dass er das Portemonnaie zu Hause vergessen hatte, schmerzte ihn sehr. Hier stand er wie der Esel am Berg und träumte, was Esel so träumen: Man weiss es nicht.

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Einmal war er ein Hengst gewesen. Es war in Davos. Winter. 1958. Der Vater dachte wohlwollend an sein junges Ich, ein Walser-Grind und Modellathlet, rotzfrech und ohne Fremdsprachenkenntnisse, der mit den anderen Lehrlingen versuchte, tote Mäuse mit Elektroschocks wiederzubeleben, der glühende Münzen auf die Strasse warf, den Zimthalbmond nochmals raufwürgte, um ihn ein zweites Mal zu essen, die Bremse des Velos selten betätigte, in Obstgärten flog, mit zwei gebrochenen Beinen in der «Grischa»-Bar rumhängte und Milch soff wie ein Kalb.

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Irgendwann war er wieder gesund und munter wie ein Fisch im Landwassertal. Schwimmen konnte er nicht. Und tanzen war nicht seine Passion, nicht einmal seine Stärke, sogar seine Schwäche. Er zählte die Schritte mit, schwitzte und zerdrückte dem Anneli die Hand. Ausser, er hatte Öl am Hut. Er brauchte nur ein paar Tropfen davon, weil er ja sonst mit Milch lief. Man ging zu Tanz, und er wollte das auch.

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Da sass die Schöne. Eine dunkle Olala mit allem Drum und Dran. Das Geraune ging herum, es sei nicht nur eine Olala, sie sei eine von den Olé-Olés. Ein Granatapfel, eine Flamencodohle. Sie schlug die Flügel auf, es klang mindestens wie ein dreifaches R, ein schöner herber Engel. Sie wies jeden kühl ab, der artig um den Walzer bat. Kein Wort Deutsch könne die, nicht einmal Dialekt.

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Mein Vater nahm Anlauf und glitt auf den Knien über den Bretterboden, die Welt gefror, er glitt und glitt im Glanz des Muts, um kurz vor dem spitzen spanischen Knie scharf abzubremsen wie auf der Skipiste, er reckte das Kinn und sagte nichts. Er fasste sie bei der Hand, und sie stand auf. Die Unterkiefer der dreissig Lehrlinge und zwei Gymnasiasten klappten nach unten mit dem typischen Geräusch des Schocks: Totenstille.

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Nun fing die Musik an, das Trio Handörgeli hatte Stielaugen, sie hatte Augen wie Kohlen und mein Vater war Glut, er fasste sie um die Wespentaille, er dachte an den Sonnenaufgang auf dem Flüela-Pass und zog sie mit Älplerschritt in die Mitte des Tanzbodens. Nach einer Drehung ging ein Ruck durch sie, als schlage ihre sanguinische Hand einen rot-schwarzen Fächer zu. Sie liess ihn stehen und verschwand. Caramba! Die hatte ihn komplett missverstanden. Er musste sich erklären.

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Mein Vater stand am Bahnhof und hatte nicht einmal Zigaretten. Es muss ja nicht immer Granada sein. In Grenchen war er auch noch nie gewesen. Da meldete sich der kleine Durst. Vielleicht auf einen Grappa an den Stammtisch im Sporthotel? Der Fritz brachte ihm garantiert auch heute das XL-Cordon-Bleu auf Pump.

Romana Ganzoni, geboren vor dem Zvieri. Es war ein Dienstag. Es war April und Scuol. 1967. Der Kopf zwetschgenblau. Später Matura in Ftan et cetera. Sie nahm 2014 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil. Fährt Subaru Justy (Grau Metallic). Sie arbeitet sie an ihrem Roman. Erzählungen gibt es schon. Romana Ganzoni schreibt regelmässig für «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012».

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