Die Ideologie des IS als Droge – Marie-Castille Mention-Schaars «Le ciel attendra»

Der französischen Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar gelingt mit ihrem neuen Film ein überzeugender Einblick in das Leben junger Möchtegern-Dschihadistinnen, der letztlich auf eine Sinnkrise in West und Ost verweist.

Die 17-jährige Sonia (Noémie Merlant) ist überzeugt: sie muss in den Dschihad ziehen, um für ihre Familie einen Platz im Paradies zu reservieren. Auch der 16-jährigen Mélanie, die bei ihrer alleinerziehenden Mutter lebt, ist klar, dass sie DAESH, den sogenannten Islamischen Staat, unterstützen muss und in den heiligen Krieg ziehen muss…

Ist der Dialog zwischen fundamentalistischer Tochter und Mutter noch möglich? (Bild: zVg)

Ist der Dialog zwischen fundamentalistischer Tochter und Mutter noch möglich? (Bild: zVg)

Marie-Castille Mention-Schaar («Ma première fois», «Les héritiers») legt mit «Le ciel attendra» einen überzeugenden Film vor, in dem einfühlsam gezeigt wird, wie weibliche Teenager vom Islamischen Staat rekrutiert werden durch cleveres ideologisches Einseifen. Mention-Schaar hat das Drehbuch zusammen mit Emilie Frèche geschrieben; Dounia Bouzar, die sich gegen DAESH einsetzt, indem sie mit Eltern und Möchtegern-Dschihadistinnen redet – die Anthropologin leitet das le «Centre de prévention des dérives sectaires liées à l’Islam» (CPDSI) – spielt sich selbst. Auch Ko-Autorin Emilie Frèche engagiert sich gegen Rassismus und Antisemitismus: so hat sie u.a. ein Buch über den Tod von Ilan Halimi verfasst; den jüdischen Telemarketing-Agenten, der von Rassisten bestialisch ermordet wurde (Comiczeichner Riad Sattouf erzählt seine Geschichte in «La vie secrete des jeunes»).

Eindrücklich zeigt der Film, wie die DAESH-Agenten sich in die Gefühlswelt der Mädchen einschleichen. Liebe wird hier zur Liebe zum Tod, Depression zum normalen Gefühlszustand, Verschwörungstheorien zur unanfechtbaren Wahrheit. Was der Film dabei nicht zeigen kann, sind die Wurzeln dieses neuen Radikalismus, die vor allem im Versagen des arabischen Nationalismus zu suchen sind (oder vielleicht auch dem Ende aller linken Utopien). Der Konflikt zwischen Ost und West wurzelt dabei im Kolonialismus, der immer noch lange nicht überwunden ist. Gerade die mangelnden Perspektiven von Menschen mit arabischen Wurzeln führen dabei dazu, dass immer mehr Menschen das Gift des islamischen Fundamentalismus in sich aufnehmen. Dies spiegelt sich ganz klar im Glauben an völlig unbewiesene Verschwörungen; auch bei «weissen Europäern», die so Sinn kreieren in einer (vermeintlich?) immer komplexer werdenden Welt. Insofern ist «Le ciel attendra» eben nicht einfach ein Film über junge Frauen oder Teenager und ihre Sehnsucht nach Sinn, sondern ein Film gerade über die Sinnkrise des Westens, vielleicht aber auch der ganzen Welt. Denn in einer globalisierten, sich stetig verändernden Welt sehnen sich die Menschen überall nach Sinn, und manche finden ihn in den einfachen Antworten von Fundamentalisten jeder Couleur.

 «Le ciel attendra». Frankreich 2016. Regie: Marie-Castille Mention-Schaar. Mit Noémie Merlant, Naomi Amarger, Sandrine Bonnaire, Yvan Attal, Clotilde Couran, Zinedine Soualem, Dounia Bouzar u.a. Deutschschweizer Kinostart am 6. April 2017.

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