Anabolika gegen die Identitätskrise – Dominik Lochers «Goliath»

Ein junges Paar – die Deutsche Jessy und der Schweizer David – wird im Zug von einem Muskelpaket zusammengeschlagen. Dies wirft David in eine tiefe Identitätskrise, die er mit Anabolika und Training bewältigen will.

David (Sven Schelker) und Jessy (Jasna Fritzi Bauer) sind ein Paar. Sie leben irgendwo in der deutschschweizerischen Provinz. Jessy ist schwanger. Nach einer Party werden die zwei zusammengeschlagen. David kommt in eine Identitätskrise, die er mit Anabolika bewältigen will. Er will für Jessy und das Kind ein echter Mann sein, der die Familie beschützen kann. Die Präparate kauft er bei einem deutschen Latino namens Ludo (José Barros)…

David weiss genau, was ein echter Mann ist… (Bild: zVg)

Es ist keine leichte Kost, die Regisseur Dominik Locher und Ko-Autor Ken Zumstein hier vorlegen. Für David ist zweifellos die Vorstellung, selber Vater zu werden, schon beunruhigend genug. Da verwundert es nicht, wenn wir Jessy und David gar nie beim vaginalen Sex beobachten: es stellt sich die vielleicht etwas ketzerische Frage, wie Jessy denn überhaupt schwanger geworden ist. Auch erinnert der Film hier so (wohl eher unbewusst) an eine der ersten Szenen in «Knocked Up». Während dort eine Schwangerschaft Vorwand zur Komödie bietet, ist hier aber alles etwas anders. Und die Protagonisten sind wohl auch noch um Jahre jünger: Davids Krise ist aber zweifellos gerade in den Zeiten von Harvey Weinstein und Kevin Spacey mehr als nur eine altersbedingte Unsicherheit. Jessy und David wirken dabei merkwürdig blass – dies ist aber zweifellos gewollt, denn die innere Leere ist es, was Jessy und David eigentlich auffrisst.

Wenn Ludo, Davids Dealer, von einer vermutlich intersexuellen Person mit Schwanz und Brüsten schwärmt, dann verwirrt dies David zweifellos nur noch mehr: der Übermacho, sein Dealer, ist eben doch nicht der Mann, für den er ihn gehalten hat. Und dies, obwohl er explizit nach Koks und Weibern verlangt hat! Interessant gerade auch aus Basler Sicht ist Sven Schelkers Sprache. Am Telefon bei der Arbeit modifiziert er seinen Dialekt Richtung Zürich; ansonsten ist der Basler (bzw. Reinacher) aber doch sehr gut hörbar. Spiegelt sich Davids Unsicherheit also in der Sprache? Zweifellos. Und in einem gewissen Sinne erinnert Lochers Film auch an Ruben Östlunds «Turist»: hier wie dort erwarten Frauen von Männern, dass sie ihre Beschützerfunktion wahrnehmen. Doch genau dies funktioniert eben nicht. Ein Typ wie David kann die Frauen eben nicht vor den Brutalos dieser Welt beschützen. Da helfen auch die Anabolika nichts. Vor allem, weil er einfach zu wenig in der Birne hat. Es funktioniert aber auch nicht, weil diese Rückkehr zu einem traditionellen Rollenbild einerseits so oder so illusorisch ist, andererseits aber auch, weil sie schlicht falsch ist – die Vorstellung des Mannes als «white knight» ist doch nur die Kehrseite der Idee  des Mannes als Raubtier. Die zwei bedingen sich, und so lange die Menschen an diese zwei glauben, so lange werden auch die patriarchalischen Muster unkritisch weitergelebt. Der beste Beweis dafür ist ja, dass David vom Opfer zum Täter wird.

«Goliath». Schweiz 2017. Regie: Dominik Locher. Mit Sven Schelker, Jasna Fritzi Bauer, José  Barros u.a. Deutschschweizer Kinostart am 30. November 2017.


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