An guten und an schlechten Tagen – Rezension zu «Exot #17»

Unser Autor Dominik Riedo liest, worüber er schreibt, nicht nur an guten Tagen. Sondern auch an schlechten. Drüber schreiben tut er an beiden. – Eine Rezension zur Zeitschrift «Exot #17: Schweiz-Spezial».

17-Cover

… finden Sie das komisch: «Der Holocaust wäre mit weniger Pathos und Radau durchgeführt worden, wenn man die langsamen aber präzisen Schweizer rangelassen hätte.» Komisch lustig oder komisch seltsam oder komisch was …?

 

von Dominik Riedo

1. An einem guten Tag

Das Beste ist: Von Endo Anaconda ist nichts mit dabei!

In meinen Händen halte ich «EXOT 17», die siebzehnte Ausgabe dieser «Zeitschrift für komische Literatur» aus Bonn. Es ist das erste «Sonderheft», wie Mitherausgeber Anselm Neft in seinem Vorwort betont, und widmet sich … oho: dem kleinen Ländchen im Süden von Deutschland! «Schweiz Spezial», steht auf dem Cover, und man fühlt sich als Schweizer Schriftsteller es bitzeli seltsam dabei, dass das eigene Land die erste Sondernummer einer Zeitschrift für Komik sein darf – mit Schweizer Beiträgen von Gion Mathias Cavelty bis Guy Krneta.

Aber horcht man dem darüber hinaus Gefühlten dann nach, freut es einen doch, dass sich jemand heutzutage noch die Mühe macht, eine literarische Zeitschrift (in gedruckter Form) überhaupt herauszugeben: immense Arbeit! Die Leserin und der Leser ahnen davon nichts und schnuppern in den 128 Seiten mit nettem Bildmaterial … vom Cover bis hin zur Werbung für das Satiremagazin «Titanic» auf dem Buchrücken.

«Exot-isch»: Ich kannte die Zeitschrift bisher nicht, ich schritt unvoreingenommen zur Lektüre. Und sie reisst mich bei solchen Textstellen eines Geiz-Kanons mit, die man am besten allen Der-Schweizer-unterstützt-das-Gewerbe-des-Schweizers=Politikern unter die Nase reiben sollte: «Von fern dringt bereits das dumpfe, geistlose Dröhnen der anstürmenden Massen durch die Gänge. ‹Ischt das güüüüüünschtiiiiiig … biiiii uns choscht das das dooooppelteeeee …› […] Als die erste Welle Schweizer über uns rollt, sind die Verluste immens. Noch in der ersten Stunde verlieren wir Roland S., den dienstältesten Kühlregalauffüller […]. Kameradin Ingrid P. fällt, als sie zwischen das Tschibo-Regal und eine anstürmende Busladung Nidwaldner Jurastudenten gerät, die es auf sagenhaft günstige Neopren-Ipad-Taschen abgesehen haben. […] Wo ist Gott in solchen Stunden? Denke ich verbittert. Meine schweifenden Gedanken werden mir fast zum Verhängnis: Unter der wehenden Fahne das Aargaus prescht ein übervoll mit Windeln beladener Wagen von links zwischen den Regalen hervor (‹Rabaaaatte!!!›), ich rolle mich gerade noch beiseite.»

Solche Beiträge lese ich gerne, ganz ehrlech. Wie das Gedicht, das so beginnt: «Da ist ein Land, im Süden fern, / aufgeschüttet rund um Bern, / dieses Land ist echt der Burner, / in diesem Land wohnt Tina Turner, / der Udo Jürgens wohnt gegenüber, / Phil Collins wohnt ein Stockwerk drüber, / vielleicht kommt auch Madonna bald – / noch fühlt sie sich nicht richtig alt.» – Auch wenn es vom Handwerklichen her einiges zu bemängeln gäbe. Man lacht aber drüber hinweg.

