Raving Iran – Mit Techno zur Freiheit

Die Freude und Ernüchterung der erlangten Freiheit: Shahed Staub berichtet in seiner Reportage von zwei iranischen DJs, die für den Techno ihr Leben riskierten.

In ihrer Heimat ist abendländische Musik nach wie vor verboten: Das iranische DJ-Duo Anoosh Raki (links) und Arash Shadram alias «Blade & Beard» entschied sich für die Flucht nach vorne. zVg

Von Shahed Staub

Paare dürfen im Park keine Händchen halten, auch bei 40 Grad im Hochsommer ist in der Öffentlichkeit nur das Tragen von langen Hosen erlaubt und von einem legalen Nachtleben mit Alkohol sollte man nicht mal träumen. Die Regeln des Regimes im Iran sind strikt, für uns im Westen schwer vorstellbar und wer sich nicht daran hält, wird schwer bestraft. Doch was soll ein Iraner tun, wenn seine grösste Leidenschaft der im Land illegale Techno ist?

Auch wenn die Regeln seit der Revolution 1979 mal strenger, mal weniger streng ausgelegt wurden, lässt sich im Allgemeinen sagen, dass die iranische Regierung nur das sehen will, was frei von westlichen Einflüssen ist. Das gilt auch für die Musik. Folglich sind zum grossen Ärger der jüngeren Generation im Iran Grossveranstaltungen (speziell jene mit Künstlern), Soloauftritte von Frauen und generell das Konsumieren von abendländischer Musik verboten und nur traditionelle Musik, mit für die Regierung angebrachten Texten erlaubt. Es ist selbsterklärend, dass im Iran auch der Techno und seine Underground-Szene nicht gestattet sind – ein Problem für Anoosh und Arash.

Wie Mexiko und Trump

Anoosh Raki und Arash Shadram, deren DJ-Name «Blade & Beard» ist, sind schon seit Langem zwei gute iranische Freunde mit einer gemeinsamen Leidenschaft, dem Techno. Techno und
Iran; das ist wie Mexiko und Trump – das beisst sich. Die beiden liessen sich jedoch von der Regierung nicht einschüchtern und planten gegen die Legalität regelmässig illegale Partys in Teheran, an welchen sie für die elektronische Musik sorgten. Eine Musikparty, die wir im Westen über eine WhatsApp-Gruppe planen, wird dort mit grösster Vorsicht mit verschlüsselten SMS oder sogar nur mündlich geplant, denn die Information darf auf keinen Fall an die falschen Leute und somit zur Polizei gelangen.

Die ausgelassenen Partys finden weit entfernt von jeglicher Zivilisation in der Wüste statt. Wie in einer Parallelwelt wird ohne Kopftuch oder Trennung der Geschlechter, dafür mit viel gezeigter Haut und Alkohol die ganze Nacht zur Musik von von Anoosh und Arash getanzt – doch die Angst von der Polizei bleibt bei jedem Lied. Die beiden DJs quälte bei jeder Party der Gedanke, dass allzeit die Polizei auftauchen und nicht nur die Party, sondern auch ihre Lebensfreiheit für eine bestimmte Zeit hätte beenden können.

Einladung an die Zürcher Street Parade

Eine Narbe durchzieht die Stirn von Anoosh. Er musste ins Gefängnis, als die Polizei eine der Partys von «Blade & Beard» beendete. Ein anderer Freund wurde in dieser Nacht mit 100 Peitschenhieben bestraft, weil er Alkohol bei sich hatte. Für Anoosh und Arash war es klar, dass es so nicht weiter gehen kann. Dieser ununterbrochene Kampf gegen das iranische Regime, diese ständige Angst, erwischt zu werden, die gefährlichen Umstände und das Wissen, dass im Westen der Techno erlaubt und erwünscht ist, brachte sie zum Entschluss, ihre Heimat zu verlassen.

Als die beiden Musikpartner von der Zürcher Street Parade für ein DJ-Set im Sommer 2016 in die Schweiz eingeladen wurden, entschieden sie sich definitiv dafür, den Iran für ihre Leidenschaft und für ihre Zukunft zu verlassen. Gleichzeitig mussten sie sich aber von Partnerin, Freunden und Familie trennen, denn ob sie jemals zurück nach Hause kommen, stand und steht noch immer in den Sternen. Nach dem Auftritt in Zürich und dem Film «Raving Iran» von Susane Meures, welcher die Geschichte Anooshs und Arashs dokumentierte, war die Popularität von «Blade & Beard» erstmal riesig und bald schon wurden sie in Technometropolen wie Berlin eingeladen.

Mittlerweile leben die zwei Iraner in einem Asylheim in Graubünden. Der Trubel und der Hype um die beiden DJs ist vorbei und die Angebote, um aufzulegen, kommen sehr sporadisch. Langsam, aber sicher kommen erste Zweifel auf, ob es die richtige Entscheidung war, in der Schweiz zu bleiben. Zurück in den Iran wollen sie nicht mehr, denn zu gross ist die Angst vor Folter und wütenden Eltern. Die Ernüchterung ist gross, die Freude klein, die Inspiration für neue Musik weg. Anoosh und Arash haben den Anschluss verpasst und warten noch immer auf den Bundesentscheid. Asylgrund: Techno.