Das Monster und die Frau

Der Zweite Weltkrieg im Norden Schottlands, die Monstersuche von zwei amerikanischen Snobs und die Geschichte von Maddy Hyde, die entdeckt, dass ihr behütetes Leben eine Illusion war. In ihrem fünften Roman «At the Waters Edge» verwebt Sara Gruen Zeit- und Entwicklungsgeschichte und schafft eine monströse Metapher.

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Die Erzählerin aus North Carolina etabliert die High Society von Philadelphia liebevoll und deutet die Tyrannei von Maddies Schwiegervater und die Abgründe hinter dem Leichtsinn des Ehemanns präzise und sparsam an.

von Andy Strässle

Es beginnt mit drei Namen auf einem Grabstein. Sie erzählen von einer Fehlgeburt, einem Selbstmord und einem Tod, der keiner war. Die 46-jährige Amerikanerin Sara Gruen etabliert früh den rauen Norden Schottlands, bevor sie zum Ehepaar Hyde in die Neujahrsnacht nach Philadelphia zurückkehrt. Als Society-Löwen stehen Ellis und Maddie Hyde nur selten vor Mittag auf. Die Härte des schottischen Winters und das Donnergrollen des Krieges in Europa sind Welten weit weg, wenn Champagner und Whisky in den Salons strömen.

Vordergründig ist die Welt der Hydes in Ordnung, zusammen mit Freund Hank denken sie sich Streiche aus und leben ein unbeschwertes Leben. Die Erzählerin aus North Carolina etabliert die High Society von Philadelphia liebevoll und deutet die Tyrannei von Maddies Schwiegervater und die Abgründe hinter dem Leichtsinn des Ehemanns präzise und sparsam an.

Befeuert von Champagner denkt sich das Trio ein Abenteuer aus. Zu dritt wollen sie die Existenz des Ungeheuers von Loch Ness beweisen. Mit gefälschten Fotos hat nämlich Ellis’ Vater, der Colonel, Schande über die Familie gebracht und auch die feindlichen U-Boote sollen die jungen Leute nicht von ihrem Unterfangen abhalten. Als das Ehepaar am ersten Januar auf dem Anwesen der Eltern den Rausch ausschläft, klingelt immer wieder das Telefon. Beim Abendessen als sich Ellis einen ersten Drink genehmigt, kommt es zum Showdown, der damit endet, dass sich Maddie und Ellis mittellos in einem Hotel wiederfinden.

Nun erscheint das Abenteuer in Schottland unausweichlich. Der Sohn ist überzeugt, dass wenn er die Existenz des Monsters beweisen kann, ihm der Vater verzeihen wird und ihm weiterhin das Leben in Luxus finanziert. Freund Hank ist ebenfalls Feuer und Flamme für den Plan und obwohl Maddie gerne vorsichtiger wäre, kann sie nicht widerstehen, die dritte im Bunde zu sein.

Wie schon im Vorgänger «Ape House» und im verfilmten Roman «Water for Elephants» entwirft Gruen ein soziales Biotop. Ihr Blick ist präzise und wie der Zweite Weltkrieg etwa durch Maddies Seekrankheit greifbar wird, ist toll gemacht. Die Ankunft im Norden Schottlands während des Blackout reisst die Fronten weit auf. Die amerikanischen Gäste erwarten im Gasthaus alle Annehmlichkeiten und sind trotz der beschwerlichen Überfahrt nicht bereit auf ihre Privilegien zu verzichten.

Während die englische Ausgabe mit dem Layout von «At the Water Edge» einen gewissen Nicolas Sparks-Verdacht erwecken mag, ist Sara Gruens Werk poetisch geschrieben und das Drama entwickelt sich auf subtile und unausweichliche Weise. Nach ihren ersten beiden Büchern, in deren Zentrum das Zusammenleben mit Pferden stand, fand Gruen mit dem Zirkus-Roman «Water for Elephants» ihren Rhythmus. Der Kosmos des Zirkusgeschäfts anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts wird kritisch und spannend beleuchtet. Bei «Ape House» kommt das erste Mal dann eine absurde Note hinzu. Da hier Forscher zu Fernsehproduzenten werden und die Naturschützer, die die Affen entführen zu Stars.

Zurück zum Monster. Hank und Ellis werden sich am Ende selbst eins basteln. Schliesslich geht es ums Überleben. Gleichzeitig wird Maddie ihre eigene Biografie besser verstehen. Und ja, die Auflösung des Buches ist emotional und ist nicht ganz ohne Pathos. Und doch. Sara Gruen hat das Fantastische ihrer Geschichte mit historischer Realtität, Spannung und genauer Charakterzeichnung verbunden. Das ist eine Kunst.

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