Twix-Philosophie – Jean-Paul Rouves «Les Souvenirs»

Jean-Paul Rouves Literaturverfilmung – das Drehbuch hat er zusammen mit David Foenkinos geschrieben – ist zwar etwas überfüllt und wirkt teilweise etwas bemüht, weiss aber doch ganz passabel zu unterhalten.

Romain Esnard (Mathieu Spinosi) hat grad einen neuen Job gefunden – in einem Hotel darf er an der Réception die Nachtschicht übernehmen. Gleichzeitig wird sein Vater Michel (Michel Blanc) pensioniert, und bald schon muss die Grossmutter (Annie Cordy) in ein Altersheim. Mutter Nathalie (Chantal Lauby) hat wiederum ganz andere Pläne, in denen der Rest der Familie kaum eine Rolle spielt…

Romain (Mathieur Spinosi) und seine geliebte Grossmutter (Annie Cordy). (Bild: zVg)

Romain (Mathieu Spinosi) und seine geliebte Grossmutter (Annie Cordy). (Bild: zVg)

Jean-Paul Rouve verfilmt mit «Les Souvenirs» einen Roman von David Foenkinos. Dieser hat das Drehbuch zusammen mit Rouve verfasst. Den literarischen Background merkt man dem etwas überfüllten Streifen wohl an. Schlecht ist der konventionell gemachte Film deshalb aber nicht. Irritierend wirkt vielmehr der arabische Secondo, der nicht mehr arabisch spricht und den antisemitischen Drieu la Rochelle liest – allerdings wohl nur, um den Frauen zu imponieren. Ein Intellektueller ist aber nicht, im Gegensatz wohl zum blütenweissen Romain. Allerdings ist wohl auch dessen Intellektualismus gebrochen. Problematisch ist aber trotzdem, dass hier der Beur als Witzfigur herhalten muss, ähnlich wie in «Le fabuleux destin d’Amélie Poulain» und «Chacun cherche son chat». Frankreichs Mittelklasse hat eben ein Problem mit den Franzosen nordafrikanischer Herkunft – selbst wenn sie Drieu la Rochelle lesen und nur noch Französisch reden wie Karim (William Lebghil). Kein Wunder, dass Dany Boon seinen Nachnamen durch ein Pseudonym ersetzt hat – in Filmen wie «Bienvenue chez les Ch‘tis» spielen denn auch die nordafrikanischen Wurzeln seines Vaters keine Rolle; dafür ist der Film nicht zuletzt eine Hommage an die Heimat seiner Mutter.

Bei Dany Boon kommt so sicher auch die ganz spezifische Geschichte seiner Familie zum Ausdruck; aber ob Jean-Paul Rouve und David Foenkinos eine derartige Ausrede haben? An einer Stelle fragt Karim auch eine junge Französin, woher denn der Name Stéphanie komme. Das sei doch französisch, meint sie. Sie hat im Grunde ebenso wenig zu sagen wie Karim. Und Romain? Hat er wirklich etwas zu sagen? Praktisch-philosophische Tipps für das Leben holt er sich im Tankstellenshop, und zusammen mit seiner Grossmutter bewundert er – ironisch gebrochen – die völlig misslungenen Bilder eines Hobbymalers. Gerade durch diese ironische Brechung gewinnt der Film sicherlich. Aber gleichzeitig verliert er auch und viele der Witze sind nicht so witzig, wie sie sein wollen. Ob das im Roman besser funktioniert?

«Les souvenirs». Frankreich 2015. Regie: Jean-Paul Rouve. Mit Michel Blanc, Annie Cordy, Mathieu Spinosi, Chantal Lauby, u.a. Deutschschweizer Kinostart am 7.5.2015.

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