Untier Mensch – Roy Anderssons «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence»

Schwarzer Humor trifft in Anderssons drittem Film seiner Trilogie über die menschliche Natur auf den schwarzen Holocaust, der ja eigentlich ein europäischer war. Ein ebenso witziges wie erschreckendes Meisterwerk der Filmkunst.

Zwei Schweden namens Sam und Jonathan sind ihrer Heimat unterwegs und verkaufen Scherzartikel. Dabei versuchen sie, ihnen geschuldetes Geld einzutreiben. Doch auch sie selber haben Schulden … der Blick wechselt dabei immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit oder lässt die Grenzen zwischen Jetztzeit und Geschichte ganz  verfliessen:  der missglückte Feldzug von Karl dem Zwölften gegen Russland; die Sklaverei, Tierversuche – kurz und schlecht: Verbrechen gegen Mensch und Tier.

Die westliche Zivilisation weiss sich zu behaupten. (Bild: zVg)

Die westliche Zivilisation weiss sich zu behaupten. (Bild: zVg)

«A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence» ist der letzte und dritte Teil von Roy Anderssons Trilogie über die menschliche Natur. So witzig der Film ist, so ist er auch doch ein erschreckendes Dokument. Die Sklaverei wird zwar nur in einer ziemlich kurzen Szene abgehandelt, und doch bringt Andersson hier Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Der in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Film ist ein grossartiges Werk, das aber nicht in erster Linie eine Geschichte erzählt (anders als konventionellere Filmwerke), sondern vor allem oft auch scheinbar völlig unzusammenhängende Szenen aus dem Leben und dem Tod von scheinbar völlig unwichtigen Menschen. Karl XII ist wohl der einzige «Prominente» – dies vielleicht auch eine versteckte Kritik am (post-)modernen Promikult. Karl XII und seine Reden sind dabei auch eine klare Absage des Filmemachers an Chauvinismus und Krieg – bezeichnenderweise müssen die Frauen das Lokal verlassen, damit der König und seine Mannen ungestört sind.

Besonders kryptisch (aber doch auch sehr vielsagend) ist die Szene, in der Roy Andersson den sogenannten «Black Holocaust» (Maafa) abhandelt. Sie folgt auf eine ganz banale und eher beiläufige Szene der Tortur eines Affen; was auch auf die Enthumanisierung afrikanischer Menschen durch die Europäer verweist. Die schwarzafrikanischen Sklaven werden von britischen Folterknechten in einen Graben oder ein Ungetüm aus Metall getrieben. Was genau da passiert, ist unklar, klar aber ist, dass die Menschen in den sicheren Tod getrieben werden, während eine vornehme Gesellschaft das Spektakel beobachtet. Und nicht zu vergessen: das metallene Ungetüm ist mit Boliden beschrieben, was zweifellos auf eine schwedische Firma verweist. Andersson kritisiert also nicht einfach die anderen, britischen Kolonialisten. Nicht zuletzt dieser scharfe postkolonialistische Blick ist es, den Anderssons aktuellen Film auszeichnet.

«En duva satt på en gren och funderade på tillvaron». Schweden/Deutschland/Norwegen/Frankreich 2014. Regie: Roy Andersson.  Mit Holger Andersson, Nils Westblom, Charlotta Larsson, Viktor Gyllenberg, Lotti Törnros u.a. Deutschschweizer Kinostart: 15.1.2015.


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