Joghurt für das Volk – Patrice Lecontes «Une heure de tranquillité»

Patrice Lecontes Theaterverfilmung kommt sehr konventionell daher und wird daher vor allem auch eher sporadischen Kinogängern gefallen.

Michel Leproux (Christian Clavier) findet eine ultrarare LP – und freut sich schon, diese in seine riesigen Wohnzimmer – ausgestattet mit ultraguten Boxen – anzuhören. Doch immer kommt wieder etwas dazwischen: angeblich polnische Handwerker, die das Zimmer des Sohnemanns abreissen sollen. Die Haushälterin (Rossy de Palma), die ihren Schnupfen nicht in den Griff kriegen will. Der Sohn (Sébastien Castro), der im Estrich philippinische Flüchtlinge einquartieren will. Und last but not least die Mätresse (Valérie Bonneton) und die Ehefrau (Carole Bouquet), die beide ihre Untreue gestehen wollen…

Christian Clavier als Michel Leproux mit dem dunklen Objekt seiner Begierde. (Bild: zVg)

Christian Clavier als Michel Leproux mit dem dunklen Objekt seiner Begierde. (Bild: zVg)

Am besten vergleichbar ist «Une heure de tranquillité» mit «Monsieur Claude» bzw. «Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?»: es handelt sich um Unterhaltung für ein breiteres Publikum, und auch diesmal gehen einige der typisch französischen Witze wohl verloren, da polnische Handwerker oder portugiesische und spanische Bedienstete hierzulande (bzw. zumindest in der Deutschschweiz)  einfach nicht dieselben (humoristischen) Implikationen versprechen wie in unserem westlichen Nachbarland. Dabei handelt es sich weniger um sprachliche, sondern vielmehr um kulturelle Elemente. Völlig unklar ist aber, woher der Autor der Vorlage Florian Zeller (ebenfalls Ko-Autor des Drehbuchs) die Idee mit den philippinischen Flüchtlingen hat. Auch aus der Audiophilie und Mélomanie des Protagonisten macht der Film wenig, was nur dadurch zu erklären ist, dass Leconte und Zeller selber nur wenig von der Sache verstehen. Oder wollen sie die Thematik so für ein breiteres Publikum aufarbeiten?

Wie gesagt – und dies, obwohl es sich bei Zeller offenbar um einen renommierten Autoren handelt: «Une heure de tranquillité» ist durchaus vergleichbar mit «Qu’est ce-qu’on a fait au Bon Dieu?»; auch wenn der Film sicher mehr sein will als nur eine Mainstream-Komödie. Dazu passt auch, dass der misanthropische Leproux am Schluss plötzlich eine menschliche Seite an sich entdeckt (dank eines Flüchtlingskindes) und seinen Vater besucht. Ganz ähnlich wie in «Solaris», wo es am Schluss auch zu einer Wiedervereinigung mit dem Vater kommt (ich beziehe mich hier Slavoj Zizeks Interpretation in Sophie Fiennes’ «A Pervert’s Guide to the Cinema»). Die störenden Geräusche der Frauen, der Portugiesen, der spanischen Bediensteten sind hier alle nicht mehr zu hören – nur noch die Musik von Niel Youart (es handelt sich hier um ein Anagramm von «lien yaourt»); und selbst der demente Vater hat nicht mehr viel zu sagen. So ist der Film im Grunde genommen wie der erfundene Musiker Neil Youart ein «lien yaourt», ein Joghurt-Ort, den es nicht wirklich gibt – oder anders ausgedrückt: den es nur in der Fiktion gibt. Ein letztlich allzu vorhersehbarer Film bzw Stoff ist es, den Leconte,  der ja durchaus auch subtilere Filme machen kann, hier vorlegt – man denke etwa an die abgründige schwarze Komödie «Tango»!  Zugegeben: ein Film für ein breiteres Publikum muss eben in der Regel beschönigen, verschleiern und mystifizieren. Insofern ist Lecontes neuer Streifen sicherlich auch gelungen.

 «Une heure de tranquillité».  Frankreich 2014. Regie: Patrice Leconte . Mit Christian Clavier, Rossy De Palma, Carole Bouquet, Valérie Bonneton u.a. Deutschschweizer Kinostart: 9.4.2015.

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