gesichtet #106: Kängurus, Buffing und Meta-Graffiti

Von Michel Schultheiss

Dass Graffitikunst in Basel kein Mauerblümchendasein fristet, dürfte wohl bekannt sein. Schon alleine die weit über die Stadt hinaus bekannte Line bei den Bahngeleisen spricht Bände. Auch ein Blick auf die Seite «Wandschmuck» bietet Einblick in das Schaffen aus dieser Szene.

Nun trifft man auch immer wieder auf Wandkunst, welche sich selbst zum Gegenstand hat. Eines der auffälligsten Beispiele dafür war etwa der seltsame Fassadendialog an der Lothringerstrasse, welcher bei manchem Passanten für ein Schmunzeln sorgte, jedoch mittlerweile verschwunden ist. Ob hier jemand ein Gespräch mit sich selbst als Kunstaktion inszeniert hat oder ob sich hier tatsächlich zwei Sprayer – mit oder ohne Ironie – über die Begrifflichkeiten beim Thema Gentrifizierung gestritten haben, bleibt weiterhin ein Geheimnis.

Vielleicht mag hier das Känguru von Marc-Uwe Kling mitgespielt haben. Im Kapitel «Die Korrekturen» aus dem «Känguru-Manifests» macht sich Klings ungewöhnlicher Mitbewohner daran, jedes Graffito im Quartier zu überprüfen. Inhaltliche Ungereimtheiten werden vom Känguru mit Rot überschmiert – oder eben korrigiert, wie es betont. Längst geht das Beuteltier auch in Basel um, so etwa im St. Johann und im Klybeck – just in den beiden Quartieren, wo zurzeit am heftigsten über die Stadtentwicklung debattiert wird. Auch zu diesem Thema äussert sich übrigens der Erzähler im Känguru-Manifest: «Letztens hatte ich den Gedanken, dass jeder, der das Wort Gentrifizierung kennt, Teil derselben ist». Vielleicht hätte dieses Zitat noch eine schöne Ergänzung zu jenem Dialog abgegeben, doch wie gesagt gibt’s den gar nicht mehr.

Kängurus

Marc-Uwe Klings Mitbewohner geistert auch im Klybeck rum (Foto: smi).

Genau um dieses Verschwinden dreht sich eine andere mögliche Metaebene der Sprayereien, die sich zurzeit bei der Baustelle für den neuen Kunstmuseum-Anbau ausmachen lässt. Schon bevor das Gebäude steht, wird schon mal auf der Infotafel eine freundliche Grussbotschaft hinterlassen. Adressat ist die Firma, die sich um den Graffitischutz zu kümmern hat.

Graffitischutz

Das wird die Firma aus Gerolswil freuen (Foto: smi).

Die Aktion ist wohl in der Verbannung der Sprayereien aus manchen Stadtteilen zu verorten: Die Sauberkeitshotline oder Projekte wie «Unverschmiert schön» der Stadtreinigung haben das Gesprayte in manchen Gegenden zu einem grossen Teil beseitigt – man denke an das Steinenbachgässlein. Manche Orte wurden ganz leergeschleckt, so etwa das Predigergässlein beim Totentanz, an anderen Ecken der Stadt konnten die Sprayer ihre Bastion halten, so etwa beim Trillengässlein oder im Durchgang zum Mülhauserweglein.

Wie im «Black Book Basel» von Silvio Meessen zu lesen ist, wirkt sich das so genannte «Buffings» auf entscheidend aus: Nicht selten kommt es zu einem Katz-und-Maus-Spiel mit den Sprayern, welches nicht entschieden ist und immer wieder neue Formen annimmt. Im «Black Book Basel» ist von einem regelrechten Kleinkrieg zwischen «Buffern» und Sprayern die Rede: Letztere schlagen manchmal mit einem absichtlich simpleren Stil zu, um zu zeigen, dass man noch immer vor Ort sind und sich nicht runterkriegen lassen.

Bei dieser Baustellentafel wird dieses Hickhack schon mal vorweggenommen: Der Erweiterungsbau des Kunstmuseums steht noch nicht. Das Terrain zwischen Graffitentfernern und Sprayern wird aber bereits jetzt bereits abgesteckt. Somit kann auch der Begriff «Graffitischutz» auf zwei ganz verschiedene Arten gelesen werden.

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