Wiedersehen in Nazareth – Annemarie Jacirs «Wajib»

Vater und Sohn treffen aufeinander, und mit ihnen zwei Blicke auf die Welt der (israelischen) Palästinenser: ein Blick von aussen, aus der Diaspora, und ein Blick von innen, wo ohne Zusammenarbeit mit den Machthabern gar nichts läuft.

Shadi (Saleh Bakri) lebt in Italien, während sein geschiedener Vater (Abu Shadi; also der Vater von Shadi, dargestellt von Mohamed Bakri) in Nazareth (Israel/Palästina, offiziell ein Teil von Israel) geblieben ist und dort eine Schule leitet. Zusammenarbeit mit dem Staat ist Pflicht; er sieht in Ronny aber einen Freund, während sein Sohn mit dem «Zionisten» nichts zu tun haben will. Doch der Vater will auch Ronny – als einzigen jüdischen Gast – an die Hochzeit seiner Tochter einladen. Die palästinensische Tradition will es, dass Vater und Bruder der Braut alle persönlich einladen. So beginnt ein langer Tag für Vater und Sohn, mit vielen Diskussionen und interessanten Begegnungen…

Vater und Sohn trinken aus Pflichtgefühl ein wohl eher fragwürdiges Kaffeegetränk. (Bild: zVg)

Annemarie Jacir legt mit «Wajib» (der Titel – arabisch für Pflicht – bezieht sich auf das persönliche Einladen der Gäste) ihren wohl bisher besten Film vor. In ihren früheren Filmen hat sie vor allem die eine Seite gezeigt: die Seite der Opposition. Dies ist auch wichtig – was sie aber in «Wajib» schafft, ist vielleicht aber noch wertvoller. Sie zeigt die Seite des palästinensisch-israelischen Schulleiters, der mit den israelischen Behörden zusammenarbeiten muss – und die des Palästinensers aus der Diaspora, der keine Kompromisse eingehen will und auch schlechte Erinnerungen an Ronny hat, den jüdischen Freund seines Vaters.

Die Stadt Nazareth hat verschiedene Bedeutungen: es ist eine Stadt in Israel, die «arabische Hauptstadt Israels», sie ist aber die Stadt des Nazareners Jesus (auf hebräisch und arabisch ist das Wort für Christ von Nazareth abgeleitet, hebr. notsrí, arab. notsrânî) und die Familie von Shadi und Abu Shadi ist denn auch christlich. Shadi und Abu Shadi sind palästinensische Israeli. Deshalb muss sich der Vater nicht (nur) mit gewählten Politikern, sondern eben auch mit dem israelischen Staat und seinen Vertretern arrangieren. Shadi wiederum ist mit einer Palästinenserin (im Ausland geborene Tochter von Flüchtlingen), die nicht mehr nach Palästina zurückkehren kann, liiert.  Mohammed und Saleh Bakri sind übrigens auch im wirklichen Leben Vater und Sohn – gut möglich, dass hier auch autobiografische Elemente einfliessen. Dass Eltern und Kinder in der arabischen Welt eine andere Bedeutung haben, zeigt sich letztlich auch daran, dass Abu Shadis eigener Name in «Wajib» im Film (wohl) an keiner Stelle erwähnt wird. Und: obwohl der Film in Nazareth gedreht wurde, ist Israel nicht eines der Produktionsländer. Auch hier zeigt sich der tiefe Graben zwischen Israel und seinen arabischen Bürgern sowie allen anderen PalästinenserInnen.

«Wajib». Palästina/Frankreich/Kolumbien/Deutschland/V.A.E./Katar/Norwegen 2017. Regie: Annemarie Jacir. Mit Mohammed Bakri, Saleh Bakri, Maria Zreiuk, Rana Alamuddin u.a. Deutschschweizer Kinostart am 8. März 2018