gesichtet #110: Die grimmigen Wichte in der Breite

Von Michel Schultheiss

Durch die Vitrine grinsen sie die Passanten an. Im meist geschlossenen Laden sticht die bunte Schar voller bärtiger Gesellen mit Zipfelmützen aus dem dunklen Hintergrund hervor. Auch wenn die Gartenzwerge eigentlich naiv-fröhliche Gemüter sein sollten, kommt es, dass manche der Fratzen geradezu unheimlich durch die Scheiben starren. Ich muss zugeben, dass ich diese Spezies noch nie mochte: Als Wächter der Gärten neigen sie dazu, das Territorium von schlecht gelaunten Menschen abzustecken – solchen, die mit Gartenkralle drohen, sobald mal ein Ball versehentlich über den Zaun fliegt. Mit ihrem suspekten Grinsen haben sie zudem eine ähnlich diabolische Aura wie gewisse Schaufensterpuppen und Clowns.

gartenzwerge 2

Zwischen naiv-fröhlichem Naturell und diabolischer Dreistheit: Gartenzwerge in speziellen Laden in Basel (Foto: smi).

Trotzdem wagte ich mich in den Laden an der Zürcherstrasse 85 im Breite-Quartier, welcher den Namen «Mami’s Zwärge-Shop» trägt. Die Kollektion der Wichte ist in einem Geschäft für Funkgeräte untergebracht. Selten sind die Türen geöffnet: Bloss am Mittwochnachmittag ist der Zutritt möglich. Selbst dann wird auf den ersten Blick nicht ersichtlich, ob’s hinter den leblosen Zwergen und Funkgeräten auch einen Menschen gibt. Tatsächlich trifft man aber auf jemanden: Eine freundliche ältere Frau sitzt an einem Tisch und freut sich auf jeden Besuch, der sich für die Gartenzwerge interessiert. Gerne erzählt sie auch von ihren Schützlingen in Zipfelmützen. Dabei gibt es bei Kennern strenge Kriterien, wie ein echter Zwerg beschaffen sein muss: Wie die Verkäuferin betont sind alle Exemplare handgefertigt und aus Ton – mit Ausnahme von ein paar Kunststoffzwergen, die für Kinder bestimmt sind.

gartenzwerge 1

Weitere Bewohner von «Mami’s Zwärge-Shop» an der Zürcherstrasse (Foto: smi).

Die besagte Frau weiss, wovon sie spricht: Sie ist die Witwe von Fritz Friedmann. Ihr 2012 verstorbener Ehemann war einer der grössten Kenner der Gartenzwerge. Bisweilen als Original bezeichnet, verlieh sich den Titel als Professor der Nanologie. Mit seiner «Internationalen Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge (IVZSG)» setzte sich der ehemalige Journalist und Manor-Werbechef während zwei Jahrzehnten eisern für die Gnomen ein: Schutz der Gartenzwerge vor Kriminalität, Missbrauch in der Werbung und übler Nachrede waren seine Anliegen. Auch an der «Grün 80» hat «Prof. nan.» Fritz Friedmann mit einer Zwergenschar mitgewirkt. Als Herausgeber der «Gartenzwerg-Gazette» hielt er Zwergenfreunde über den «Forschungsstand» auf dem, ferner verfasste er ein Buch mit dem Titel «Zipfel auf!».

gartenzwerge 3

Die Figuren in «Mami’s Zwärge-Shop» sind nur die Spitze des Eisbergs. Wie seine Frau Alice Friedmann sagt, steht bei ihnen zuhause noch immer das Gartenzwerg-Museum: Im ehemaligen Kinderzimmer sind die Wichte in Vitrinen zu besichtigen. Sie hütet nun das Erbe der etwas anderen Art. Allerdings räumt Alice Friedmann ein, dass die Zwerge in letzter Zeit nicht mehr so gefragt sind wie auch schon. Nur noch wenige Leute kämen vorbei. Dabei hat sich das Prestige der Zwerge eigentlich verbessert: Was einst als Inbegriff des Kitsch galt, kann mittlerweile eben gerade deswegen unter einem ironischen Augenzwinkern als Schmuck in einer hippen Bar oder Studenten-WG dienen.

gartenzwerge 4

Einer der Zwerge, ein lila Exemplar hat zumindest einen Käufer gefunden. Ob es derselbe Zwerg ist, welcher zurzeit in der Stadt auf Plakaten zu sehen ist, weiss die Geschäftsführerin nicht. Das «Amt für Mobilität und die Verkehrsprävention» der Kantonspolizei wirbt nämlich momentan mit diesem Gnom: Er zeigt den Stinkefinger für einen guten Zweck – um der «Fairness im Strassenverkehr» willen. Vielleicht hat’s ja tatsächlich eine abschreckende Wirkung.

gartenzwerge 5

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.