Zitat der Woche: Karl Valentin, Der Regen

Zur Vorbereitung auf den April und als Reflexion des verregneten Wochenendes zitiert «Zeitnah» an diesem Sonntag einen Klassiker: Karl Valentins wunderbar unernste Abhandlung über den Regen.

Kabarettist und Schauspieler Karl Valentin setzte sich kritisch-ironisch mit dem Regen auseinander. zVg

Kabarettist und Schauspieler Karl Valentin setzte sich kritisch-ironisch mit dem Regen auseinander. zVg

Von Daniel Lüthi

Regen ist ein binäres Phänomen, könnte man meinen. Ein klarer Gegensatz zwischen drinnen und draussen, zwischen gemütlichem Aussitzen und genervtem Ertragen herrscht vor. Dabei ist Regen so vielfältig und unberechenbar wie die Wolken, aus denen er fällt: Ein plötzlicher Platzregen etwa, der nicht nur die Sicht, sondern auch sämtliche Geräusche mit seinem dröhnenden Niederschlag verwischt. Oder die andere Seite des Spektrums, ein (oft in Schottland vorkommender) Nieselregen, der wie Nebel in der Luft hängt, fast unsichtbar, wenn nicht langsam die Kleidung nass würde. Manchmal regnet es in Intervallen, heftig mit Wind, dann wieder ruhig und beschaulich. Je nach Intensität trifft man sogar Spaziergänger an, die pfützenzählend oder rinnsalfolgend den Regen beobachten.

Einer dieser Regenbeschauer war der berühmte Kabarettist und Schauspieler Karl Valentin. In einem seiner kleineren Texte bespricht er das Naturschauspiel Regen kritisch und wie immer ironisch. Offen bleibt, ob er dafür Feldstudien mit Schirm und Notizblock betrieb oder das Geschehen doch lieber von der warmen Schreibstube aus betrachtete. Jedenfalls verteufelt er den Regen in keinster Weise, sondern stellt Vermutungen an, bietet Gedanken zum Regenwurm und Giesskannenregen, doch die schönste Anekdote ist seine Besorgnis über Wolkenbrüche:

Das Regenwetter wird oft mit Sauwetter, Hundswetter betitelt. Die Theater-, Kino- und Kaffeehausbesitzer haben derlei Ausdrücke noch nie über ihre Lippen gebracht. Heftige Regengüsse nennt man Wolkenbrüche; damit ist gemeint, dass irgendeine Wolke so schwer mit Wasser gefüllt ist, dass sie bricht, welchen Vorgang man beim menschlichen Biermagen mit Katzenjammer bezeichnet. Gegenmassnahmen zur Heilung von Wolkenbrüchen sind zur Zeit noch nicht gemacht worden, da Wolkenbruchbänder der grossen Dimension halber noch nicht hergestellt werden können, und zwar aus technischen Gründen.

Ein Wolkenbruch muss noch keine Katastrophe sein, doch ist dies auch kein Grund, den Wolken gleich Böses zu wünschen. Und wie dieser April auch werden mag, mit Karl Valentin wird nicht nur der Regen schöner. Ob drinnen oder draussen.

 

Quelle: Valentin, Karl: Buchbinder Wanninger. Sprachclownerien und Grotesken. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., 1993.

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