2. An einem schlechten Tag

Handumkehrt: Meine Güte, was soll denn das? Eine Bonner Literaturzeitschrift, die ein «Sonderheft» zur Schweiz veröffentlicht: Weil vor allem Schweizer Autorinnen und Autoren mittun? – Von den 48 Beitragenden (Text und Bild) sind anhand der Autorenangaben neun Schweizer. Vielleicht, denkt man dann, beschäftigen sich die anderen 39 wenigstens intensiv mit der Schweiz oder dem Schweiz-Sein (zum Beispiel mit der kleinmiefigen Art, wie ein ehemaliger Kulturminister der Schweiz eine Rezension schreibt). Doch weit gefehlt, gopferdammi (obwohl der ja gar nicht da ist): Man könnte in etlichen Texten «Schweizer» oder «Schweiz» einfach ersetzen durch «Österreicher» oder «Österreich». Was auch etwas heissen mag, aber kaum geplant war. Doch selbst diese Beiträge sind gar nicht so zahlreich. Es macht den Anschein, dass wohl etwas zu oft auf die Weisheit des Vorworts vorzurückgegriffen wurde, man habe das Heft nicht «überschweizern» wollen. Aber ein «Sonderheft» Schweiz zu machen, ohne es zu «überschweizern», das fällt vermutlich nur jemandem ein, der beim Hornussen einen Nouss an die Kohl-sche Birne bekommen hat. Odr?

Um aber auf die neun Beiträge von Schweizern zurückzukommen: Die bekannteren Namen haben vermutlich ihre digitalen Schublädchen geleert: Gion Mathias Cavelty ist postpostsupermoderncool («Ich überspringe jetzt 780 Seiten: Malibu, die Häuptlingstochter aus St. Moritz, hatte sich für das Fest des grossen Dorfgottes Trubahori fein herausgeputzt.» Et cetera pp.). Laura de Wecks Text gibt sich als eine Art Miniatur-Verschnitt von Michail Schischkins vielerorts gelobtem «Venushaar». Andere Beiträge sind solide gemacht, etwa von Guy Krneta (dessen Text aus dem Berndeutschen ins Standarddeutsche übertragen wurde von Ursina Greuel, die – da sie bei den Angaben der Beitragenden fehlt – die Zahl der Nicht-Schweizer-Autoren auf runde vierzig von 49 erhöht) oder Gregor Szyndler (dessen Vignetten das Thema des Sonderhefts spielerisch ignorieren, Anm. d. Red). Weitere, wie von Michel Mettler, bedienen sich starken Anklängen bei Hermann Burger. Dafür gibt es über Letzteren einen huere klugen Essay von Lino Wirag.

Und um auf die Beiträge zurückzukommen, die sich mit der Schweiz befassen wollen … finden Sie das komisch: «Der Holocaust wäre mit weniger Pathos und Radau durchgeführt worden, wenn man die langsamen aber präzisen Schweizer rangelassen hätte.» Komisch lustig oder komisch seltsam oder komisch was …?

Die Herausgeber, oder aber die Deutschen scheinen sowieso einen anderen Begriff von «komisch» zu haben: «Friedrich ‹Fritz› Dürrenmatt […] vernuschelte […] [seinen] ohnehin wenig komischen Texte beim Channeln.» Hat doch der alte Fritz mit «Winterkrieg in Tibet» einen der nun wirklich komischsten Texte auch über die Schweiz geschrieben, von dessen bergehoch herausragender Qualität in «EXOT 17» keine Rede sein kann.

So halte ich mich persönlich, was Zeitschriftensondernummern über die Schweiz betrifft, lieber an die beiden Produkte aus dem Hause Haffmans selig, den «Schweizer Raben» von 1992 bzw. den «jungen Schweizer Raben» von 1998, wo nur schon eine Geschichte von Daniel de Roulet mehr Hintersinn bereithält als alle in «EXOT 17». Andere Nummern mögen besser gewesen sein, Nummer 1 bis 16, ist zu hoffen, denn diese, Nummer 17, hat nicht viele Qualitäten.

Warum ich als Schriftsteller bei ‹EXOT› trotzdem mal Texte einreichen werde? – Weil von Endo Anaconda zum Glück nichts mit dabei ist.

Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von «Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie» in Bern. Siebzehn Buchveröffentlichungen.

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